Nr. 10/2017 vom 09.03.2017

Sicherheitsrisiko Jongen

Von Kaspar Surber

Alle hielten sie die Meinungsfreiheit hoch: Frank A. Meyer im «SonntagsBlick», Michèle Binswanger im «Tages-Anzeiger», Lucien Scherrer in der NZZ und weitere berufene TheaterkritikerInnen. Ohne zu merken, dass sie in ihrem Geheul über die angeblich intolerante Linke nur noch eine Meinung gelten liessen: dass es richtig sei, Marc Jongen, dem Ideologen der Alternative für Deutschland (AfD), ein Podium zu bieten. Dieser vertritt antidemokratische, völkische Positionen.

Hatten die KritikerInnen der Veranstaltung ein Verbot gefordert? Nein, sie hatten sich bloss die Frage erlaubt, ob ein solches Podium nicht den Rechtspopulismus befeuere statt bekämpfe. Ein offener Brief von Kulturschaffenden aus dem ganzen deutschsprachigen Raum rief die Gessnerallee dazu auf, Jongen keine Bühne zu bieten, und wies zudem auf die Angriffe der AfD gegen Theaterhäuser hin.

Angesichts des laufenden Mackershowkampfs – es planten, kritisierten und verteidigten vor allem Männer die Veranstaltung – war es am Schluss umso passender, dass ein Aufruf aus dem feministischen Umfeld der Veranstaltung die Luft herausliess. «Publikumsstreik!» lautete sein knapper Titel. Dem öffentlichen Vorgespräch, ob das Podium stattfinden soll, sowie dem allfälligen Podium selbst solle man mit «strategischem Desinteresse» begegnen. Schweigen sei nicht mit Absenz zu verwechseln und könne ein Plan sein, zitierte der Aufruf die US-Feministin und Dichterin Adrienne Rich. Über das Wochenende unterschrieben den Aufruf mehr als 400 Personen.

Am Dienstag gab die Gessnerallee bekannt, dass sie beide Veranstaltungen absage. Sie hält in ihrer Mitteilung an der Richtigkeit der Einladung an Jongen fest und begibt sich selbst in die Opferrolle: Der Boykottaufruf habe ein konstruktives Gespräch verunmöglicht. Auch sei es zu Diffamierungen, Drohungen und Erpressungen gekommen. Offenbar wurde es bereits als Erpressung empfunden, dass einige KünstlerInnen ihre Zusammenarbeit mit dem Theaterhaus infrage stellten, sollte Jongen dort auftreten.

Zum Schluss der Mitteilung heisst es, das Podium würde für die TeilnehmerInnen ein Sicherheitsrisiko darstellen und einen Polizeieinsatz nötig machen. Sicherheitsrisiko Jongen: Die Gessnerallee bestätigt unfreiwillig, was ihr von Anfang an hätte klar sein müssen.

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