Nr. 06/2017 vom 09.02.2017

Das Paradies, das die Hölle in sich barg

Als kolonialer Untertan ging er zur Uni, als Bürger eines unabhängigen Staates schloss er sie ab: Der Kenianer Ngugi wa Thiong’o erinnert sich an seine Zeit des Aufbruchs als Student und junger Autor.

Von Ulrike Baureithel

Eine Bildungsgeschichte, in der die Narben, die die «koloniale Situation» hinterlassen hat, nicht verhehlt werden: Schriftsteller Ngugi wa Thiong’o. Foto: Daniel A. Anderson / University Communication

Obwohl er schon so lange ganz oben auf der Liste der Nobelpreisverdächtigen steht, hat es auch diesmal nicht geklappt für Ngugi wa Thiong’o. Dabei hätte es der 1938 in einem kleinen Dorf bei Limuru geborene kenianische Autor schon deshalb verdient, weil er in der Genealogie der afrikanischen AutorInnen eine so wichtige Rolle spielt.

Er gehörte zu den Ersten, die ihre Herkunftssprache in die Literatur einführten. In seinem Fall war es Gikuyu, das er erstmals für seinen in Gefangenschaft auf Toilettenpapier entstandenen Roman «Der gekreuzigte Teufel» (1988) verwendete. Ngugi forcierte damit auch die postkoloniale Kritik: Was ein afrikanischer Autor in einer kolonialen Sprache schreibe, so behauptete der auch als Kulturwissenschaftler einflussreiche Schriftsteller, sei keine afrikanische, sondern afro-europäische Literatur. Bis diese Einsicht in ihm reifte, hatte er bereits fünf Bücher, Romane und Erzählungen und mehrere Theaterstücke auf Englisch veröffentlicht.

Von seinem bewegten Leben berichtet Ngugi wa Thiong’o seit nunmehr sechs Jahren in einer Folge von überaus lesenswerten Büchern, in denen der politische Hintergrund nicht nur als Folie aufscheint, sondern gleichberechtigt verzahnt wird mit den biografischen Ereignissen. In «Träume in Zeiten des Krieges» (2010) erzählt Ngugi von seiner Kindheit im kleinen Dorf seiner Familie und dem Besuch der Missionsschule, wo er zu einem überzeugten Christen erzogen wird. Seine Jugendjahre in Kikuyu fallen in die Zeit des Ausnahmezustands, als die sogenannte Mau-Mau-Bewegung, der sich auch sein älterer Bruder angeschlossen hat, für die Unabhängigkeit des Landes kämpft. «Im Haus des Hüters», wie der zweite Band heisst, lernt er Europa als unbedingten Bezugspunkt kennen: «Unsere Zukunft wurde in England gemacht.»

Die Wunde im Herzen

Nun liegt der dritte Band der Autobiografie vor, der die für Ngugi wa Thiong’o so entscheidenden Jahre zwischen 1959 und 1964 umfasst. Am berühmten Makerere College im ugandischen Kampala wird nicht nur ein Schriftsteller, ein «Traumweber», geboren, sondern in dieser Phase geht seine Heimat Kenia auch der Unabhängigkeit entgegen. «Ich schrieb mich», heisst es in «Geburt eines Traumwebers», «als kolonialer Untertan 1959 am Makerere ein und ging 1964 als Bürger des unabhängigen Kenia ab.»

Dramatisch geschickt setzt die biografische Erzählung mit einem Schockerlebnis ein, das den talentierten jungen Dramatiker tief beeindruckte. Sein an der Hochschule siegreiches Theaterstück «The Wound of the Heart» wird nicht für das alljährlich stattfindende Theaterfestival in Kampala zugelassen – mit der Begründung, dass ein britischer Beamter nicht, wie das Stück suggeriert, fähig sei, eine Frau zu vergewaltigen. Für Ngugi ist das ein Schlüsselerlebnis: Die Kunst der Politik habe die Kunst ausgestochen, schreibt er. Was in den Augen der herrschenden Weissen nicht sein kann, darf auch im Theater nicht gezeigt werden.

Der aufstrebende junge Autor erlebt nicht nur Kampala, wo Schwarze das Stadtbild dominieren, sondern auch das College als etwas Besonderes. Es war ein Ort der Auserwählten, obwohl auch hier der europäische Bildungskanon bestimmend blieb und die hierarchischen Strukturen des kolonialen Regimes in den Wohnheimen sogar imitiert wurden. Am Makerere ging es darum, die künftige Führungsschicht Afrikas so auszubilden, dass sie für die abdankenden Machthaber kompatibel blieb.

Für Ngugi wa Thiong’o ist das College ein «Paradies», das eine aufregende Bildungsreise bereithält. Während er verfolgt, wie ein Land nach dem anderen nach der Unabhängigkeit greift und schwarze Staatsmänner wie Idi Amin oder Jomo Kenyatta aufsteigen, beginnt er zu schreiben – zuerst Theaterstücke, dann den ersten Roman, immer im typisch westlichen Konflikt zwischen Pflicht und Neigung gefangen.

Die Narben des Kolonialismus

Doch er macht auch persönliche Erfahrungen, die in ihm den Wunsch reifen lassen, dem Dualismus von Schwarz und Weiss zu entkommen. Erste kulturwissenschaftliche Ansätze werden deutlich. Er liest etwa den «Schwarzen Orpheus», eine Sammlung afrikanischer Erzählungen, und entwickelt zusammen mit anderen Mitstreitern eine Kritik der Negritude: Wie der Tiger seine «Tigritude» nicht herausbrüllen muss, muss auch das Schwarzsein nicht betont werden, um es aktiv ins Spiel zu bringen.

Durch den Kontakt mit Schriftstellern wie Wole Soyinka oder Chinua Achebe gelangt Ngugi in die einflussreichen literarischen Kreise Ostafrikas, nimmt an Konferenzen teil, mischt sich in Debatten ein. Am Ende des Studiums, als er sich bereits als Journalist versucht, schafft es ein Stück sogar auf die Nationalbühne Kampalas.

Bei allen bedauerlichen Redundanzen und der Neigung des Autors, seine Leserschaft mit Namen zu überhäufen, erzählt «Geburt eines Traumwebers» eine Bildungsgeschichte, in der die Narben, die die «koloniale Situation» hinterlassen hat, nicht verhehlt werden. «Das Paradies barg die Hölle in sich», resümiert Ngugi wa Thiong’o rückblickend. Er wird erleben, dass auch die schwarzen Machthaber mit dem kompromisslosen Kritiker des postkolonialen Regimes keine Gnade kennen.

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