Nr. 04/2017 vom 26.01.2017

Für Tibet sterben

Am Rand der Proteste gegen den Besuch des chinesischen Präsidenten versuchte Lobsang Chalung, sich selbst anzuzünden. Er wurde verhaftet und hospitalisiert. Und er würde es wieder tun, sagt er im Gespräch mit der WOZ.

Von Noëmi Landolt (Text) und Ursula Häne (Fotos)

Das war sein Moment: Lobsang Chalung zog seine Jacke und sein Hemd aus, leerte sich das Benzin über den Kopf und den Körper. Und griff nach dem Feuerzeug in der Hosentasche.

Benzin ist glitschig. Vielleicht ist es diese Tatsache, die Lobsang Chalung das Leben gerettet hat. Vielleicht waren es auch die zwei Sicherheitsleute der Demo, die ihn festhielten, oder die Polizisten, die ihn bäuchlings in den Schnee drückten.

Nur: Lobsang Chalung wollte gar nicht gerettet werden. Noch jetzt, wenn er vom Moment erzählt, als er das Feuerzeug aus seiner Hosentasche nestelte, das er mit seinen vom Benzin schlüpfrigen Fingern nicht anzünden konnte, kommen ihm die Tränen. Er wendet den Kopf ab, schaut aus dem Fenster in den Hof der Psychiatrie Liestal, wo der Schnee die Sonne reflektiert. Er weint. Ganz still. Tsering Sesung sitzt ihm gegenüber und hat ebenfalls Tränen in den Augen. Während einiger Minuten sagt niemand ein Wort.

145 Selbstverbrennungen

Es war ein Freitag, als Lobsang Chalung beschloss, sich anzuzünden. Wenige Tage zuvor hatte er durch ein Video der Tibeter-Gemeinschaft in der Schweiz und Liechtenstein (TGSL) erfahren, dass der chinesische Präsident nach Bern kommen und dass es eine tibetische Protestdemo geben würde. Er rief Tsering Sesung an, um mehr zu erfahren. Nur ihr erzählte er von seinem Vorhaben. In den letzten sieben Jahren hatten sich 145 Menschen in Tibet selbst verbrannt, aus Protest gegen die chinesische Besetzung. Interessiert hatte das ausserhalb Tibets kaum jemanden. Doch jetzt, beim Staatsbesuch in der Schweiz, dem Sitz der Uno, wäre eine gute Gelegenheit, international Aufmerksamkeit zu erregen. CNN und BBC würden vielleicht darüber berichten. Und die Welt würde vom Leiden und der Verzweiflung des tibetischen Volks erfahren.

«Ich war ausser mir vor Sorge»: Tsering Sesung engagiert sich seit drei Jahren für die ­tibetischen Sans-Papiers in der Schweiz – auch für Lobsang Chalung.

«Ich muss sowieso sterben, also will ich lieber für Tibet sterben», sagte er am Telefon. Tsering Sesung, die seit 35 Jahren in der Schweiz lebt, versuchte, ihn davon abzubringen: «Es ist sinnlos, so etwas zu tun, das löst unsere Probleme nicht», sagte sie ihm. Er solle an seine Kinder in Tibet denken. Jeden Abend telefonierten sie, manchmal mehrere Stunden. Als sie sich zum letzten Mal am Freitagabend hörten, glaubte sie, ihn von seinem Plan abgebracht zu haben.

Lobsang Chalung kam vor fünf Jahren in die Schweiz. Er hatte in Tibet an Protesten teilgenommen und musste fliehen. Chalung ist ein schmächtiger Mann, dem seine vierzig Jahre nicht anzusehen sind. Er ist einer von rund 600 tibetischen Sans-Papiers im Land. Das Staatssekretariat für Migration glaubt, dass sie nicht in Tibet aufgewachsen seien, sondern längere Zeit in einem Drittstaat wie Indien oder Nepal gelebt hätten. Doch in ihre Heimat ausschaffen kann man die Flüchtlinge aus Tibet nicht, da ihnen politische Verfolgung droht. Also leben sie ohne Papiere und von der Nothilfe.

So auch Lobsang Chalung. Er wohnt in einer Unterkunft im Baselbieter Frenkendorf. Die meiste Zeit ist er jedoch bei einem Freund in Basel. Die beiden verbringen ihre Tage meistens zusammen, bis Chalungs Freund um 17 Uhr zur Arbeit geht. Am vorletzten Samstag verabschiedete sich Chalung jedoch schon um 15 Uhr.

Doch Lobsang Chalung ging nicht direkt nach Frenkendorf, sondern in den Jumbo, wo er einen Liter Benzin kaufte. Das durchsichtige, das aussieht wie Wasser, 5.95 Franken die Flasche. Dann fuhr er ins Asylheim, wo er sich das Zimmer mit einem anderen tibetischen Flüchtling teilt. Während sein Mitbewohner das Abendessen kochte, schloss er sich auf dem WC ein, füllte das Benzin in eine normale PET-Flasche. Dann stopfte er alle seine Kleider in einen Sack und warf ihn in den Altkleidercontainer neben dem Coop. Er ging früh zu Bett, doch Schlaf fand er kaum in jener Nacht.

An der Demo

«Wenn ich damals schon gewusst hätte, dass die Vereinigung Tibeter-Jugend in Europa (VTJE) um 14 Uhr eine unbewilligte Kundgebung abhalten würde, wäre ich dorthin gegangen», sagt Chalung in der Cafeteria der Psychiatrie Liestal. Er wirkt abwesend, während er erzählt. Manchmal frage ich mich, ob er mich überhaupt richtig wahrnimmt oder ob er einfach schüchtern ist. Oder kommt das von den Psychopharmaka?

Ihm gegenüber sitzt Tsering Sesung und übersetzt. Es ist ihr Geburtstag, und sie hat ihm ein Tupperware mit Momos, tibetischen Teigtaschen, mitgebracht. Ihr freundliches Gesicht, das irgendwie immer zu lachen scheint, ist ernst. Chalungs Geschichte geht ihr nahe. Seit gut drei Jahren engagiert sich die 53-Jährige in jeder freien Minute für die tibetischen Sans-Papiers in der Schweiz. Besucht sie in ihren Unterkünften, begleitet sie auf Migrationsämter, übersetzt … Über einen Chat ist sie mit fast 300 tibetischen Sans-Papiers in Kontakt. Wer ein Problem hat, meldet sich bei ihr.

Tsering Sesung selbst ist längst Schweizerin und arbeitet als Pflegedienstleiterin in einem Blindenheim. Der Car von ihrem Wohnort Horgen an die Demo in Bern wurde kurzfristig storniert, weil es zu wenige Anmeldungen gab. Ihre Tochter war bereits am Tag zuvor nach Bern gefahren und sollte zu den vierzehn Jugendlichen der VTJE gehören, die am Samstagnachmittag verhaftet wurden. Doch Tsering Sesung blieb zu Hause.

Am Samstag erwachte Lobsang Chalung aussergewöhnlich früh. Er stand um 5 Uhr auf, trank einen Tee, duschte, packte seinen Rucksack, wartete, dass die Zeit endlich verging. Um 8.15 Uhr ging er auf den Zug. Am Bahnhof Olten sah er viele Polizisten, da verspürte er das erste Mal so etwas wie Angst. Doch sie beachteten ihn nicht. In Bern ging er zum Waisenhausplatz, sah zu, wie die anderen die Demo vorbereiteten, wie sie «Free Tibet» und «Long live the Dalai Lama» riefen. Die Reden hörte er nur mit halbem Ohr, er hielt sich etwas abseits der Menge und beobachtete die Polizei. Wer sich entfernte, wurde von den Polizisten angehalten und durchsucht.

Und dann kam die Nervosität. Ein Bein fing an zu zittern, dann sein ganzer Körper, als habe er Schüttelfrost. Doch dann fuhr das Polizeiauto mit den drei Polizisten auf die andere Seite des Platzes. Das war sein Moment. Lobsang Chalung zog seine Jacke und sein Hemd aus, stand im T-Shirt da. Holte die PET-Flasche aus dem Rucksack, öffnete sie, leerte sich das Benzin über den Kopf und den Körper. Griff nach dem Feuerzeug in seiner Hosentasche – da hielten zwei Demoschutzleute in gelben Westen seine Arme fest, dann kamen die drei Polizisten, einer verdrehte seine Hand, sodass das Feuerzeug auf den Boden fiel. Sie drückten ihn auf den Boden, legten ihm Handschellen an und schleiften ihn in ihr Auto, während die Menge Slogans skandierte.

Wo ist Lobsang Chalung?

Als Tsering Sesung Lobsang Chalung am Samstagmorgen nicht erreichen konnte, befürchtete sie das Schlimmste. Sie sprach mit dem Mitbewohner im Asylheim in Frenkendorf, sie schickte ein Foto an Bekannte, die an die Demo gegangen waren, doch niemand hatte ihn gesehen. Schliesslich verständigte sie die Polizei, die erfolglos nach Chalung suchte.

«Ich war ausser mir vor Sorge», sagt Tsering Sesung. Am Mittag endlich der Anruf der Kantonspolizei Bern: Lobsang Chalung sei verhaftet worden. Am nächsten Tag fuhr sie nach Liestal, um Chalung in der Psychiatrie zu besuchen. Die beiden sahen sich zum ersten Mal. Sie hatten bisher nur über den Chat und per Telefon Kontakt gehabt.

«Im Polizeiauto weinte ich ununterbrochen», erzählt Chalung. Auf dem Posten wurde er durchsucht, musste duschen, erhielt frische Kleider und wurde befragt. Ob er den chinesischen Präsidenten oder andere Menschen habe anzünden wollen? Das wollte er nicht. Die Polizisten sagten ihm, dass ein Suizidversuch in der Schweiz nicht strafbar sei, und fuhren ihn mit der Ambulanz in die Psychiatrische Klinik Liestal.

Seither ist Lobsang Chalung hier und versteht nicht ganz, warum. «Ich bin nicht krank», das habe ihm der Oberarzt bereits am Montag bestätigt. Als ich ihm sage, dass es in der Schweiz normal ist, Menschen nach einem Selbstmordversuch einzuliefern, schaut er mich erstaunt an. Kurze Zeit ist sein Blick wach und klar. «Das wusste ich nicht», sagt er auf Deutsch und spricht zum ersten Mal direkt mit mir. Ein Pfleger habe ihm gesagt: «Wir behalten dich so lange hier, bis der chinesische Staatspräsident abgereist ist.» Tatsächlich wäre er sonst am Dienstag nach Genf gefahren, um es noch einmal zu versuchen.

Verpasste Gelegenheit

Im Vergleich zur Radikalität seiner Protestform bleibt er mit seinen politischen Forderungen erstaunlich zurückhaltend. Immer wieder betont er, dass er auf keinen Fall die Schweizer Politik kritisieren wolle. Politisch unterstützt Chalung die Forderung der TGSL, dass China endlich den Dialog mit Repräsentanten des Dalai Lama aufnehmen solle, und nicht die radikaleren der VTJE, die ein freies Tibet will und gegen das Freihandelsabkommen der Schweiz mit China protestiert.

Diese Woche soll Lobsang Chalung entlassen werden. Aber das sei ihm egal, sagt er. Die Medikamente wirken zu stark, sie machen ihn müde und gleichgültig. Einzig der Gedanke, es nicht geschafft zu haben, bringt ihn noch immer aus der Fassung. «So eine gute Gelegenheit werde ich lange nicht mehr bekommen. Doch ich versuche, möglichst nicht daran zu denken.»

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