Nr. 08/2017 vom 23.02.2017

Mehr Fragen als Antworten

Von Kaspar Surber

In der letzten Ausgabe hat die WOZ («AfD trifft Libero») auf das Podium «Die neue Avantgarde» hingewiesen, das am 17. März im Zürcher Theaterhaus Gessnerallee stattfinden wird. Daran nimmt Marc Jongen teil, der als «Parteiphilosoph» der Alternative für Deutschland (AfD) antidemokratische und völkische Positionen vertritt. Mit Jongen diskutieren der libertäre SVPler Olivier Kessler, Laura Zimmermann, Vorstandsmitglied der Operation Libero, sowie der Kulturwissenschaftler Jörg Scheller, selbst auch Mitglied bei den Liberos.

Die Gessnerallee hat mittlerweile eine Stellungnahme zum Anlass nachgereicht. Darin räumt sie ein, dass die Veranstaltung in Schieflage ist. «Wir sind uns bewusst, dass das Podium nicht ausgewogen besetzt und nicht für alle Positionen repräsentativ ist.» Kritische Stimmen – beispielsweise aus der postmigrantischen oder feministischen Linken – fehlen offenkundig. Fürs Erste will sie die Gessnerallee auch nicht einladen, sondern verweist sie gemäss dem Communiqué ins Publikum: Man freue sich über eine «rege Beteiligung aller und weiterer Haltungen und Meinungen – vor allem im Publikum.»

Neben der Zusammensetzung des Podiums bleibt eine andere Frage entscheidend: ob ein Theater einen Antidemokraten wie Jongen überhaupt auf die Bühne bitten soll. Schliesslich legitimiert ein öffentliches Gespräch Jongens Position, selbst wenn sie kritisiert wird. Anstatt sich dieser Frage zu stellen, zieht sich das Theaterhaus aufs Experiment zurück: «Die Veranstaltung ist keine Werbeveranstaltung irgendeiner der auf dem Podium vertretenen Positionen, sondern ein Experiment mit der Fragestellung, inwieweit der Dialog zwischen linken und rechten und zwischen konservativen und progressiven Positionen möglich ist.»

Eine Selbstreflexion, ob es dem Theater bloss um die Profilierung gehen könnte, sucht man in der Mitteilung ebenfalls vergeblich. Dabei ist der Ausgang des «Experiments» längst voraussehbar: Das nationalistische Spukgespenst tritt auf die Sprechbühne. Ein paar Progressive nobilitieren sich, indem sie ihm unerschrocken entgegentreten. Linke dürfen aus dem Saal die Grundsatzkritik jammern.

Hand aufs Herz, Gessnerallee: Ist das nicht eine arg durchschaubare Dramaturgie für ein freies Theater?

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