Nr. 07/2017 vom 16.02.2017

Cool Man ist traurig

Pöbeln mit dem Florett: Eine kleine Rundschau zur Affektlogik bei rechtsbürgerlichen Chefredaktoren.

Von Florian Keller

Seit dem letzten Abstimmungswochenende ist die lustige und schon recht unübersichtliche Runde der Trump-Imitatoren bekanntlich um einen prominenten Kopf reicher geworden. Wobei der illustre Neuzugang von der Falkenstrasse in Zürich Seefeld nicht etwa parodistische Absichten hegte mit seiner kleinen Nummer auf Twitter: «Das Schweizervolk geht manchmal bemerkenswert gleichgültig mit den Grundlagen seines Wohlstands um. So sad.» Der da samt trumpistischem Slang seine Enttäuschung über das wuchtige Nein zur Unternehmenssteuerreform III bekundete, war Eric Gujer, seines Zeichens Chefredaktor der NZZ.

So sad: Dieser aufsehenerregende Tweet war gewissermassen die lakonisch veredelte Version dessen, was Markus Somm, der einst ja seinerseits nicht zum Chefredaktor der NZZ berufen worden war, am Tag nach der Abstimmung als seine ganz persönliche «Anleitung zur Trauerarbeit» auf die Front der «Basler Zeitung» hievte. Aber damit hier keine falschen Hoffnungen geweckt werden: In Somms Analyse waren dann, so viel Lauterkeit muss sein, weder eine Anleitung noch irgendwelche Anzeichen von Trauerarbeit zu entdecken.

Total egal

Gujers lapidare Klage ist umso aufschlussreicher, wenn man sich ansieht, was ihn offenbar so schmerzte am Abstimmungsverhalten des «Schweizervolks». Es war dessen Gleichgültigkeit, was die «Grundlagen seines Wohlstands» betrifft. Was er damit wohl sagen will: Der Wohlstand unseres Landes gründet auf Steuerprivilegien für internationale Grosskonzerne – wir möchten ja lieber nicht allzu tief ins Dunkel afrikanischer Minen blicken, von geheimnisumwitterten Konten ganz zu schweigen. Wie auch immer: eine interessante Definition von Gleichgültigkeit! Ich weiss nicht, wie das im Hause Gujer so läuft, aber wenn mir etwas gleichgültig ist, lege ich, wenn überhaupt, leer ein. Oder gehe gar nicht erst abstimmen. Doch wir wollen hier keine Haare spalten, sondern uns etwas eingehender mit der speziellen Affektenlehre des «obersten Schriftleiters» (René Lüchinger) befassen.

Rund zwei Wochen zuvor in der NZZ, Leitartikel auf der Front nach der ersten Amtswoche des US-Präsidenten Donald Trump. Schlagzeile: «Hysterie ist keine Politik». Autor: Eric Gujer. Die Hysterie des Titels ist aber im Text selber dann nicht etwa auf Trump gemünzt, obwohl dieser ja schon seinen Wahlkampf völlig ungeniert als enthemmtes Theater der Hysterie geführt hatte und jetzt auch im Oval Office keine Anstalten macht, davon abzulassen. Aber nein, Gujers Diagnose gilt den Medien, die sich in ihrer Kritik an Trump von einem «Furor der Empörung» leiten liessen. Bloss, da kann einer noch lange behaupten, Hysterie sei keine Politik, wenn der grosse Hysteriker im Weissen Haus gerade fiebrig daran arbeitet, das Gegenteil zu beweisen.

In der Fankurve

Ist ja eigentlich nicht unsympathisch, wenn einer gegen den Ungeist der Zeit zu mehr Gelassenheit aufruft, wie er das im Kalten Krieg gelernt hat. Andere Trump-Versteher berichten mit roten Ohren von ihren spontanen Jubelausbrüchen in der Nacht, als sich Trumps Wahl abzeichnete. Wir erinnern uns: «Bei jeder Wasserstandsmeldung, die Trump vorne zeigte, tanzte ich mit geballter Faust durchs Büro, so als ob mein geliebter Dorfklub EHC Kloten soeben den finanziell und personell weit höher dotierten ZSC im Eishockey-Play-off-Finalderby nach einem aussichtslosen Rückstand doch noch gebodigt hätte.» Eigentlich nicht unsympathisch, wenn einer die Grösse hat, sich öffentlich zum Affen zu machen. Bloss muss er dann nicht erwarten, dass wir ihn allzu ernst nehmen, wenn er sein Heft mit der Devise «Mehr Sachlichkeit» bewirbt und darin eine «nüchterne Standortbestimmung» zu den ersten Wochen unter Trump verspricht.

Eric Gujer ist nicht Roger Köppel, er ist lieber cool als peinlich. Nur schade, dass er die Coolness, die er leitartikelnd stets nach aussen trägt, dem «Schweizervolk» nicht zugestehen mag, wenn es sich erdreistet, die Unternehmenssteuerreform zu verwerfen. Eric «So Sad» Gujer misst mit zweierlei Mass: Er rügt die Stimmbevölkerung für eine Haltung, die er im Umgang mit Donald Trump unermüdlich predigt. (Und wer unbedingt noch eine billige Schlusspointe braucht, darf hier eigenmächtig eine trumpistische Phrase ergänzen.)

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