Nr. 04/2017 vom 26.01.2017

Furchtsam wie eine Taube

Ece Temelkuran über grausame Politikerinnen

Von Ece Temelkuran

18. Januar: Abdulkadir Mascharipow, der mutmassliche Attentäter aus dem Istanbuler Tanzlokal Reina, wird verhaftet. Die Zeitungen publizieren ein Foto, das sein geschwollenes und mit Blutergüssen übersätes Gesicht zeigt. Die Festnahme lässt mich an die Hinrichtung des russischen Botschafters in Ankara denken. Dessen Mörder wurde erschossen, obwohl man auch ihn hätte lebend ergreifen können. Hat der russische Geheimdienst, der sich den Ermittlungen angeschlossen hatte, die Türkei eigentlich inzwischen verlassen, oder bleibt er dauerhaft hier?

Wenn das Land im Chaos versinkt, wird es schwer, die immer gleichen Fragen zu stellen. Die Hektik der Vorfälle lässt den Geist hilflos und benommen zurück. Inmitten dieses schwindelerregenden Durcheinanders ist heute ein historischer Tag: Das Parlament entscheidet, ob die geplante Verfassungsänderung, die ein Präsidialregime und damit die endgültige Alleinherrschaft installieren soll, der Bevölkerung zur Abstimmung vorgelegt wird.

19. Januar: Die unabhängige Parlamentarierin Aylin Nazliaka hat sich mit Handschellen an das RednerInnenpult gekettet, um gegen den Regimewechsel zu protestieren. Ein Kollege gibt den Regierungspolitikerinnen ein Zeichen, woraufhin sie Nazliaka umzingeln und herumzuschubsen beginnen. Ihr wird ein Finger gebrochen. Andere Politikerinnen attackieren die sozialdemokratische Oppositionelle Safak Pavey, die körperlich behindert ist. Es heisst, der Angriff sei die «Rache» für ihre bewegende Ansprache gegen das Präsidialregime.

Heute jährt sich auch das Attentat auf Hrant Dink zum zehnten Mal. Der armenisch-türkische Journalist war vor dem Gebäude seiner Zeitung von einem Ultranationalisten erschossen worden. 2007 hatte sein Begräbnis Hunderttausende Menschen zusammengebracht. Dink wusste, dass er sterben könnte: Er sei furchtsam wie eine Taube, schrieb der Journalist in seinem letzten Text. Inzwischen wissen wir alle, was diese Worte bedeuten.

20. Januar: Ihre Angreiferinnen seien «Banditinnen, nicht Parlamentarierinnen», schimpft Safak Pavey in ihrem Spitalzimmer. Derweil protestieren in Washington Hunderttausende Frauen gegen ihren eigenen Banditen. «Wir werden uns jedem deiner Schritte entgegenstellen» ist einer ihrer Hauptslogans. Das Bild von Pavey im Spital und die karnevalesken Fotos vom Women’s March erscheinen zusammen wie das «Vorher/Nachher» derselben Geschichte.

Doch die US-amerikanischen Frauen haben mehr Glück: Donald Trump ist erwiesenermassen ein Rüpel. Er verschleiert seine Ambitionen nicht, hat deshalb im Gegensatz zu Recep Tayyip Erdogan auch keinen Kreis von Intellektuellen um sich geschart, die ihn legitimieren sollen. Zudem haben die US-amerikanischen Frauen es im Gegensatz zu uns kommen sehen. Sie hatten genug Zeit, um die Bewegung zu verfolgen, die sich ihnen von der anderen Seite des Atlantiks her näherte. Anders als die Menschen in der Türkei oder in Russland sind sie nicht ausgelaugt. In den USA werden wir beobachten können, was Widerstand in seinen besten Zeiten auszurichten vermag.

21. Januar: Zusammen mit dem russischen Schriftsteller Michail Schischkin nehme ich an einem Podiumsgespräch am Writer’s-unlimited-Festival in Den Haag teil. «Was kann ein Schriftsteller in Zeiten des Übels ausrichten?», fragt Moderator Michiel Leezenberg. Ein Videoausschnitt wird gezeigt, in dem Erdogan und Wladimir Putin einander die Hände schütteln. Mir scheint, als gäben sie den Takt vor, derweil wir mit atonalen Melodien auf unseren jämmerlichen Violinen die Begleitmelodie spielen. Weil wir widersprechen, sind unsere Bilder mit ihnen verbunden.

Hierin liegt das Dilemma: Das Nein ist abhängig und überlebt nicht, wenn nicht die Macht die Melodie vorgibt. Es führt nirgendwohin. Es ist ermüdend, ständig Nein sagen zu müssen. Wenn wir keine Idee entwickeln oder eine Bewegung gründen, zu der die Leute Ja sagen können, werden wir weltweit die gleiche Grausamkeit erleben wie Safak Pavey, als sie von Regierungspolitikerinnen drangsaliert wurde und dabei ihre Prothese verlor.

Ece Temelkuran (43) ist Schriftstellerin, Journalistin und Juristin. Sie lebt in Istanbul. An dieser Stelle führt sie bis auf weiteres ein Tagebuch über das Geschehen in der Türkei.

Aus dem Englischen von Anna Jikhareva.

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