Nr. 06/2017 vom 09.02.2017

Migration ist doch keine Kulisse

Von Rahel Locher

Dieses Buch könnte man auch in der Mitte beginnen. Die Geschichte oder besser: die Geschichten in «Ruhm und Ruin» kreisen um denselben Fussballverein, der seine besten Zeiten bereits hinter sich hat. Elf Ich-ErzählerInnen skizzieren in je einem Kapitel das Innenleben des in Berlin angesiedelten «Türkenklubs». Die Erzählungen klingen dabei so unterschiedlich, wie die Figuren sind: Mit seiner Variation der Sprachstile bringt Autor Imran Ayata die Perspektivenwechsel gekonnt rüber.

Dass ein Buch um einen türkisch dominierten Verein neben Fussball auch von Rassismus handelt, überrascht kaum. Da ist der schwarze Aufsichtsrat, den alle nur «Türk Richard» nennen und den es gehörig nervt, dass sein Verein als Projektionsfläche für gelungene Integration herhalten muss. Da ist die Mutter einer Spielerin, die nach der Trennung vom kurdischen Vater ihrer Tochter auf «kulturellen Abstand» geht zu allem Kurdischen und Türkischen. Und es geht darum, was das überhaupt heisst: «neue Deutsche» zu sein oder eben auch «Menschen mit Migrationshintergrund». Letzteren Begriff stellt ein weiterer Protagonist infrage: Migration sei doch keine Hintergrundkulisse, und überhaupt seien alle Menschen in Bewegung, ansonsten würden sie zu Statuen.

Ausser Rassismus spielen mindestens so viele andere Themen zentrale Rollen, wie es in diesem «Roman in elf Geschichten» ErzählerInnen gibt: zerrüttete Familien, Glücksspiele, Fussball und Politik oder Politik ohne Fussball, alkoholschwere Nächte mit misslungenen Liebeserklärungen, Feminismus, guter Sex mit weniger guten Folgen.

Wenn man zum Schluss am liebsten nochmals von vorne lesen möchte, liegt das auch am Eingangschaos – wer war jetzt das schon wieder? –, das sich erst mit der Zeit entwirrt. Vor allem aber an Imran Ayatas kurzweiligem Schreibstil und an seinen charakterstarken Figuren, die intim und schonungslos aus ihrem Leben berichten. Und gerade die letzte Geschichte mit ihrem schwermütigen Erzähler ist so schaurig-schön und traurig, dass es schwerfällt, das Buch wegzulegen.

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