Nr. 09/2017 vom 02.03.2017

Im Kopf eines wütenden Teenagers

Fatma Aydemir erzählt in ihrem packenden Debüt «Ellbogen» von der missglückten Integrationspolitik Deutschlands.

Von Silvia Süess

Mit Hazal, der Protagonistin ihres Erstlings, hat Fatma Aydemir eine Figur geschaffen, wie es sie in der deutschsprachigen Literatur seltsamerweise bis jetzt kaum gibt. Foto: Bradley Secker

Abgefuckt, und zwar so richtig – das ist die Protagonistin Hazal Akgündüz am Ende des 270-seitigen Romans «Ellbogen». Und man ist erschöpft und aufgeputscht zugleich von diesem heftigen und grossartigen Stück Literatur, das Fatma Aydemir einem entgegenschmettert.

Nicht nur die Handlung sorgt für Adrenalinschübe, sondern auch die Art und Weise, wie Aydemir die Geschichte erzählt: Sie lässt die achtzehnjährige Hazal in ihrer derben und direkten Sprache reden und versetzt die Leserin so in den Kopf dieses Berliner Teenagers, der in atemberaubendem Tempo durch sein Leben rennt, angetrieben von Wut. Hazal ist wütend auf das «beschissene Leben», das ihre aus der Türkei nach Deutschland eingewanderten Eltern ihr bieten können.

In einer Zweieinhalbzimmerwohnung in Berlin kocht sie schwarzen türkischen Tee für ihren schweigenden Vater, der früher ab und zu die Mutter geschlagen hat. Sie guckt langweilige türkische TV-Serien mit ihrer Mutter, die es zu Hazals Ärger nie geschafft hat, ihren Mann zu verlassen: «Ihr fehlt der Mut, und die Kohle. Für Hartz ist sie zu stolz. (…) Dann frisst sie Psychotabletten und hängt high auf der Couch ab, bis mein Vater kommt und was essen will.» Als fast Volljährige braucht sie immer noch Ausreden, um abends auszugehen. Um sich ein neues Kleid für ihren 18. Geburtstag kaufen zu können, muss sie sich geklautes Geld von ihrem kleinen Bruder leihen.

«Heute nur Stammgäste»

In der Geburtstagsnacht bricht diese Wut schliesslich aus, und es kommt zur Katastrophe. Hazal trifft sich mit ihren Freundinnen Elma, Ebru und Gül bei Elma zu Hause, um sich für den Ausgang in einem Club am Ostkreuz aufzutakeln. Die Stimmung ist feuchtfröhlich und aufgeheizt. Die jungen Frauen hüpfen zum Song «212» von Azealia Banks durchs Zimmer und betrinken sich mit Wodka – ausser Ebru, die, seit sie vor einem Jahr entlassen wurde, ein Kopftuch trägt und fünfmal am Tag betet. Grund dafür, dass sie ihren Ausbildungsplatz als Zahnarzthelferin verloren hatte, war ein Post auf Facebook: «jeder bekommt das, was er verdient #fuckcharliehebdo.»

Sie ist denn auch nicht mehr dabei, als die Freundinnen auf viel zu hohen Schuhen in den Club stöckeln. Davor hat sich eine Schlange von gut 300 Leuten gebildet – alle tragen Turnschuhe, haben coole Frisuren und sprechen englisch, spanisch oder französisch. Am Eingang werden Elma, Gül und Hazal von den Türstehern mit dem Satz «Heute nur Stammgäste» abgewiesen. So sitzen sie bald wieder in der U-Bahn und fahren nach Hause – einmal mehr mit dem Wissen, nicht dazuzugehören und nicht erwünscht zu sein.

Während Hazal die anderen Menschen in der U-Bahn beobachtet, wächst ihre Wut: «Die Gesichter um uns herum sind alle satt. Sie haben alle Ziele, die sie ansteuern, Türen, die sich für sie öffnen. (…) sie lesen nicht die ‹Bild›-Zeitung, sie kaufen nicht bei Primark, sie haben Ansprüche und Abschlüsse und Jobs und schwere hölzerne Pfeffermühlen. Ihre Haare sind glatt, ihre Hände sind weich, sie haben noch nie den Damenbart entfernt (…).» Als die drei beim Umsteigen an einer einsamen U-Bahn-Station von einem betrunkenen jungen Deutschen angemacht werden, entlädt sich ihre angestaute Wut, und sie verprügeln ihn. Schliesslich stösst ihn Hazal auf die Gleise, wo er aufprallt wie ein «Sandsack».

Gefangen in «Hazalia»

Im zweiten und dritten Teil von «Ellbogen» irrt Hazal durch Istanbul. Sie ist zu Mehmet, einer Facebook-Bekanntschaft, geflüchtet. Natürlich gehört die Deutschtürkin auch hier nicht wirklich dazu. Sie bewegt und kleidet sich anders als die Frauen, hat einen anderen Akzent und keine Ahnung von den politischen Ereignissen, die um sie geschehen und die Aydemir gekonnt nebenbei in den Roman einflicht. Doch obwohl Mehmets Mitbewohner Hazal über die politische Situation in der Türkei aufzuklären versucht, bleibt sie völlig in ihrer eigenen Welt, in «Hazalia», gefangen. Der Rest ist ihr egal. Somit bringt diese Reise, anders als dies in vielen Romanen üblich ist, weder Läuterung noch Selbstfindung – ein guter und konsequenter Entscheid der Autorin.

Fatma Aydemir ist seit mehreren Jahren Redaktorin bei der «taz». Schrieb sie früher vor allem über Musik, Literatur und Popkultur, so gilt ihr journalistisches Engagement heute der Türkei, über die sie immer wieder kritisch berichtet. Ausserdem ist sie Projektleiterin des Portals «taz.gazete», das vor wenigen Wochen aufgeschaltet wurde und das auf Deutsch und Türkisch über das Leben unter dem Regime von Recep Tayyip Erdogan berichtet (siehe WOZ Nr. 5/2017).

Mit Hazal hat Aydemir nun eine Protagonistin geschaffen, wie es sie in der deutschsprachigen Literatur seltsamerweise bis jetzt kaum gibt: einen wütenden, radikalen Teenager mit Migrationshintergrund, der eigentlich nur eines sein will – ein ganz normaler Teenager. Doch das steht Hazal nicht zu. Zwar ist sie in Deutschland geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen, doch die Herkunft ihrer Eltern, dieser mühsame «Migrationshintergrund», bleibt bestimmend in ihrem Leben und gibt den für sie in diesem Land vorgesehenen Weg vor. Diese Ohnmacht treibt Hazal in den Wahnsinn: «Weil solche Typen herumrennen und meinen, die Welt gehört ihnen. Weil sie sich aufführen, wie sie wollen, weil die nie um irgendetwas kämpfen mussten. Und weil wir mit hängenden Schultern wie so Opfer herumlaufen, obwohl wir wahrscheinlich zehnmal mehr wissen über das Scheissleben als diese Kartoffeln. Und vielleicht, wenn wir Glück haben, dürfen wir mal später bei denen putzen, in ihren dicken Häusern.»

Wie gerappt

Aydemir lässt Hazal ihren Text wie eine Rapperin rhythmisch und mit vielen Umgangs- und Fluchwörtern speien. Ihre Geschichte lässt einen aufschrecken. Denn «Ellbogen» erzählt von der missglückten Integrationspolitik Deutschlands. Hazal ist eine von über acht Millionen AusländerInnen in Deutschland, die zwar geduldet, aber nicht als wirklicher Teil der deutschen Gesellschaft akzeptiert werden. Laut einer Umfrage der Uni Münster vom vergangenen Jahr, für die 1200 türkische EinwanderInnen sowie deren Nachkommen ab sechzehn befragt wurden, fühlen sich die Angehörigen der zweiten und dritten Generation zwar in vielem besser integriert als jene der ersten. 54 Prozent von ihnen identifizieren sich allerdings mit der Aussage: «Egal wie sehr ich mich anstrenge, ich werde nicht als Teil der deutschen Gesellschaft anerkannt.»

Deswegen strengt sich Hazal gar nicht erst an. Wozu denn auch? Und sie bringt es im Gespräch mit ihrer Tante, die als Einzige der ganzen Familie eine sogenannt «geglückte Integrationsbiografie» vorweisen kann, auf den Punkt: «Kein Schwanz interessiert sich für uns, sie sehen uns nur, wenn wir Scheisse bauen, dann sind sie plötzlich neugierig. Wenn wir einen Thorsten vor die U-Bahn schmeissen, wollen sie auf einmal wissen, wer wir sind.»

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