Nr. 06/2017 vom 09.02.2017

Treffen sich zwei in der Transitzone

Die Songs von Tim & Puma Mimi flogen einst von Zürich nach Tokio und wieder zurück. Nun entstehen sie an einem Ort, doch klar verorten lassen sie sich immer noch nicht. Zum Glück.

Von Benedikt Sartorius (Text) und Ursula Häne (Foto)

Bitte nicht zu tiefgründig: Tim & Puma Mimi in ihrem Studio.

Es schifft auf der Schwarzweissaufnahme, und es ist Sechseläuten. Dieser doppelte Trübsinn wird durchbrochen dank zweier Gestalten in karierten Kleidern, die hier wie lustige Aliens wirken. «Foggy and sunny» wirke dieses Bild, das beinahe auf dem Cover ihres neuen Albums «Der Die Das» gelandet wäre, sagt Michiko Hanawa alias Puma Mimi. Neblig und sonnig, genauso wie die Musik, die sie mit ihrem Partner Christian Fischer alias Tim produziert.

Seelenluft trifft Japanpunk

Es schifft – auch an diesem vorletzten Januartag in Zürich Altstetten, wo Tim & Puma Mimi ihr kleines Studio haben. Die beiden haben gerade ihre Plattentaufe erfolgreich hinter sich gebracht, und es weht ein heiterer, herzlicher Geist durch die Box. Die bürgerlichen Namen und Identitäten liegen auf Eis, wenn sie gemeinsam Musik machen oder über diese sprechen. «Die sind nicht wichtig», sagt Tim, «und stören nur unser Spiel. Ich bin ja nicht so extrovertiert wie auf der Bühne», denn im richtigen Leben da draussen wäre er eher der Typ, der in einer Hütte irgendwas am Schnitzen wäre. Aber wie das Verhältnis zwischen Tim und seinem Real-Life-Dasein wirklich sei, wisse er auch nicht genau. Bei Mimi scheint das ähnlich: «Natürlich bin ich noch die gleiche Person, aber da ist schon ein spürbarer Wechsel zwischen mir und der Musikerin.»

In diese Rollen schlüpfen sie nun schon seit vierzehn Jahren, nachdem sie sich zufällig an einer Samichlausparty in Utrecht kennenlernten. Er, der Teil des Electroprojekts Seelenluft war, suchte nach Sängerinnen und Sängern für seine Solotracks: «Elektronische Musik war mir damals zu anonym, ich wollte eine Band haben, bei der man die Gesichter sieht.» Welche Sprachen, welche Arten von Gesang kann man verwenden, fragte er sich – und da war es ein schöner Zufall, dass er Mimi traf, die in ihrer Heimat Sängerin einer Punkband war und seit jeher die Ramones verehrt.

«Die japanische Sprache war neu für mich – und ich wollte wissen, wie das tönt», sagt Tim, der Punkrock hasst. Und natürlich waren auch die Klischees von japanischer Popkultur, die mitschwingen, reizvoll: der Kitsch, das Plastik. Abseits von international bekannten Bands wie Cibo Matto und Pizzicato Five war Japanisch als Popsprache nicht etabliert: «Es war verpönt, japanisch zu singen», sagt Mimi. «So war ich es überhaupt nicht gewohnt, in meiner Muttersprache Texte zu schreiben und zu singen, und fühlte mich zu Beginn auch leicht beschämt.»

Quer in der Landschaft

Für Tim entwickelte Mimi Texte, die man auch dekonstruieren und zerschnipseln kann, mit Wörtern und Sätzen, die lustig und «fancy» klingen und zur Musik passen. Entsteht so nicht purer Nonsens? «Für mich ergeben die Texte schon Sinn», sagt Mimi. «Aber ich versuche, nicht zu kompliziert, zu sophisticated und tiefgründig zu schreiben.»

In der Folge schickten sie einander Soundfiles hin und her, schnipselten, entwarfen Skizzen und bauten Tracks zusammen, die von Beginn an quer in der Landschaft lagen – und die zuweilen auch Gefahr laufen, auf dem Weg zwischen Konzertsaal und Club ganz verloren zu gehen. Doch hier, im Transitbereich gewissermassen, fühlen sie sich wohl, mit ihrer Musik, die mobil ist im wörtlichen Sinn: Wenn er nach Japan flog, um Mimi zu besuchen, hatte er nur wenig Gepäckplatz für seine Geräte, und aus der Unmöglichkeit, gemeinsam live vor Ort zu sein, entstanden auch die Skype-Konzerte, für die die Sängerin aus Japan live zugeschaltet wurde und für die sie das Label «erste Skype-Band der Welt» erhielten.

Diese Ästhetik der Mobilität ist geblieben, auch wenn die beiden längst als Paar zusammenleben und derzeit ihr zweites Kind erwarten. Denn die Songs, die Tim mit seinen handgepäcktauglichen Geräten baut, zeugen immer noch vom reisenden und neugierigen Geist der Anfangstage. Und auch davon, dass hier kein klassisches Songwritingteam am Werk ist, sondern eines, das die Überraschung, das Nichtfestgeschriebene bevorzugt: «Ich arbeite intuitiv und versuche, beim Musikmachen den Kopf nicht anzuschalten», sagt Tim. So entstehen kleine Hits, aktuell etwa «Hilala» mit dem südafrikanischen Rapper Ngoma Makhosi, den die beiden bei einem Aufenthalt in Johannesburg aufspürten. Oder aber «Oh My Bike», dem man in keiner Sekunde anhört, dass an dem Song über drei Jahre lang gearbeitet wurde – und dass er erst auf die letztmögliche Deadline fertig wurde.

Gurke ja, Fleisch nein

Wenn sich Tim aufs Glatteis wagt, fragt er bei Weggefährten, Idolen oder Freundinnen an, ob sie ihm irgendwelche Sounds schicken können, die er dann zu einem Track verbasteln muss. So entstand das ambientartige «Guest Book No. 1», für das Boris Blank von Yello, der Hackbrettspieler Töbi Tobler – für Tim ein Held seiner Kindheit – oder ein japanischer Starkstromgitarrist Tonspuren beitrugen.

Wo liegen denn da die Grenzen, jetzt, da auf dem neuen Album auch unheimlichere und eben «nebligere» Sounds Einzug hielten? «Ein Instrument aus Fleisch würde ich nie bauen», antwortet Tim, der mit seinem selbst entwickelten «Fruitilyzer»-Bausatz selbst eine Gurke in ein elektronisches Instrument verwandelt. «Die Grenzen liegen dort, wo wir uns nicht mehr wohlfühlen», sagt Mimi. «Nackt auf die Bühne würde ich beispielsweise nie.»

Konzerte: Bern, Café Kairo, Freitag, 10. Februar 2017, 21.30 Uhr; Luzern, Südpol, Samstag, 18. Februar 2017, 22 Uhr (Mouthwatering Records Labelnight, mit Odd Beholder und True).

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Treffen sich zwei in der Transitzone aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr