Nr. 10/2017 vom 09.03.2017

Tod eines Rückkehrers

Ein dubioser Todesfall im Gefängnis von Prizren sorgt im Kosovo für Spannungen. Die umstrittene Oppositionsbewegung Vetevendosje! glaubt an einen politischen Mord. Viele Beteiligte haben Verbindungen in die Schweiz. Eine Erkundigung.

Von Sarah Schmalz (Text) und Ursula Häne (Fotos), Pristina

Alles begann mit einem Treffen im Hiltl-Dachrestaurant an der Zürcher Bahnhofstrasse. Mir sass Njomza Gutaj gegenüber, dezent geschminkt, höflich, zurückhaltend im Ton. Gutaj will mich überzeugen. Wir hatten in der WOZ über die kosovarische Oppositionsbewegung Vetevendosje!, auf Deutsch: Selbstbestimmung!, geschrieben. Am Rand nur, eigentlich ging es im Artikel um den Einsatz der Swisscoy im Kosovo, um die Frage, ob die Verlängerung des Einsatzes der Schweizer SoldatInnen auf dem Balkan noch immer sinnvoll sei (vgl. «‹Bewaffnete Autorität wird hier geschätzt›»). Vetevendosje! fordert nicht nur einen Abzug der Truppen, die Bewegung will den Kosovo an Albanien anschliessen. Und ohne Expertin für kosovarische Innenpolitik zu sein, hatten mich diese grossalbanischen Fantasien erschreckt.

Sie halte den Aufstieg von Vetevendosje! für gefährlich, hatte ich eine Menschenrechtsexpertin zitiert. Weil Nationalismen im Balkan schon immer Kriege verursacht hätten. Weil der Kosovo ein multiethnischer Staat sei und weil die Minderheiten zunehmend Angst bekämen. Nun also trank ich mit Njomza Gutaj Tee, und die Zürcherin, die sich in der Schweizer Sektion von Vetevendosje! engagiert, erzählte mir, in Wahrheit sei alles ganz anders. Ich hörte ihr zu. Mein Unbehagen wurde ich dabei nicht los.

Zwei tote Brüder

Ein paar Wochen später sitze ich in einem schwarzen VW Passat. Der Fahrer, ein Vetevendosje!-Mitglied, hat mich in Pristina abgeholt, wir reden nicht viel. Es liegen gegenseitige Verdächtigungen in der Luft, die wir mit Höflichkeit übertünchen. Die Bewegung versucht, das Bild, das sich die internationale Presse von ihr gemacht hat, mit demonstrativer Offenheit zu korrigieren. Und doch schwingt bei jedem Treffen etwas zu viel Beflissenheit mit, die unausgesprochene Frage auch, ob wir denn am Ende die richtige Geschichte transportieren: jene einer unterdrückten, missverstandenen Partei.

Wir stoppen etwa eine Viertelstunde ausserhalb von Pristina. Der verschneite Ort könnte auch irgendwo im Schweizer Mittelland liegen: ein langes Tal, verstreute Einfamilienhäuser. Bloss, dass sich hier im Winter das Brennholz an den Hausfassaden stapelt. «Hier leben viele Rückkehrer», sagt Albana Dehari. «Es ist eine gute Gegend, man kennt sich im Dorf. Oft sitzen wir im einzigen Café zusammen, das es hier gibt.» Albana Deharis Familie lebte fast zwanzig Jahre lang in der Schweiz, alle drei Kinder wurden dort geboren. Tochter Albana war achtzehn, als sie zwei Jahre nach Kriegsende 2001 mit ihrem Vater in den Balkan zurückkehrte, ihre Mutter und die beiden jüngeren Brüder folgten ein Jahr später. «Arbenor wollte damals die Sekundarschule noch in der Schweiz abschliessen.» Seit zwei Jahren ist Arbenor tot: ein Sturz vom Balkon seiner Wohnung in Pristina. Das zweite Unglück der Familie Dehari liegt noch weniger lange zurück: Arbenors jüngerer Bruder Astrit starb am 5. November 2016 im Gefängnis von Prizren. Nach seinem Tod ist Albana Dehari, die mit ihrem Mann eigentlich in Südserbien lebt, ins Haus ihrer Eltern zurückgekehrt. «Ich weiss nicht, wie lange ich bleibe, ob ich überhaupt wieder nach Serbien gehen werde», sagt sie. «Im Kosovo ist es normal, dass sich die Söhne irgendwann um ihre Eltern kümmern. Doch nun gibt es nur noch mich.» Sowohl Astrit Dehari als auch sein jüngerer Bruder Arbenor waren Vetevendosje!-Aktivisten. Astrit engagierte sich zudem in der «Studentenbewegung für Gleichheit». Arbenor hätte einen Tag nach seinem unerwarteten Tod seinen neuen Job angetreten: Er wäre Pressesprecher von Shpend Ahmeti geworden, des Vetevendosje!-Bürgermeisters von Pristina. Seit auch sein Bruder tot ist, zweifeln die Eltern alles an. «Arbenor war alleine zu Hause», sagt Mutter Xhemile Dehari. «Wer kann mir denn garantieren, dass niemand in die Wohnung eingedrungen ist und ihn vom Balkon stiess?»

Unterstützung aus der Schweiz

Das Wohnzimmer der Deharis ist mit dicken Polstergruppen und schweren Vorhängen ausstaffiert, fast jeden Tag seit dem Tod ihres zweiten Sohnes kommt Besuch vorbei, den die Frauen mit Tee bewirten. Astrit Dehari soll im August einen Sprengsatz auf das Parlament in Pristina geschleudert haben, mitten aus der Menschenmenge einer Protestaktion heraus. Verletzte gab es bei dem Anschlag keine. Astrit und vier weitere Verdächtige wurden nach ihrer Festnahme wegen «Terrorismus» angeklagt. Der 26-jährige Medizinstudent hatte die Tat stets abgestritten, seine Familie ist von seiner Unschuld überzeugt. Astrit habe nie mit Gewalt gekämpft, sagt Vater Avni. «Er war der Regierung einfach ein Dorn im Auge.» Einen Tag vor seinem Tod hatten ihn Familie und Freunde zum letzten Mal im Gefängnis besucht. «Astrit ging es gut», sagt seine Mutter. «Es hatte im ganzen Land Proteste für ihn gegeben. Niemand, der ihn kannte, glaubt, dass er sich einen Tag später umgebracht haben soll.»

Das aber ist die offizielle Version. Kurz nach dem Todesfall liessen die Behörden verlauten, der 26-Jährige habe sich mit einer Überdosis Tabletten das Leben genommen. Schnell jedoch häuften sich die Widersprüche: Astrit Dehari sei auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben, rapportierten die zuständigen Polizisten, dann wiederum hiess es, der Tod sei erst im Krankenhaus eingetreten. Später, er sei bereits im Gefängnis umgekommen. Die Staatsanwaltschaft gab nach den dubiosen Ereignissen eine Obduktion in Auftrag. Die europäische Rechtsstaatsmission Eulex lobte das Vorgehen. Noch halten die Behörden den detaillierten Bericht unter Verschluss. Doch die Staatsanwaltschaft hat eingeräumt: Astrit Deharis Tod sei aller Wahrscheinlichkeit nach nicht durch eine Überdosis Tabletten verursacht worden, sondern durch Ersticken. An der Selbstmordtheorie hält die Staatsanwaltschaft jedoch fest.

Xhemile Dehari und ihr Mann Avni stammen aus Mazedonien. Xhemile Dehari war Kindergärtnerin, ihr Mann Professor für albanische Sprache und Geschichte. Als das sozialistische Jugoslawien zu bröckeln begann und die Repressionen gegenüber der albanischen Minderheit zunahm, unterrichtete er seine StudentInnen heimlich. Nach der Flucht arbeitete er in der Schweiz für eine albanische Exilzeitung. Man stand der UCK nahe, der albanischen Untergrundarmee, die im Kosovo gegen die Serben kämpfte. «Früher assen wir aus denselben Tellern», sagt Xhemile Dehari. Und meint damit Leute wie Hashim Thaci, der in Zürich studierte, bevor er UCK-Kämpfer wurde – und später der erste Ministerpräsident des Kosovo. «Heute bringen sie unsere Kinder um.» Die Ideologie von Vetevendosje! fällt bei der Familie Dehari auf fruchtbaren Boden. Aus ihrer Sicht hat die regierende Demokratische Partei des Kosovo (PDK) die albanische Sache mit ihrer Anbiederung an die internationale Gemeinschaft verraten. Der ehemalige Parteivorsitzende Albin Kurti lehnt die EU-Pläne zur Normalisierung der Beziehungen zwischen dem Kosovo und Serbien radikal ab. Vetevendosje! kämpft mit Militanz für seine Ziele. Im Parlament zünden ihre Abgeordneten des Öfteren Tränengaspetarden. Etwa um gegen das umstrittene Abkommen mit Belgrad über einen serbischen Gemeindeverband im Kosovo zu protestieren, das der serbischen Gemeinde mehr Autonomierechte garantieren soll. Vetevendosje! hat in den letzten Parlamentswahlen sechzehn der insgesamt hundert Parlamentssitze erobert. Aus der Schweiz erhält die Bewegung weit mehr Unterstützung: Über die Hälfte der hier lebenden KosovarInnen sollen Vetevendosje! gemäss Umfragen unterstützen. Man müsse schon verstehen, hatte mir Njomza Gutaj im Zürcher «Hiltl» gesagt: «Die Welt wird unsicherer. Und der Kosovo ist klein. Da ist Russland. Da ist ein Donald Trump. Würden wir uns mit Albanien vereinigen, gäbe uns das ein bisschen mehr Sicherheit. Das hat mit Nationalismus nichts zu tun.»


In der Schweiz gibt es regelmässige Treffen zwischen Vetevendosje!-AktivistInnen und den SozialdemokratInnen. Die Partei verbindet ihre nationalistische Rhetorik mit linker Kapitalismuskritik. Viele Forderungen, etwa nach einer Demokratisierung der Wirtschaft oder einer progressiven Gesellschaftspolitik, decken sich mit jenen der europäischen Linken. Die St. Galler SP-Nationalrätin Barbara Gysi sagt dazu: «Wir möchten im Austausch mit der Bewegung bleiben. Die Partei liegt etwa zu achtzig Prozent auf unserer Linie.» Doch der Traum von Grossalbanien löse auch bei ihr Unbehagen aus, «die SP hat sich deswegen vorläufig nicht für eine offizielle Kooperation entschieden». Dennoch: Viele Vetevendosje!-Mitglieder sind auch bei der Schweizer SP aktiv. So etwa der Schaffhauser Lokalpolitiker Faton Topalli – er ist Mitglied des kosovarischen Parlaments und gehörte beim Kampf gegen den serbischen Gemeindeverband zu den Petardenwerfern. Es brauche eine gewisse Militanz, wenn die Regierung nicht hören wolle, sagte er danach. «Wir hatten Unterschriften gegen das Abkommen gesammelt. Doch wir konnten uns nur mit Tränengas Gehör verschaffen.»

Gepflegter Opfermythos

Zurück in Pristina, im Hauptquartier von Vetevendosje!. Albin Kurti trägt ein legeres Hemd, er gibt sich zugänglich, bietet sofort das komplizenhafte Du an. Sein Amt als Parteivorsitzender hat er mittlerweile aufgegeben, nicht aber seinen Einfluss. Der 41-Jährige ist ein begabter Rhetoriker, der im verschwörerischen Flüsterton spricht. Vetevendosje!, sagt er, sei alles andere als nationalistisch. Die Bewegung kämpfe im Gegenteil gegen ethnische Trennlinien im Kosovo. «Die Schaffung eines serbischen Gemeindeverbands ist ein Schritt in die falsche Richtung. Wir wollen im Kosovo kein Trojanisches Pferd der Serben.» Was passiere, wenn man der serbischen Minderheit zu viel Autonomie gebe, sehe man ja in Bosnien, sagt er dann. Die Republika Srpska sei der bosnischen Kontrolle völlig entglitten. «Serbien ist wie Russland: besessen vom Expansionsgedanken, besessen von Land. Die Serben hier im Kosovo sind Geiseln Serbiens, die mit Geld bei der Stange gehalten und als Druckmittel benutzt werden.»

Ob er den Anschluss an Albanien tatsächlich wolle, frage ich ihn. Ob die nationalistischen Reflexe, an die er appelliere, nicht gefährliche Folgen haben könnten. Was mit den Minderheiten passiere, wenn aus dem Kosovo ein Teil Albaniens würde. Ob er nicht die Stabilität der Region gefährde. Kurti antwortet mit einem Lachen. «Wir würden ja keinen Krieg anzetteln», sagt er dann. «Wir kämpfen mit demokratischen Mitteln und würden ein Nein bei einem Referendum natürlich akzeptieren. Und wir respektieren die Rechte aller Minderheiten im Kosovo. Aber ebenso muss auch der Wille der Mehrheit respektiert werden. So gesehen wäre das Referendum gerecht, friedlich und demokratisch.» Albin Kurti flüstert etwas mehr als sonst, als er zum Schluss die Vorzüge eines vereinten Albanien aufzählt: Wasser, Berge, Seen, Agrarland – Albanien habe alles, was ein Land brauche. Der Kosovo hingegen sei schwach und wirtschaftlich chancenlos.

Kurti ist ein gewiefter Intellektueller – und er steht mit seiner Ideologie nicht alleine da. Vetevendosje! argumentiert im Sinne des linken Befreiungsnationalismus. Der Maoismus sei im kommunistischen Albanien schliesslich Staatsdoktrin gewesen, sagt mir Norbert Mappes-Niediek, Südosteuropakenner und Journalist von «Le Monde diplomatique», am Telefon. Linker Nationalismus habe auf dem Balkan also Tradition. «In Kurtis Logik ist die albanische Nation noch immer nicht befreit vom imperialistischen Joch der Serben. Und die Machtstellung Serbiens im Kosovo hatte ja über Jahrzehnte wirklich etwas Koloniales, ähnlich wie die Vorherrschaft der internationalen Gemeinschaft seit dem Kosovokrieg tatsächlich etwas Absolutistisches hat.»

Vetevendosje! ist laut Mappes-Niediek als Spiegelbild der Thaci-Regierung entstanden. Diese sei in der Tendenz genauso nationalistisch, halte sich aber gegenüber der internationalen Gemeinschaft den Rücken frei, indem sie deren Versöhnungsrhetorik verwende. «Gegenüber dem Westen bewirtschaftet die Regierung das Narrativ, der einzige vernünftige Partner für Stabilität zu sein. Zugleich verteilt sie Posten und Ressourcen nach Gutsherrenart.» Umgekehrt setzte sich Vetevendosje! zwar glaubwürdig für rechtsstaatliche Verhältnisse ein, «doch das Problem an der Bewegung ist, dass sie einen albanischen Opfermythos pflegt und antiserbische Ressentiments schürt. Die Albaner sind in der Erzählung von Vetevendosje! immer die Opfer, die Serben die Bösen. Deshalb will man keine Aussöhnung, geschweige denn eine Aufarbeitung der eigenen Verbrechen während des Kriegs.»

«Die Situation war noch nie so verfahren»

Vetevendosje! findet mit seiner Rhetorik vor allem im studentisch geprägten Pristina Anklang. Kein anderes Land Europas ist so jung und gleichzeitig so arm wie der Kosovo. Die Arbeitslosigkeit liegt geschätzt bei über vierzig Prozent, bei den unter 25-Jährigen sind es sogar siebzig Prozent. Die neue Generation wolle nicht länger auf den Wandel warten, sagt mir Besa Luci. Die 26-Jährige ist Mitgründerin des Magazins «Kosovo 2.0». Wir treffen uns in den spärlich eingerichteten Redaktionsräumen im Zentrum der Stadt. Noch nie, sagt Luci, sei die politische Situation im Kosovo so verfahren gewesen wie jetzt. «Opposition und Regierung blockieren sich gegenseitig, die wirtschaftliche Situation der Menschen verschlechtert sich immer weiter.»

«Kosovo 2.0» ist ein ehrgeiziges Projekt, das Luci und zwei Bekannte mithilfe eines internationalen Fonds gestartet haben. Das Magazin füllt eine Lücke in der ausgedünnten Medienlandschaft des Kosovo. Die AutorInnen beschäftigen sich mit Geschlechterrollen, Korruption, mit subversiver Kultur, sozialer Gerechtigkeit. Es fehle der politischen Debatte im Kosovo an Differenziertheit, sagt Luci. Das Land sei geprägt von starken Leaderfiguren, von Plänen und Paradigmen. Wirklich wählbar, sagt Luci, sei für sie derzeit keine Partei. «Was Vetevendosje! angeht: Da fällt es vielen von uns extrem schwer, eine abschliessende Haltung zu entwickeln. Die Partei geht gegen viele Probleme des Kosovo vor, gegen Korruption und Misswirtschaft etwa, und aus einer globalen, antikapitalistischen Perspektive heraus haben sie gute Argumente. Doch sie oszillieren zwischen verschiedensten Positionen, und ich finde es sehr schwer abschätzbar, wo sie tatsächlich hinwollen.»

Der Tod Astrit Deharis, sagt Luci, sei eine Zäsur gewesen. «Unabhängig davon, was man von Vetevendosje! hält, scheint an dieser Geschichte etwas faul zu sein. Nach dem Vorfall gingen dieselben Leute auf die Strasse wie nach der letzten grossen Korruptionsaffäre. Das zeigt mir, dass es ein wachsendes Bewusstsein für Bürgerrechte gibt, dass sich vor allem die jungen Menschen zu organisieren beginnen. Und das ist, was mir derzeit etwas Mut macht.»

«Erfolgreicher Bürgermeister»

Auch Jeton Neziraj ist Optimist. Pristina sei ein Chaos, sagt er. «Und es steckt auch eine Harmonie in dieser Stadt, die irgendwie alles am Laufen hält.» Neziraj ist Theaterautor, sein unabhängiges Theaterkollektiv befindet sich im Kellergeschoss eines grauen Sowjetblocks. Seine Stücke sind groteske Werke, die die gesellschaftliche Realität des Kosovo mit zynischem Humor unter die Lupe nehmen. Von 2009 bis 2011 war Neziraj Intendant am neu gegründeten kosovarischen Nationaltheater. Er gehörte zu den ersten kosovarischen KünstlerInnen, die nach dem Krieg auf eine Kooperation mit serbischen KollegInnen setzten. Mit befreundeten serbischen AutorInnen lancierte er zudem ein Projekt, Werke von SchriftstellerInnen in die jeweils andere Sprache zu übersetzen. Neziraj polarisierte, und als die Wogen in der Presse immer höher gingen, setzte ihn das Nationaltheater auf die Strasse. Es sei eine inspirierende Zeit gewesen, sagt Neziraj heute. «Der Kosovo war gerade erst entstanden, alles musste neu ausgehandelt werden. Das gab uns allen viel kreative Energie.»

Auch Antinationalist Neziraj will Vetevendosje! nicht verteufeln. Es kämen regelmässig ParteiaktivistInnen zu seinen Vorstellungen, sagt er. Die Partei sei zwar auf eine «verklärende Weise patriotisch», aber eben auch «ein Wachhund für die korrupte Regierung». Seit Shpend Ahmeti vor vier Jahren zum Bürgermeister Pristinas gewählt worden sei, sei einiges besser geworden, sagt Neziraj. Die Kultur werde im Rahmen des Möglichen besser gefördert. «Und man steht auf den Ämtern nicht mehr stundenlang Schlange. Zudem gibt es in den verschiedenen Stadtteilen regelmässig Versammlungen, an denen die Stadtbewohner ihre Anliegen vorbringen können.» Auf lokaler Ebene zumindest löst die Partei ihr Versprechen, die Korruption zu bekämpfen, ein. Ahmeti hat Dutzende Verfahren wegen gekaufter Baubewilligungen aufnehmen lassen. Im Bürgermeisteramt traf er Massnahmen, die seine Angestellten vor den Versuchungen der Korruption schützen sollen.

Ende Dezember begann in Pristina der Prozess gegen die vier Männer, die neben Astrit Dehari am Anschlag auf das Parlamentsgebäude beteiligt gewesen sein sollen und die nach wie vor unter Hausarrest stehen. Vetevendosje! schlachtet den Fall öffentlichkeitswirksam aus – die Partei fordert nicht nur die Absetzung des eingesetzten Sonderstaatsanwalts, sondern zum wiederholten Mal auch vorgezogene Neuwahlen. Die Opposition versuche, aus dem Fall Profit zu schlagen, sagt Osteuropakenner Norbert Mappes-Niediek. «Beim Tod von Astrit Dehari stinkt der Fisch tatsächlich. Doch das löst im Kosovo eben genau deshalb so viel Erregung aus, weil das Gefängnissystem gut reformiert ist und wir es, trotz aller Schwierigkeiten, mit keinem totalitären Staat zu tun haben.» Astrits Vater sagte mir zum Abschied: «Wir verlangen eine unabhängige Untersuchung des Falls. Am liebsten wären uns Experten aus der Schweiz.»

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Kosovo und Serbien

Der Normalisierungsprozess ist blockiert

Der Tod des Vetevendosje!-Aktivisten Astrit Dehari im November 2016 war der vorläufige Höhepunkt der politischen Spannungen im Kosovo. Das jüngste Land Europas kommt nicht zur Ruhe. Strassenschlachten, Massendemostrationen und Tränengasattacken im Parlament machen international Schlagzeilen. Die Regierung geht zunehmend repressiv gegen die Opposition vor, bei «Antiterroreinsätzen» werden AktivistInnen festgenommen, angeklagt und unter Hausarrest gestellt.

Grund für die Spannungen ist der von der EU moderierte Normalisierungsprozess mit Serbien, der im Kosovo zunehmend auf Widerstand stösst. Besonders zwei Abkommen sind umstritten: einerseits das Abkommen über den Verlauf der Grenze zu Montenegro, andererseits die Vereinbarung über die Autonomierechte des serbischen Gemeindeverbands im Kosovo.

Das zweite dieser Abkommen gesteht den SerbInnen weitreichende Selbstverwaltungsrechte zu, etwa im Planungs-, Gesundheits- und Schulwesen. Auf Druck der EU haben sich Serbien und der Kosovo bereits im April 2013 grundsätzlich auf das Abkommen geeinigt. Im August vergangenen Jahres beschlossen die Regierungen beider Länder erste Einzelheiten. Doch kosovarische Oppositionsparteien, allen voran die Bewegung für Selbstbestimmung Vetevendosje!, legen die Parlamentssitzungen zum Thema seit Monaten mit Tränengas und Gewalt lahm. Nach eigenen Angaben hat die Opposition zudem 200 000 Unterschriften gegen das Abkommen gesammelt, was immerhin etwa einem Zehntel der kosovarischen Bevölkerung entspricht.

Viele KosovarInnen stehen dem Abkommen skeptisch gegenüber, weil sie es als Einstieg in die territoriale Autonomie der serbischen Gebiete verstehen. Weil Belgrad die Unabhängigkeit des Kosovo weiterhin nicht anerkennt, sind diese Ängste leicht zu bewirtschaften. Erst kürzlich schickte Serbien erstmals seit zwanzig Jahren einen Zug in Richtung des mehrheitlich serbischen Nordens des Kosovo, bemalt mit der serbischen Nationalflagge – und dem Spruch «Kosovo ist Serbien». Die kosovarische Polizei stoppte den Zug an der Grenze. Serbiens Regierungschef Aleksandar Vucic ordnete schliesslich dessen Rückkehr nach Belgrad an.

Die linksnationalistische Vetevendosje! blockiert im Parlament auch die Umsetzung des Grenzvertrags mit Montenegro. Zur Debatte stehen rund 8000 Hektaren Land im Rugovagebirge, die mit dem neuen Vertrag Montenegro zugeschlagen werden sollen. Die neue Grenze schneide Bauern von ihren Ländereien ab, argumentiert Vetevendosje!. Die Partei appelliert aber auch an Mythenkult und die Angst vor Gebietsverlusten: In den betroffenen Gebieten seien albanische Märtyrer gefallen, die Berge seien strategisch wichtig für das Land. Weitere nationalistische Ressentiments schürt die Opposition, indem sie sich gegen das geplante Uno-Sondertribunal stellt, das Kriegsverbrechen der albanischen UCK-Kämpfer während des Kosovokriegs aufklären soll.

Sarah Schmalz

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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