Nr. 10/2017 vom 09.03.2017

«Wir sind keine Band»

Die musikalische Zukunft liegt in der sozialen Kollaboration: Ein Gespräch mit den Gruppen Schwabinggrad Ballett und Arrivati über die deutsche «Willkommenskultur» und den Vorteil von Uniformen.

Von Kaspar Surber (Text) und Michael Bodenmann (Foto)

Das Schwabinggrad Ballett und Arrivati mit LaToya Manly-Spain (hintere Reihe, Zweite von links) und Ted Gaier (rechts daneben) im St. Galler Konzertlokal Palace.

Wie bloss klingt diese Musik? Wie Punk, wie Rap oder wie Jazz? Was stellen die überhaupt dar: eine Band, ein Kollektiv, einen Umzug? Und wozu tragen sie Uniformen? Das Schwabinggrad Ballett und Arrivati, zwei Kollektive aus Hamburg, sorgen für Irritation. Für die Musikpresse passte ihr gemeinsames Debüt «Beyond Welcome!» in keine Schublade. Auf Tour verirren sich erst wenige Gäste an ihre Konzerte. Zu vertrackt ist das wohl alles oder vielleicht auch einfach zu neu. Dabei handelt es sich um eine der gelungensten Auseinandersetzungen mit der Flüchtlingspolitik.

Vor dem Konzert im St. Galler «Palace» fanden LaToya Manly-Spain und Ted Gaier Zeit für ein Gespräch. Manly-Spain engagiert sich in der schwarzen feministischen Bewegung sowie bei «Lampedusa für Hamburg» für Geflüchtete, Gaier prägt mit der Band Die Goldenen Zitronen seit Jahrzehnten den popkulturellen Diskurs im deutschsprachigen Raum mit.


WOZ: Euer Album heisst «Beyond Welcome!». Ihr wollt also über die Willkommenskultur hinausgehen. Was ist eure Kritik daran?
LaToya Manly-Spain: Der Begriff «Willkommenskultur» insinuiert, dass Menschen anderer Herkunft heute zum ersten Mal nach Deutschland kommen würden. Als ob die Migration nicht eine lange Geschichte hätte. Zudem beschränkten sich im Sommer 2015 viele Leute auf die humanitäre Unterstützung im Notfall und fragten nicht nach den politischen Ursachen der sogenannten Flüchtlingskrise.

Ted Gaier: Wobei das generell schon ein grosser Schritt war, dass die deutsche Gesellschaft anerkannt hat, dass einfach mal eine grosse Menge von Leuten kommen. Dass die Bundeskanzlerin einfach sagte: «Die können jetzt alle rein.»

Manly-Spain: Das war eine strategische Aktion von ein, zwei Tagen.

Gaier: Und doch ein merkwürdiger Moment in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Den Deutschen sind sonst ja Regeln und Gesetze heilig. Bloss wurde mit der Öffnung gleich wieder eine neue Hierarchie geschaffen: sie, die kommen, und wir, die helfen. Damit sie so werden wie wir.

Was war die Folge dieser Hierarchie?
Manly-Spain: Sie machte die ganzen selbst organisierten Kämpfe von Migranten kaputt, die schon länger gegen die Ausgrenzungspolitik und die globale Ausbeutung arbeiten. Wenn immer noch so getan wird, als sei die deutsche Gesellschaft rein und weiss, werden wir nicht als eigenständig handelnde Subjekte wahrgenommen.

Gaier: Die Solidarität, die viele Leute mit einem migrantischen Background geleistet haben – die afrikanische Gemeinschaft beispielsweise war sehr wichtig –, wurde im Medienhype unterschlagen. Deutschland berauschte sich an sich selbst. Das hatte etwas Narzisstisches. Jetzt, nach dem Rausch, sind wir eben «beyond»: dahinter, in einem historisch neuen Zustand. Für mich hat das erst einmal etwas Wertfreies. Wir sind in einem Zustand, in dem man sich ausmalen kann, was die Alternative zu einem homogenen ethnischen Staat ist.


Das Schwabinggrad Ballett wurde gegründet, um an Demonstrationen gängige Muster und simple Parolen zu unterlaufen. Den Spruch von der internationalen Solidarität zum Beispiel löste die Gruppe lieber gleich praktisch ein. Sie beteiligte sich an den Protesten gegen die Austeritätspolitik in Griechenland, verkleidet als Psychosekte, die mit Sitarklängen die Polizei zu hypnotisieren versuchte. 2013 kam man in Kontakt zu Geflüchteten, die rund um das Hamburger Viertel St. Pauli für ihre Legalisierung kämpften. Daraus entstand die Gruppe Arrivati, die mit Performances auftritt, aber auch Rechtsberatungen anbietet.

Auf Demos und mit Aktionen haben die beiden Gruppen seither eine experimentelle Tanzsprache ausgelotet. So traten sie im grössten Hamburger Flüchtlingslager auf, das zwischen einer Müllverbrennungsanlage und einer Autobahn liegt. Am nächsten Tag fuhr man mit den BewohnerInnen in ein schickes Stadtviertel, das sich gegen eine Asylunterkunft gewehrt hatte, um dort die Performance gemeinsam aufzuführen.


Ihr versucht in eurer Arbeit, die Realität aufzubrechen, eine Alternative zu erarbeiten. Worüber streitet ihr euch am meisten?
Manly-Spain: Die Herausforderungen, denen wir draussen in der Gesellschaft begegnen, haben wir auch intern im Projekt. Rassismus zeigt sich ja nicht nur in gewalttätigen Naziangriffen, sondern in ungleichen Machtverhältnissen. Integration heisst für mich, dass gegenseitig eine Veränderung stattfindet. Wir müssen uns auf der Grenze treffen.

Gaier: In diesem Projekt wird einem sehr schnell klar, was die Privilegien sind, die man als weisser Deutscher hat. Wir vom Schwabinggrad Ballett sind als Kunstschaffende frei gewählt arm. Aber ich habe eine Krankenversicherung, ich weiss, wie ich einen Antrag für ein Theaterprojekt schreiben muss, und ich habe Freunde mit Kneipen, wo ich umsonst etwas trinken kann. Ich bin sichtbar und kann Einfluss nehmen.

Das ist anders bei jemandem, der in Libyen in der Ölindustrie gearbeitet hat und damit in Kamerun eine Familie ernähren konnte. Wenn der hier ankommt, stellt sich für ihn die Frage, ob er in einem Low-Budget-Theater arbeiten soll oder lieber illegal auf dem Bau, wo er das Doppelte verdient. Entscheidet er sich für den Bau, können wir aber auch keine Kunst zusammen machen.

Wie sind eure Songs entstanden?
Manly-Spain: Sie sind organisch gewachsen, aus dem Strassenwiderstand heraus. Wir haben uns nicht gesagt: Jetzt wollen wir Lieder für eine Platte machen, sondern wir haben bemerkt, dass sich musikalisch viele Sachen herauskristallisiert haben, die sehr schön waren, die keiner programmiert hat.

Gaier: Ein Freund nannte es einen «Culture Clash», das finde ich das grösste Lob. Es gibt einige Sachen, wo LaToya genervt ist, weil es ihr zu punkig ist, und es gibt einige Sachen, wo es mir zu soulig ist oder zu schnulzig. Bis jetzt muss ich mich aber für gar nichts schämen.

Manly-Spain: Wir haben viel diskutiert, damit wir nicht bei einem Exotismus stehen bleiben, der sich einfach an afrikanischen Trommeln bedient. Whiteness und Blackness sollen in einer guten Kollaboration zusammenkommen.

Gaier: Wir wollen keine Feelgood-Geschichte schaffen, sondern die Konflikte in die Musik hineintragen. Die Kontraste sollen hörbar bleiben, bevor wir uns alle auf einen mediokren Reggae einigen.


Während des Konzerts wechseln die MitspielerInnen die Instrumente. Einen Leadsänger sucht man vergeblich. «Je suis Nato», beginnt jemand einen Song. «Ich bins, die Nato», übersetzt eine Kollegin. Das Militärbündnis verstrickt sich in ein Selbstgespräch. Bedrohung, Ermächtigung und Ausgelassenheit: Zwischen diesen Polen springt das Konzert ständig hin und her. Und bringt im besten Fall gleich alles zusammen, wie im Chor von «Bodies Will Be Back». Die Toten im Mittelmeer werden zurückkehren, oder sie sind bereits da, wenn Überlebende von ihnen erzählen. Die MitspielerInnen formieren sich auf der Bühne und im Saal zu immer neuen Choreografien. Sie fordern die ZuschauerInnen zum Mittanzen auf, über allem weht eine gelbe Fahne mit der Aufschrift «Fuck».


Ihr arbeitet mit Uniformen und Megafonen. Die Uniformen sind eher Herrschafts-, die Megafone Protestsymbole. Warum diese Zeichen?
Manly-Spain: Ich bin in Sierra Leone, in Nigeria und in Britannien zur Schule gegangen, und für mich ist die Uniform kein Herrschaftssymbol, sondern ein Symbol von Gleichberechtigung. Wir mussten nicht mit Nike-Schuhen wetteifern, wenn wir die Schuluniform anzogen. Und gleichzeitig wussten wir, dass wir etwas Gemeinsames repräsentieren, wenn wir diese Uniform tragen. In diesem Gefühl liegt auch etwas Ermächtigendes.

Gaier: Wir trugen beim Schwabinggrad Ballett schon Uniformen, bevor wir mit Arrivati zusammengearbeitet haben. Das hat vor allem mit unserer Vorliebe für den Agitprop der zwanziger Jahre zu tun. Die bekannteste Gruppe in der Sowjetunion hiess Die blauen Blusen. Wie LaToya schon gesagt hat: Durch die Uniform wirst du erst einmal eins.

Versteht ihr euch überhaupt noch als Band?
Manly-Spain: Wir sind keine Band. Aber ich kenne auch kein anderes Wort für unser Modell. Es geht nicht darum, wie gut einer ein Instrument spielt oder wie schön sie singt, sondern darum, unsere Erfahrungen und Vorstellungen zum Ausdruck zu bringen.

Gaier: Wir beziehen uns auf kollektive Musik, auf die Herangehensweise von Musikkollektiven wie Can oder dem Free-Jazz-Orchester von Sun Ra. Im Musikbusiness ist es zwar ein Nachteil, wenn man nicht dem Format Band entspricht. Dafür können wir einen anderen Benefit aus der Sache ziehen. LaToya und ich zum Beispiel wohnen jetzt zusammen in einer WG. Ich könnte mir nicht mehr vorstellen, in einer rein weissen, linken WG zu wohnen. Und immer die gleichen Diskussionen und Übereinstimmungen zu haben.

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