Nr. 04/2017 vom 26.01.2017

Was riecht denn hier nach Blut?

Sie war Spiderman und Todesengel, und sie ist das Aufregendste, was der Schweizer Pop zu bieten hat. Unterwegs mit Evelinn Trouble.

Von Florian Keller (Text) und Florian Bachmann (Fotos)

Der Teufel hat sie auf die Bahn geworfen: Evelinn Trouble als schwarzer Schwan im falschen Schnee.

I. Hyper Turist

«I have nothing! Nothing! Nothing!» Sie hat sich vom Sitz erhoben, der Tacho steht solide bei hundert. Aus den Boxen heult Whitney Houston, daran ist der Keyboarder schuld, der mit seinem Smartphone den DJ spielt. Es geht gegen drei Uhr morgens auf der Autobahn, Bassist Flo Götte sitzt eisern am Steuer, und hinten ist Evelinn Trouble kurz von der Rückbank aufgestanden, um mitzusingen, aus ganzer Seele gegen die Windschutzscheibe, in die Nacht hinaus: «I have nothing if I don’t have you …» Für einen Moment ist sie eine blondierte Whitney, die Augen immer noch dramatisch geschminkt vom Konzert ein paar Stunden davor im Café Mokka in Thun. Dazu trägt sie jetzt eine flauschige weisse Felljacke, das muss ein falsches Lamm sein.

Wäre das eine Szene in einem Film, müssten wir jetzt mit offenem Verdeck fahren, Wind im Haar auf offenem Highway und so, aber dies ist kein Film und ein Bandbus kein Cabrio. Sowieso sind wir ganz froh um das Dach, denn es ist scheisskalt draussen, und unser Highway ist nur die A1, diese langweilige Geisterbahn, mehrspurig durch den Herbstnebel, der das Mittelland verschluckt hat. Nächste Ausfahrt nicht Arizona, sondern: Aarburg.

Der Bandbus von Trouble verheisst genau das: Trouble. Eine alte Blechkiste, von der man befürchten muss, dass sie jederzeit auseinanderfällt. Aber sie ist zäh, die Kiste, und sie hat auch die kleine Deutschlandtour überstanden, die Evelinn Trouble und Band gerade hinter sich haben. Es war nicht immer nur geil dort, so schnell geht das nicht mit der Eroberung des benachbarten Auslands. In Aachen spielten sie vor sechs Leuten, nur zwei mehr im Publikum als auf der Bühne. Dafür war dann volles Haus im Auster-Club in Berlin, wo Evelinn Trouble neuerdings lebt, nach zuletzt drei Jahren in London.

Jetzt ist Saisonschluss, die Band im Bus erschöpft und aufgedreht. Und vorn auf dem Beifahrersitz kennt Keyboarder Olivier Zurkirchen mit seinem Smartphone kein Erbarmen. In der Anfahrt auf Zürich schenkt er uns noch den «Earth Song» von Michael Jackson. Guten Morgen, die Nacht ist noch lang. Auf dem Bandbus steht, gesprayt in grossen, signalroten Lettern: «Hyper Turist».

II. Der Pfeil im Kopf

Was riecht denn hier nach Blut? Ach so, da steckt ein Pfeil in deinem Kopf. Du willst ihn rausziehen, geht aber nicht. Also abbrechen, die Wunde sauber mit Puder und Leim zugepflastert, und dann ab auf die Bühne. Wie lebt es sich mit so einer Pfeilspitze im Kopf, was macht das mit dir? Dies ist das schmerzhafte Traumbild, das sich durch «Arrowhead» (2015) zieht, das jüngste Album von Evelinn Trouble.

Zeit für ein Bekenntnis. Es ist nicht gerade so, dass ich dieses Album im vergangenen Jahr jeden Tag gehört hätte. Aber sagen wir, jeden zweiten (auch das ist nur leicht übertrieben). Die Platte wurde dabei nur grösser, kein bisschen gewöhnlicher. Anspieltipps gefällig? Abfahren! «Arrowhead» ist kein Sortiment, aus dem man sich die besten Stücke mal eben aus dem Netz runterzieht, sondern ein Album im starken Sinn, also mehr als die Summe der einzelnen Teile. Evelinn Trouble selbst nennt es eine Suite, aber das klingt schon zu bildungsbürgerlich. Sieben Songs plus Prolog und Zwischenspiel: «Arrowhead» ist ein einziger Trip, durchkomponiert von Anfang bis zum letzten Echo, aber nie auf diese ausgeklügelte Weise, dass man dabei einen Bauplan heraushört. Eine Rockplatte wie ein durchgehender luzider Traum oder wie ein organisches Biest, stets auf der Kippe zwischen Entfesselung und Kontrolle, und zum Schluss mit «Just a Fever» verglüht dieses Album langsam von innen her, neun rauchende Minuten lang.

Man möchte mit der stärksten Soundanlage, die man kriegen kann, um Mitternacht aufs Dach des Prime Tower steigen und dann mit «Arrowhead» dort oben die ganze Stadt beschallen, bis die Nacht davon vibriert, 41 Minuten lang und dann wieder von vorn. So ein Album ist das.

Down with a fever
Named after you

Die Popkritik im Land reagierte auf «Arrowhead» mit routinierter Anerkennung. Wie das halt passiert, wenn man sich so sehr an jemanden gewöhnt hat, dass man nicht mehr merkt, wenn sich da etwas wirklich Grosses ereignet. Was Evelinn Trouble alles drauf hat: Das weiss man schon so lange, dass es manchen vielleicht gar nicht mehr auffällt, dass sie immer noch besser wird. Besser, das heisst bei ihr: Die Songs werden einfacher, aber bleiben komplex. Bleiben brachial, aber werden leichtfüssiger dabei. Und sie singt theatralischer, aber entspannter. Bloss dass das bei ihr nie so klingt, als ob hier Gegensätze zusammengezwungen würden.

Ist das der Sound of Auferstehung, den wir hier hören? Die Erhabenheit einer Überlebenden, die durchs Feuer gegangen und zurückgekommen ist, Phönix aus der Asche und so? Die Versuchung ist gross, das so zu überhöhen, seit jenem Sonntag im Juli 2012, als Evelinn Trouble am eigenen Leib erfuhr, wie einer ihrer Songs wahr wurde. Dabei stammt der Text dazu nicht einmal von ihr, sie hat ihn von einer Ballade von Adrian Weyermann adaptiert. Bei ihr heisst der Song «I’m on Fire», und das war nie als Prophezeiung gedacht.

III. Venus im Pelz

Ihre früheste musikalische Erinnerung? Ein Schwanentanz, den sie als Kind ihrem Vater vorführte, zu «Venus in Furs» von Velvet Underground. Klingt nach einer Legende, aber sie hat das nicht erfunden. Geboren wurde sie 1989 als Linnéa Racine in Zürich, der Vater ist Architekt, ihre Mutter die Jazzmusikerin Marianne Racine. Bei ihr lernt sie Klavier, und dank der Plattensammlung daheim hört sie schon früh nicht mehr Schlümpfe, sondern die Beatles, die Doors, Janis Joplin. Aber sie erinnert sich auch, wie die Mutter damals mit Björks Album «Debut» (1993) nach Hause kam. Was das denn für Musik sei, habe sie gefragt. Die Mutter so: «Pop, glaube ich?» Mit elf Jahren bekommt Linnéa ihre erste E-Gitarre, später gründet sie eine erste Band namens Lorry. Mit siebzehn Jahren tut sie sich den Namen Evelinn Trouble zu und nimmt ihr erstes Album auf, als Maturarbeit, eingespielt im Alleingang: «Arbitrary Act» (2007), frühes Zeugnis einer Hochbegabten. Jugendlich daran wirkt allenfalls, wie unbekümmert sie verschiedene Stile anprobiert, aus dem Radiohead-Modus zu R ’n’ B wechselt und dann weiter zum (Hilfe!) Supertramp-Piano. Ansonsten klingt das schon damals viel zu souverän, als dass man es als blosse Talentprobe verbuchen könnte.

Schon zwei Jahre später ist sie kaum wiederzuerkennen, wie sie als Todesengel im Brautkleid durch ein Abstimmungsvideo tobt: «Warface» ist Evelinn Troubles Beitrag für die GSoA-Initiative gegen Kriegsmaterialexporte, ein Bulldozer von einem Protestsong, übertönt von Sirenen und gespenstischem Kreischen. Und statt sich bequem in pazifistischem Pathos zu ergehen, schlüpft sie in Song und Video in die Rolle der Rüstungskonzerne mit ihrem chemisch gereinigten Gewissen. Es ist Agitprop für Fortgeschrittene, bitterböse statt selbstgerecht auf der sicheren Seite.

Evelinn Trouble ist ein Shapeshifter, ein Wechselwesen, auch heute noch. Das sticht schon auf ihren Albumcovers ins Auge. Für «The Great Big Heavy» (2013) posierte sie – herausgeputzt und abgelöscht – in einem Turnkleid, mit einem gefiederten, absurd auskragenden Kopfschmuck, wie eine symbolische Rauchsäule. Auf «Arrowhead» nun taucht sie mit blutrot geschminktem Gesicht als Rachegöttin aus einer Wanne mit geschwärztem Wasser auf, hinter sich die stürmische See (gemalt). Kabuki trifft Glamrock. Pop ist ja immer auch, was du anziehst und wie du es trägst. Auf der Bühne kommt bei Evelinn Trouble elastischer Pharaonenkult hinzu: Da tritt sie neuerdings gerne in einem goldglänzenden Top und passenden Leggins auf, bedruckt mit der Maske des Tutanchamun. Und in ihrem neusten Musikvideo stöckelt sie mit blonden Zöpfen im himmelblauen Pettycoat durch eine neblige Traumlandschaft. Zum Song «Shed It» spielt sie die Dorothy aus dem «Wizard of Oz», in einer Splatterversion in Endlosschlaufe, mit allerhand handgemachten Ekeleffekten.

IV. Christian Rap

Jetzt sitzt sie ungeschminkt und unverkleidet vor einer Bar in Zürich, vor sich einen Süssmost, später Bier. Es ist ein kühler Abend im Spätherbst, Evelinn Trouble oder Linnéa Racine trägt Lederjacke und eine schwarze Trainerhose mit roten Streifen. Im Gespräch schaut sie streng (oft) oder sie strahlt (mindestens so oft), nie irgendwas dazwischen. Dabei fingert sie unablässig an ihrem Arafattuch herum. Gefragt, welches Konzert sie als Zuhörerin zuletzt so richtig weggeblasen habe, gibt sie ungeniert das Bühnentier preis, das sie ist. Das, sagt sie, passiere ihr inzwischen selten: «Ich denke halt immer, ich wäre jetzt lieber gern selber dort oben.» Dann erzählt sie von alten Frustrationen, die sie abschütteln musste. Vom kräftezehrenden Kampf mit Drum Machine und anderen Geräten, als sie noch ohne Band, nur zu zweit mit ihrem damaligen Freund Flo Götte unterwegs war. Und davon, dass sie habe lernen müssen, sich auf der Bühne nicht zu sehr von ihren Emotionen mitreissen zu lassen: «Früher hab ich mir davon oft die Laune verderben lassen. Dann schreist du dich nur noch traurig durchs Konzert.» Und sie erzählt davon, wie anstrengend es ist, einen guten Song zu schreiben, dass sich jeder Song aber irgendwann doch wie von allein schreibe: «Pushen nützt nichts, das hab ich gelernt.» Dabei ist sie eine Perfektionistin, das hört man auf «Arrowhead» in jedem Echo, jedem Störgeräusch. In den Harmonien, der Melodieführung geht sie dem Naheliegenden meist aus dem Weg. Die Kunst ist dann, auch das Ungerade, das Abseitige so zu wenden, dass trotzdem alles im Flow bleibt. Leidet sie manchmal unter ihrem Perfektionismus? Pfeilgenau, ohne zu zögern: «Nein, ich profitiere davon.»

Zwei Tage vor dem Gespräch, Konzert im Bogen F in Zürich. Evelinn Trouble spielt auch ein paar neue Sachen, darunter «Reconsider», ein schleppendes Mantra auf nur zwei Grundtönen, schwarz glühend wie ein Lavastrom, samt heisslaufendem synthetischem Sitarsolo. Ein Song von elementarer Wucht, man müsste einen urbanen Stammestanz dazu erfinden.

My dreams were made of air
So was reality

Jedes Konzert von ihr ist immer auch ein schamanistisches Ritual: Musik als Drogenersatz. In Zürich zieht sie sich mittendrin einen mit Totenköpfen bemalten Schleier über den Kopf und singt auf Urdu, in einer Sprache, von der sie kein Wort versteht, ein Liebeslied aus einem alten Bollywoodfilm: «Kasmen Wade Pyar Wafa». Will sie uns damit beweisen, dass sie auch das kann? Oder einfach an einem neuen Lieblingslied teilhaben lassen? Wenig später ist sie schon tief in den Achtzigern, in einer Zeit, die sie musikalisch eigentlich verabscheut, und singt «What’s Love Got to Do with It?» von Tina Turner. Wieso das denn? «Weil das ein verdammt guter Song ist», sagt sie beim Bier, «aber er tönt so scheisse in der Originalversion.»

Auch so eine Gabe: wie sie sich alles so anverwandelt, dass es zu Evelinn Trouble wird, nicht einfach eine kompetente Coverversion. Auch mit Mani Matter ist ihr das viel besser als den meisten gelungen, auf dem neusten Tributalbum «Und so blybt no sys Lied» (2016). Sie hat dafür «Alls wo mir i d Finger chunnt» eingespielt, als geisterhaften Bossa nova, mit sinistren Streichern wie von Radiohead und einem kleinen Leichenchor aus lauter Troubles.

«Psychedelik in allen Formen», so hat sie ihre Musik einmal umschrieben. Und auf ihrem inzwischen erloschenen Myspace-Profil machte sie sich einst einen Spass daraus, die Schubladen ad absurdum zu führen: Als Stilbezeichnung gab sie dort «Christian Rap» an. Tatbestand: mutwillige Irreführung, auf beide Seiten hin. Kategorien? Hat sie nicht nötig. Evelinn Trouble ist eine Allesfresserin, die sich um Stilgrenzen nicht kümmert. Oder? Sie zuckt mit den Schultern. «Alles ist einfach … Musik», sagt sie, als ob sie schon die Frage ein bisschen beschränkt findet.

Das ist auch in ihrem neusten Song «Wish MMXVII» zu hören, den sie mir aus Griechenland schickt, als sie dort als Freiwillige in einem Flüchtlingslager hilft. Es ist ein stilles Protestlied, Klavier in gespenstisch verhallter Trauerkulisse: «Heal the world» singt sie am Ende, und «you may say that I’m a dreamer». Michael Jackson verschmilzt mit John Lennons «Imagine». One World.

V. Blind Date

Wenn man bei Youtube nach «Evelinn Trouble» sucht und die Ergebnisse nach Klickzahlen filtert, kommt an erster Stelle immer noch: Sophie Hunger, in einem Fanvideo von 2008, aufgenommen im El Lokal in Zürich. Verkleidet mit Sonnenbrille und blonder Perücke, singt die Hunger darin ihren «Protest Song», flankiert von Becky Lee Walters und einem dritten Gitarrenmädchen, das akkurat gescheitelt neben ihr sitzt: Evelinn Trouble.

Sie ist noch ein Teenager zu jener Zeit, ihre ersten grösseren Auftritte hat sie hinter sich, als Gastsängerin von Sophie Hungers damaliger Band Fisher. Doch die Chefin macht sich mit ihrem Kammerpop bald allein auf den Weg nach ganz oben in der Hitparade. Sie verlieren einander aus den Augen, acht Jahre lang haben sie praktisch keinen Kontakt mehr. Als Sophie Hunger, inzwischen auch eidgenössisch hochdekorierter Schweizer Popexport, im vergangenen Oktober auf Twitter für das erste Berliner Konzert ihrer einstigen Weggefährtin wirbt, schreibt sie dort irgendetwas von «Blues Punk Pop» und einer Stimme wie Björk. Es ist eine schöne Geste wie unter Geschwistern, die sich auseinandergelebt haben. Wobei, entweder hat Hunger die Stilschablonen extra so beliebig zusammengewürfelt, weil sie der Jüngeren ein möglichst breites Publikum anwerben will – oder sie weiss wirklich nicht, was ihre Begleiterin von damals heute so macht.

In Berlin sind sie jetzt fast Nachbarinnen. Schön sei das, sagt Evelinn Trouble, «als würden wir uns nochmals neu kennenlernen». Und setzt hinzu: «Jetzt, wo der Erfolg da ist, ist sie vielleicht auch wieder etwas entspannter.»

Evelinn Trouble hat ja selber auch schon in grossen Hallen gespielt – als Gastmusikerin bei Stress, Keyboards und Gesang. Auch an einem neuen Projekt des Rappers aus Lausanne ist sie beteiligt, zusammen mit dem Bassisten der Bieler Popband Pegasus. Ob sie dafür dann auch wieder mit auf Tour geht, ist noch offen. Sie müsse ja schon auch dahinterstehen können, sagt sie. Und korrigiert sich im selben Atemzug gleich selber: «Nein, dahinterstehen kann ich eigentlich nicht. Aber ich konnte ein bisschen Schadensbegrenzung leisten.» Warum tut sie das also? «Es ist ein Job.» Sie sieht sich da als musikalische Dienstleisterin. Und wenn der Lohn stimmt, kann sie es sich danach wieder eine Zeit lang leisten, sich in Ruhe ihrer eigenen Musik zu widmen. So hat sie das auch von ihrer Mutter vorgelebt bekommen: dass Musik etwas ist, von dem man leben kann.

Zu den Jobs gehört nicht nur die Arbeit für Stress oder, am anderen Ende des Spektrums zwischen Kunst und Kommerz, für die Theaterbühne, wo sich Evelinn Trouble zuletzt in eine Ritterrüstung zwängen musste, im «Unusual Weather Phenomena Project» ihres einstigen WG-Genossen Thom Luz. Zu den Jobs zählt sie auch Grenzerfahrungen wie jüngst ihren Auftritt bei «Songmates» im Schweizer Fernsehen. Das ist diese Sendung, in der jeweils zwei MusikerInnen wie bei einem Blind Date zusammengeführt werden – und dann sollen sie in 48 Stunden zusammen einen Song schreiben und einspielen. Evelinn Trouble wollte wissen: Kann sie ein solches Format infiltrieren, ihre eigenen Regeln einbringen?

Und da kommt es schon, ihr Blind Date: so ein Schwiegersohntyp, bisschen Bart am Kinn und ein lieber Blick, dazu ein Schal, der das Empfindsame in ihm betont. Sie stellen sich vor, er hat noch nie von ihr gehört, aber ihr geht es genauso. Er heisst Matt und singt mit seinen drei Brüdern in der erfolgreichsten Schweizer Popband der letzten Jahre. Es ist einer der Gebrüder Buchli von 77 Bombay Street.

Bei der ersten Begegnung trägt Evelinn Trouble einen weissen Anzug à la «Miami Vice», und recht früh in der Sendung sagt sie diesen Satz: «Mein Bauchgefühl sagt mir, ich darf hier dreinfahren und anführen.» Tut sie dann auch.

Was wir erleben, ist ein Clash der Kulturen im Format Swiss Miniature. Wenn Matt Buchli über sein Selbstverständnis als Musiker redet, klingt das so: Er will Musik machen, die den Schweizer Mamis daheim etwas bedeutet, wenn sie einen seiner Songs zufällig am Radio hören. Und Evelinn Trouble? Die bekommt schon fast Ausschläge, wenn eine akustische Gitarre einen ganzen Song lang einfach durchschrummt. An der Gitarre durchkreuzt sie Matts Dutzendakkorde mit Störgeräuschen, und später, als es ihm schon zu depressiv klingt, hält sie dagegen: «There’s never zu depressiv. Du musst die Unterseite schön beleuchten!»

Am Ende, als der Song im Kasten ist, sagt Matt, und er wirkt ziemlich geplättet dabei: «Sie weiss, was sie will.» Ein wahrer Satz, fast möchte man Matt in den Arm nehmen dafür.

VI. High Voltage

Auch an jenem Sonntagmorgen am Bahnhof Hardbrücke in Zürich wusste sie genau, was sie will. Es ist 8.38 Uhr am 8. Juli 2012. Sie erinnert sich: «Ein mega Schlag, und ich klebte auf dem Zugdach.» Aber ihr erster Gedanke war nicht: «Jetzt sterbe ich.» Sie dachte: «Wieso hat es nicht geklappt? Ich bin doch Spiderman.»

’Cause I’m on fire
Never felt much higher before

High? Im Gegenteil. Nichts lief damals so, wie sie wollte. Die Musik war «am Arsch», wie sie sagt, ihr zweites Album «Television Religion» (2011) hatte ihr nicht das erhoffte Echo gebracht. Sie hat eine lange Nacht hinter sich, viel getrunken, dann aber lange nichts mehr, als sie bei der Hardbrücke auf abwegige Ideen kommt. Und plötzlich Dinge tut, die sie noch nie gemacht hat, weil sie glaubt, dass sie muss: auf die Gleise steigen, aufs Perrondach klettern. «Hast du schon mal Ritalin genommen?», fragt sie, als sie jenen verhängnisvollen Morgen schildert. «So fühlte ich mich damals: Alles, was du tust, folgt einem klaren roten Faden.» In Trance, aber völlig zielgerichtet, hoch konzentriert. Spidermans Ziel: auf das Dach eines einfahrenden Zuges springen, auf der anderen Seite wieder hinunter. Und dann nach Hause, ganz einfach, als wär nichts gewesen.

(Genau so klingt ja übrigens «Arrowhead». Wie in Trance, aber hoch konzentriert.)

Sie springt, da bildet sich zwischen ihr und der Fahrleitung ein elektrischer Lichtbogen. Und statt auf der anderen Seite und dann zu Hause landet sie, weil sie verdammtes Glück hat, im Spital: «Dort haben sie mich betäubt und mir im Säurebad die tote Haut abgeschabt.»

Evelinn Trouble überlebt den Stunt mit schweren Verbrennungen zweiten und dritten Grades, 32 Prozent der Körperoberfläche sind versengt. Gesunde Haut vom Oberschenkel wird ihr an den rechten Arm transplantiert. Eine Woche Intensivstation, dann die langwierige Regeneration. Brandwunden heilen sehr, sehr langsam, Evelinn Trouble muss lernen, was sie davor nicht kannte: Geduld. Später wird sie noch wegen fahrlässiger Störung des Bahnverkehrs verurteilt, eine Strafe bleibt ihr erspart, weil sie, wie der Staatsanwalt findet, durch ihre Verletzungen schon genug gestraft sei.

Sie redet jetzt erstaunlich offen darüber, aber sie hat ja auch schon davon gesungen. Zum ersten Mal explizit in einem Lied, das sie sieben Wochen nach dem Unfall aufnimmt und das als Bonustrack auf ihrem dritten Album «The Great Big Heavy» (2013) landet. Sie berichtet darin von ihrer Genesung und bittet ihre «Magic Friends» um Verzeihung. Der Teufel, singt sie sinngemäss, hat sie nicht aus der Bahn, sondern auf die Bahn geworfen, damit sie wieder aufstehen kann. Und auch wenn das zynisch klingt: Für die Mythologisierung einer Rockstarbiografie kann man sich eigentlich kaum eine stärkere Geschichte vorstellen. Wie Ikarus als junge Frau, aber ohne tragisches Ende. Feuer, Elektrizität, Selbstgefährdung: drei Kräfte, die den Mythos Rock ’n’ Roll seit jeher antreiben. «It’s better to burn out than to fade away», wie es bei Neil Young heisst. Klingt gut, aber Metaphern brennen nicht, und ganz so wörtlich hat er das ja wohl nicht gemeint.

«Remind me what it’s like / To catch fire / And crash and burn». So singt Evelinn Trouble jetzt in «Reminder», dem vorletzten Stück auf «Arrowhead». Erinnere mich daran, wie es ist, Feuer zu fangen. Klingt wieder nach Aufarbeitung, aber dies ist ein Breakup-Song, es geht hier um die Liebe. Vier Minuten Trotz und Trauer, erst leise tastend, am Ende der Durchbruch in die schiere, laute Wucht – und aus. Ein Song wie ein Triumph, das findet dann auch einer nach dem Konzert in Thun, und darum sei es schon ein bisschen schade, dass sie «Reminder» nicht gespielt habe. «Mit diesem Song hast du deinen Zenit erreicht», sagt er freudig zu Evelinn Trouble.

«Nein», lacht sie zurück, strahlend inmitten von all diesem leuchtenden Klimbim im Café Mokka. «Mein Zenit, der kommt erst noch.»

Draussen wartet der «Hyper Turist».

Ihren neuen Song «Wish MMXVII» gibt es dieser Tage auf Youtube und als Download auf Evelinn Troubles Bandcamp-Seite.

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