Nr. 04/2017 vom 26.01.2017

Köpfe und Kampagnen

Von Anfang an auch reformistischer Quark: Die feministische Zeitschrift «Emma» feiert – und schiesst zum 40. Geburtstag gegen die Jungen.

Von Ulrike Baureithel

Logo der «EMMA».

Aufruhr in der deutschen Frauenszene. Ausgerechnet zum Vierzigjahrjubiläum der feministischen Zeitschrift «Emma» veröffentlichte die Redaktion einen nicht namentlich gezeichneten Beitrag, der sich frontal gegen die Berliner Netzfeministinnen wendet. «Die Hetzfeministinnen» ist er getitelt und geht ans Eingemachte: Sei es die medial sehr präsente Anne Wizorek, die muslimische Bloggerin Kübra Gümüsay oder Stefanie Lohaus vom «Missy»-Magazin: Kein gutes Haar bleibt an den jungen Feministinnen, deren Sprache von «Dogmen und Rätseln», «Sternchen und Unterstrichen normiert» sei.

Die «Befürworterinnen des Islamismus», so «Emma» weiter, seien «sehr präsent an den deutschen Universitäten», zeigten Verständnis für islamistische Gewalttäter wie in Köln und verteidigten sogar die Burka. Die mit «Posten und Subventionen bedachte Berliner Feminismus-Szene» führe eine «Abschussliste», auf die alle gesetzt würden, die nicht einig in ihrem Geiste seien. So auch Alice Schwarzer und «Emma», die den jungen Frauen doch mit so viel Sympathie begegnet sei.

Die Urmutter rechnet vor

Diese Kampfansage auf Papier erinnert an die Zeit, als «Emma» entstand, vor genau 29 068 Seiten, wie Urmutter Alice Schwarzer vorrechnet. Das war zu Beginn des «bleiernen» deutschen Jahres 1977. Als «Emma» mit einer sagenhaften Auflage von 200 000 Exemplaren startete, war sie eigentlich schon eine Nachzüglerin, denn über ein halbes Jahr zuvor war die Berliner «Courage» an den Start gegangen, mit zeitweise bis zu 70 000 Exemplaren ebenfalls ein Erfolgsmodell, das allerdings 1984 eingestellt wurde.

Die Gräben, die zwischen der Kölner Herausgeberin und der Berliner Frauenszene ohnehin schon geklafft hatten, vertieften sich durch die Marktkonkurrenz. Diametral nicht nur inhaltliche Positionen, sondern auch publizistische Konzepte: in Berlin ein streng basisdemokratisch organisierter feministischer Journalismus, in Köln «Emma», die von Anfang an auf «Köpfe» fokussierte (schon im ersten Heft vom 26. Januar 1977 präsentierte sich Alice Schwarzer mit «meiner Freundin Romy Schneider»). Das hat sie bis heute durchgehalten. Zum 40. Jahrestag promenieren jetzt Promis zur Gratulation auf, angeführt von Angela Merkel, 2003 noch als «Pascha des Monats» geoutet.

Während die alternative Frauenpresse an ihrem Anspruch festhielt und sich in den Mühen der Ebene aufrieb, hatte die «Emma»-Frontfrau verstanden, dass sie, wenn sie dauerhaft medienwirksam werden wollte, ein auf sie zugeschnittenes «Organ» benötigte. Schwarzer vermarkte die Frauenbewegung, um sich selbst in Szene zu setzen, wurde der «Emma»-Chefin vorgeworfen. Schon im dritten Heft verwahren sich die Frauen des Frankfurter Studierendenrats gegen «Vereinnahmung» und den «reformistischen Quark», den «Emma» verbreite.

Polarisieren statt differenzieren

Alice Schwarzer dagegen setzte von Anfang an auf Kampagnen. Sie forderte die Aufnahme von Frauen in die Bundeswehr, agitierte gegen Vergewaltigung auch in der Ehe und prangerte sexuellen Missbrauch an. Auch wenn «Emma» nicht in jedem Fall die Erste war, die Ungerechtigkeiten oder Gewalt gegen Frauen skandalisiert hat, wie Schwarzer behauptet: Das Blatt hat viel dazu beigetragen, um diese an die Öffentlichkeit zu tragen.

Aber vieles, was «Emma» in den Brennpunkt rückte, war auch umstritten. Die friedensbewegten Feministinnen der achtziger Jahre hatten mitnichten Ambitionen, in der Bundeswehr Karriere zu machen. Die PorNO-Kampagne brachte KünstlerInnen in Abwehrstellung. Besonders unbeliebt machte sich Alice Schwarzer aber bei den sich gerade als Berufsstand etablierenden Prostituierten, weil sie Sexarbeiterinnen vorschreiben wollte, wie sie leben, fühlen und ihr Geld verdienen sollen. Sie sei unfähig, hielt man ihr vor, zwischen Prostitution und Zwangsprostitution zu unterscheiden.

Doch differenzierte Betrachtungen haben nie zu ihrem Geschäft gehört. Der «Emma»-Kosmos war von jeher in weisse und schwarze Regionen abgesteckt, Gut und Böse, Freund und Feind. Mit diesen eindeutigen Weltbildern hat «Emma» polarisiert, Widerspruch heraufbeschworen, Feindschaften begründet – und sich, obwohl das Blatt grosse Auflageverluste hinnehmen und mehrfach den Erscheinungsmodus verändern musste, am Leben erhalten. Auch wenn «Emma» von vielen als «Mediengesicht des deutschen Feminismus» betrachtet wurde – die «Deutungshoheit» hatte sie nie.

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