Nr. 04/2017 vom 26.01.2017

Das Geräusch, wenn die Kugel den Schädel trifft

Der chilenische Regisseur Pablo Larraín hat einen bestechend intimen Film über die Ermordung John F. Kennedys gedreht. Im Mittelpunkt: Natalie Portman als trauernde Gattin.

Von Daniela Janser

Um einen Mythos zu bauen, braucht es Willenskraft: Natalie Portman als Jacqueline Kennedy. Still: Jackie Productions Limited

Der Film «Jackie» handelt von der mythologischen Herstellung eines Präsidenten unmittelbar nach dessen Ermordung. Aber auch vom ganz konkreten Geräusch der Kugel beim Einschlag in John F. Kennedys Schädel. Seine Gattin Jacqueline hatte das Geräusch dieser Kugel im Ohr, sass sie doch direkt neben ihm in der offenen Limousine, als er am 22. November 1963 in den Strassen von Dallas getötet wurde. Blut und Hirnteile des Präsidenten spritzten in ihren Schoss und verschmierten auch Gesicht, Haare und das pinkfarbene Designerkleid, das auszuziehen sie sich lange weigerte, obwohl sie von ihrem Umfeld mehrfach dazu aufgefordert wurde. Sie trug es immer noch, als sie viele Stunden später und zurück in Washington D. C. vor laufenden Fernsehkameras mit dem bereits als neuen Präsidenten vereidigten Lyndon B. Johnson aus der Air Force One stieg. Die ganze Welt sollte sehen, was man ihrem Jack, wie sie ihn nannte, angetan hatte.

Doch der chilenische Regisseur Pablo Larraín («No») ist nicht nur dem Geräusch dieser einschlagenden Kugel und den Blutflecken auf der Spur, wenn er in «Jackie» die Stunden und Tage nach dem Mordanschlag rekonstruiert. Was seinen ersten englischsprachigen Film aus der Masse der bereits existierenden Bücher und Filme über das Präsidentenattentat heraushebt, ist die Engführung auf die Perspektive und geheimnisvolle Willenskraft der First Lady, die alle Jackie nannten.

Trauern mit Effekt

Doch damit nicht genug. Larraín bricht diese Einzelperspektive wieder auf, indem er lange bei Jackies Gesprächen mit einem von ihr herbeizitierten Journalisten (Billy Crudup), mit Kennedys Bruder Bobby (Peter Sarsgaard) und einem alten Priester (John Hurt) verweilt. Vor allem aber gelingt es ihm auf souveräne Weise, uns gleichzeitig das Gesagte wie auch das Ungesagte zu zeigen, das bereits Bekannte und das Verborgene, das Pathos und dessen Hohlheit, den Mythos und seine Herstellung. Und fast scheint es, als seien er, sein Drehbuchautor Noah Oppenheim und die ausgezeichnete Hauptdarstellerin Natalie Portman dafür bei Jacqueline Kennedy selbst in die Schule gegangen.

«Jackie» führt vor, wie die frisch Verwitwete trotz aller Trauer, aller Widerstände und schweren Zweifel ihren toten Gatten JFK für die Nachwelt zurechtmacht. Und zwar mit einer ganz ähnlichen Methode, die sie Jahre zuvor schon bei ihrer legendären und medial inszenierten Renovierung des Weissen Hauses angewendet hatte. Herzstück ist in beiden Fällen der emphatische Rückgriff auf den knapp hundert Jahre vor JFK ebenfalls erschossenen Überpräsidenten Abraham Lincoln. Dessen epochale Leistungen im Bürgerkrieg und bei der Abschaffung der Sklaverei stehen in keinem Verhältnis zur gewaltsam abgekürzten und sowieso eher mageren politischen Hinterlassenschaft Kennedys. Doch genau wie Jacqueline Kennedy das private präsidiale Schlafzimmer im Weissen Haus einst als Lincoln-Zimmer einrichtete, fordert sie nun für JFK eine bis ins Detail bei Lincolns Beerdigung abgeschaute pompöse Trauerprozession, samt einer von sechs Schimmeln gezogenen Lafette als Sargwagen. Mithilfe des ebenfalls sehr geschickt eingesetzten neuen Massenmediums Fernsehen und von Zitaten aus dem sentimentalen King-Arthur-Musical «Camelot» verankert sie JFK so effektvoll als «grossen Präsidenten» im mythenhungrigen kollektiven Gedächtnis.

Die Waffen der First Lady

«Jackie» ist eine Geistergeschichte, in der ein Toter mittels eines noch älteren Toten unsterblich gemacht wird. Dieser ganze Geisterzauber nimmt dabei sehr handfeste Formen an, gerade wie bei der Neueinrichtung des Weissen Hauses mit den authentischen Lincoln-Möbeln. Und wie ein Geist spukt nun auch die tote Jacqueline Kennedy durch Larraíns Film, und angesichts von Natalie Portman könnte man ebenso gut von einer Einverleibung sprechen, so präzise kopiert die Schauspielerin Dialekt und Sprechweise der First Lady, ihre Gesichtsausdrücke, Verhaltensweisen, Frisuren und Kleider.

Diese besessene Aneignung zeigt sich auch darin, dass Larraín TV-Archivmaterial in seine eigenen, minutiös nachgestellten und ebenfalls auffallend körnigen Filmbilder regelrecht hineinbluten lässt. Doch neben solcher Mimikry hat «Jackie» auch ein paar brisante neue Gedanken zur oft als undankbar bezeichneten Rolle einer First Lady parat. «Jackie» zeigt den beengenden Käfig dieses symbolischen Amts ebenso wie sein Potenzial. Mit den Waffen, die ihr halt zur Verfügung stehen – Kleider, ein Dekorationstalent, aber vor allem ein jahrelang geschultes Gespür für das komplexe Zusammenspiel von Wahrheit, Inszenierung und dem, was öffentlich verschwiegen bleiben muss –, baut die kluge Jacqueline Kennedy nicht nur ihrem toten Mann ein Denkmal, sondern gleich auch sich selbst.

Larraíns trügerisch schlichter Film lässt uns hinter die Kulissen dieses Baus blicken, ohne aber dabei diese Kulissen oder das Denkmal einstürzen zu lassen. Derweil pfeifen durch den grossartigen Streichersoundtrack der jungen britischen Komponistin Mica Levi («Under the Skin») die Kugeln, als seien sie unterwegs zum Einschlag in unsere eigenen Schädel.

Ab 26. Januar 2017 im Kino.

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