Nr. 08/2017 vom 23.02.2017

Wechsle in die Opferrolle!

Ece Temelkuran über geschickte Schachzüge

Von Ece Temelkuran

13. Februar: Recep Tayyip Erdogan startet seine Kampagne für die Abstimmung über das Präsidialsystem, die am 16. April stattfinden soll. Zum 100. Mal nutzt er dafür seine Branding-Taktik. Wie heute geschehen, steigt er üblicherweise hart ein. «Ein Nein zum Referendum bedeutet Unterstützung für den Putsch», sagt er während einer Kundgebung. Die rechtsextreme MHP, den am dringlichsten benötigten Alliierten, hat Erdogan bereits unter Kontrolle.

14. Februar: Als ich einmal sagte, die Türkei entwickle sich immer mehr zum zweiten Afghanistan, nur mit besserer Schaufensterdeko, waren viele, darunter auch Oppositionelle, empört. Die Nachrichten von heute beweisen, dass ich nicht zu pessimistisch war. Es wird bekannt, dass unter dem Schutz des Staates stehende Waisenkinder von einer extrem religiösen Organisation für einen Mekkabesuch nach Saudi-Arabien geflogen werden. Derweil erfahren wir, dass der Artemistempel an der ägäischen Küste unter Wasser steht. Der türkische Staat liess das Weltkulturerbe zur Regentonne verkommen.

16. Februar: Mit seinen Aussagen errichtet Erdogan eine heilige Mauer um das Referendum – ein weiterer Teil seiner Taktik. Der 16. April werde für die Türkei zum «Tag der Auferstehung», verkündet er.

Die herzerwärmenden Neuigkeiten der Woche bringen die grossen Blätter auf ihrer Titelseite. Der Hundewelpe Kuyu (zu Deutsch: Brunnen) wird nach dreizehn Tagen aus einem Bohrloch befreit. Verzweifelt spricht das ganze Land darüber – nur um nicht über seine fatalen Differenzen sprechen zu müssen. Der Abstimmungstag rückt derweil immer näher.

19. Februar: In Urfa im Südosten des Landes greift die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK mit einer Tonne Munition das Justizgebäude an. Unter den Opfern ist auch der elfjährige Ahmet. Wie sich herausstellt, war er draussen, um ein Katzenbaby zu füttern. Kuyus Befreiung war noch Anlass für allgemeine Freude. Doch in einem derart polarisierten Land kann Ahmets Tod kein gemeinsamer Nenner für Kummer werden.

Ein Verwandter Erdogans soll eine Bürgerwehr aufbauen – für den Fall, dass noch ein Militärputsch stattfindet. Laut «Cumhuriyet» soll das Netz aus AKP-Mitgliedern eine Ausbildung erhalten, bewaffnet werden und über Drohnen verfügen. Ironischerweise nennt sich der Verbund «Bleibt Brüder, Türken!».

20. Februar: Die Schule des bekannten oppositionellen Theatermachers Müjdat Gezen ist angezündet worden. Gemäss Überwachungsvideo war der Angreifer ein Mann mit langem Bart. In letzter Zeit waren Gezen und seine Schule Opfer von Anfeindungen staatsnaher Medien. Sie diffamierten ihn, weil er für ein Nein beim Referendum eintritt – und machten ihn und seine Schule so zur Zielscheibe. Viele erinnern sich noch an das Sivas-Massaker von 1993: Radikale Islamisten hatten in der zentralanatolischen Stadt ein Hotel angezündet, in dem gerade Dichter, Musikerinnen und Tänzer weilten. 35 Menschen starben.

21. Februar: In den letzten Tagen hat Erdogan sein Narrativ geändert – sicher wird seine Taktik schon bald auch in Europa und den USA verwendet. Sag zuerst etwas Unerhörtes! Reagieren die Leute nicht, sag etwas noch Unglaublicheres! Werden die KritikerInnen deutlicher, wechsle in die Opferrolle! Derweil du deine RivalInnen durch den plötzlichen Sinneswandel paralysierst, spring in die Vermittlerrolle!

Zuerst sagt Erdogan, es sei Terrorismus, beim Referendum Nein zu stimmen. Dann verkündet er stolz, alle Macht werde in den Händen eines Mannes liegen. Mit seinen Drohungen an die Nein-WählerInnen erhöht er den Einsatz. «Ist es denn ein Verbrechen, Ja zu stimmen?», fragt er plötzlich, als immer mehr Menschen reagieren – als sei er beleidigt worden. Als er von dieser Position zu profitieren beginnt, wechselt er in die Rolle des Mediators: «Ich rufe meine Brüder in der Opposition dazu auf, Ja zu stimmen.»

Ist man diesen plötzlichen Umschwüngen über ein Jahrzehnt lang ausgesetzt, können sie einen verrückt werden lassen, nicht?

Ece Temelkuran (43) ist Schriftstellerin, Journalistin und Juristin. Sie lebt in Istanbul. An dieser Stelle führt sie bis auf Weiteres ein Tagebuch über das Geschehen in der Türkei.

Aus dem Englischen von Anna Jikhareva.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Wechsle in die Opferrolle! aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr