Nr. 08/2017 vom 23.02.2017

Blitz und Liebe

Der Journalist, Schriftsteller, Agroexperte, Religionswissenschaftler und Alltagsseelsorger Al Imfeld ist kurz nach seinem 82. Geburtstag gestorben. Er hinterlässt Ideen und Geschichten voller Leben und Esprit.

Von Lotta Suter

Mit handfestem Zugang zur Magie: Al Imfeld im Jahr 2010 in seiner Wohnung in Zürich. Foto: Ursula Häne

Gäbe es das Leben nach dem Tod, an das der geweihte Priester Imfeld im Übrigen nicht geglaubt hat, würde Al jetzt schmunzelnd dasitzen. Vielleicht schmauchte er wie in jüngeren Jahren eine Pfeife, oder er genehmigte sich seinen allabendlichen Whisky.

Jedenfalls hätte es ihn gefreut, dass er seine Biografin ein letztes Mal zu überraschen vermochte. Denn sein Tod trifft mich unterwegs, on the road. Fernab von der reichen Lebensdokumentation, die sich im Lauf der Jahrzehnte bei mir angesammelt hat. Ich habe keinen Zugriff auf all die unveröffentlichten Texte, die mir Al Imfeld regelmässig zusandte. Und es fehlen mir auch seine kleinen Gedichtbändchen: Gedanken über dünnhäutige Elefanten oder schrille Sonnen, seine Mandalas oder seine «Reis Blues» – Gedichte über Reis –, alles kleine Gesamtkunstwerke, die mir der vielseitige Schreiber Jahr für Jahr anlässlich seines gross und gemeinschaftlich gefeierten Geburtstags überreichte.

Die Sturzgeburt

Al Imfeld würde mich ermuntern, sein Leben doch einfach aus dem Stegreif neu zu erfinden oder zu erzählen. Seine Geburt am 14. Januar 1935 im Spital von Lachen würde er vermutlich wieder dramatisch vorverlegen wollen. Das Ehepaar Imfeld, sie hochschwanger, unterwegs mit dem Velo auf tief verschneiter Strasse – da geschieht es: eine Sturzgeburt unter offenem Himmel. Und der Verstorbene würde mich auch ungeniert dazu auffordern, in seinem Nachruf doch, bitte schön, etwas Reklame für Bücher von und über ihn zu machen. Also: Die ersten Jahre des kleinen Alois auf einem Kleinbauernhof im Luzerner Hinterland nehmen in der Al-Imfeld-Biografie «In aller Welt zu Hause» grossen Raum ein. Der Autor selbst beschreibt seine Kindheit mit einem Dutzend jüngerer Geschwister liebevoll und mit etwas Wehmut im Geschichtenband «Blitz und Liebe», der mit der Brautwerbung seiner Eltern beginnt. Und auch in einem seiner – und auch meiner – Lieblingsbücher: «Wie die Arche Noah auf den Napf kam».

Nie vergass Al Imfeld, seine zahlreichen BesucherInnen auf seine Website alimfeld.ch hinzuweisen, die seine Arbeit, ja sein Leben dokumentiert und zugänglich macht. Die Anerkennung von Aussenstehenden war Al Imfeld sehr wichtig, nicht aus falscher Eitelkeit, sondern weil er davon überzeugt war, dass Ideen und Geschichten erst im Austausch mit einem Gegenüber lebendig werden. Wer Diskussionen in seiner Küche oder in seinem Wohnzimmer an der Zürcher Konradstrasse miterlebt hat, wer auch nur einmal im Publikum sass, wenn Al seine Geschichten erzählte, ausholend mit grosser Geste, weiss, was damit gemeint ist.

Wer lange seine Texte redigiert hat, weiss es auch. Al Imfeld lieferte seine Artikel oder Buchbeiträge nämlich sprachlich meist als «Rohstoff» ab, doch der Inhalt stimmte. Es entstand eine anregende, fruchtbare und vertrauensvolle Zusammenarbeit. Die Krönung dieser Arbeitsweise, die diesmal ein ganzes Team von befreundeten ÜbersetzerInnen mit einschloss, ist wohl die Ende 2015 erschienene 800-seitige Anthologie «Afrika im Gedicht». Im vergangenen Herbst erschien Al Imfelds letztes Sachbuch über die Urbanisierung in seiner zweiten Heimat: «Agrocity. Die Stadt für Afrika».

Grosszügiger Gastgeber

«Ein Leben verläuft nie geradlinig von A bis Z, sondern es setzt immer wieder neu an.» Diese Worte habe ich 2005 auf Wunsch von Al Imfeld an den Anfang seiner Biografie gestellt. Seine eigenen komplexen Lebensstationen sind ganz bestimmt Neuansätze, die erst im Nachhinein ein Ganzes ergeben: Gymnasium und Priesterausbildung in Immensee bei der Missionsgesellschaft Bethlehem; USA-Aufenthalt mit Journalismusausbildung, Doktorat in protestantischer Theologie, Engagement bei der Bürgerrechtsbewegung und bei einem kurzen mysteriösen Zwischenspiel als Berichterstatter im Vietnamkrieg; Missionstätigkeit im heutigen Simbabwe und in benachbarten Ländern, die öfter den vorgegebenen Rahmen sprengte; Entwicklungszusammenarbeit und Kulturaustausch mit Afrika von der Schweiz aus; später Rückkehr nach Afrika als Geschichtenerzähler mit dem Zirkus Federlos; Expertentätigkeit für das EDA, aber auch für Konzerne wie Novartis; daneben unermüdlicher Autor von Sachbüchern, Geschichten und Gedichten.

In seiner Zürcher Wohnung war Al Imfeld trotz zunehmender Altersbeschwerden bis zuletzt ein grosszügiger Gastgeber und ein grossherziger Seelsorger. Al hat diesen theologisch belasteten Begriff zwar nicht so gern gemocht, doch für mich trifft er die Sache genau: Al Imfeld hat sich zeit seines Lebens um die Seelen seiner Familie und Freunde sowie von Hilfesuchenden jeder Hautfarbe, Bildung und sozialen Stellung gekümmert und gesorgt. Er hat in seinem Leben ausserordentlich viele Menschen beraten und vor allem einfühlsam und würdevoll begleitet.

Ein Rest an Rätselhaftigkeit

Al Imfeld wünschte sich von mir in seinem Nachruf wohl noch zweierlei: als Erstes ein Stück Heldenverehrung, wie er sie auch in der afrikanischen Kultur schätzte. Und als Zweites einen Rest Rätselhaftigkeit, etwas Respekt vor dem Unergründlichen. Die erste Aufgabe fällt mir leicht: Al, für mich warst du Blitz und Liebe zugleich. Du gabst mir plötzliche Erhellung, zuweilen «gfürchig» und gewaltig, und zugleich eine umfassende Zuversicht, die von einem tiefen Verständnis der Conditio humana zeugt.

Das Geheimnisvolle, und dazu gehört auch unsere (Un-)Sterblichkeit, umschreibe ich (dank Internet) mit deinen eigenen Worten: «Sonne, gib der Nacht mehr Zeit / unterbrich die Träume nicht so früh / lass auch Dunklem etwas Raum / Helles gibt es schrill genug.»

Ein Spezialist der Mischung

Die Magie der Nagelfluhzone

1994 wünschte ich mir die WOZ auf Weihnachten. Ich war fünfzehn. Schon im Januar 1995 erschien ein langes Porträt von Laure Wyss zu Al Imfelds 60. Geburtstag. Auch seine eigenen Texte fielen mir sofort auf. Nicht nur ihr Ton, auch die Themen waren unverwechselbar: Er schrieb über das «Bschütten» am Karfreitag, über Älplermagronen als Heimwehgericht, unglaublich detailliert über afrikanisches Essen. Für ihn hatte die WOZ «Al dente» eingeführt, die erste Esskolumne, die heute mit «Kost und Logis» weiterlebt. Wenn ich mich später als Journalistin an ihn wandte, gab er immer gern Auskunft.

Ich begann, seine Geschichtenbücher zu lesen, in denen er Afrika mit seiner Heimat, dem Napfgebiet, verflocht und dabei ähnliche Abgründe, ähnliche Magie fand. Al hatte einen sehr handfesten Zugang zur Magie. Dass sich die Welt nicht restlos erklären lässt, lag für ihn auf der Hand. In seinen Texten beschrieb er einen Kuhfladen auf dem Vorplatz des Imfeld-Hofs, der «plötzlich zu Stein wurde». Oder die enttäuschte Schwiegermutter, die der Ex ihres Sohnes einen Poltergeist herbeibetete. Heute bin ich selber oft im Napfgebiet. Manche dort finden, der Imfeld habe es übertrieben mit seinen Geschichten – und erzählen dann selber ähnliche. Irgendetwas liegt in der Luft in der voralpinen Nagelfluhzone.

Dogmatismus war Al Imfeld fremd, reinen Lehren misstraute er. Er glaubte vielmehr an die richtige Mischung: aus Tradition und Neuem, Ökologie und Industrie, Afrika und Europa, Christentum und Animismus. Oder Stadt und Landwirtschaft wie in seinem letzten Buch, «Agrocity. Eine Stadt für Afrika». Das Mischen hatte er von afrikanischen Köchinnen und Schamanen gelernt: Er schrieb über die emanzipatorische Kraft des Maggi-Würfels und einen Heiler, der auf die magische Energie von Coca-Cola vertraute – ein Getränk, das aus einem so mächtigen Land kam, musste etwas von dieser Macht in sich tragen.

Es scheint nur auf den ersten Blick paradox, dass Al, selbst ein «gescheiterter» Priester, von der katholischen Kirche fasziniert blieb. Auch sie war dehnbar und mischte alles Mögliche, integrierte andere Glaubensrichtungen und liess SünderInnen einen Ausweg offen: die Beichte. Es sei kein Zufall, dass die katholische Kirche eine solche Vielfalt unter einem Dach vereine, während die Reformierten dauernd neue Sekten gründen müssten, schrieb er einmal. Aber er verschwieg auch den brutalen Druck nicht, der in seiner Jugend noch herrschte: Jede katholische Familie, die etwas auf sich hielt, schickte einen Sohn ins Priesterseminar. Dieser Sohn musste in der ganzen Region von Tür zu Tür ziehen und Geld fürs Studium sammeln. Wenn er irgendwann merkte, dass ihm der Beruf nicht behagte, blieb manchmal nur der Selbstmord.

Manchmal ging Al beim Dehnen und Mischen etwas gar weit: Dass er für den neoliberalen Thinktank Avenir Suisse Porträts verfasste und mit der Entwicklungshilfestiftung von Syngenta zusammenarbeitete – einem Konzern, der mit Pestiziden und Monopolsaatgut auch in Afrika enormen Schaden anrichtet –, konnte ich nicht nachvollziehen.

Aber dank Al lernte ich die katholisch-bäuerliche Welt verstehen, die auch die Welt meiner VorfahrInnen gewesen war. Sie war nicht einfach ein patriarchales Gefängnis, wie es heute manchmal scheint. Auch darin gab es Eigensinn, starke Frauen, Brüche und Solidarität. Und auch wegen Al begann ich, über ein Thema nachzudenken, das mich bis heute fasziniert und beschäftigt: das Essen.

Bettina Dyttrich

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Blitz und Liebe aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr