Nr. 10/2017 vom 09.03.2017

Das Phantom in der Agglo

Scheitern als Methode: In seinem lang erwarteten neuen Roman «Hagard» schickt Lukas Bärfuss einen diskreten Stalker ins Verderben – und sabotiert sich dabei selbst.

Von Florian Keller

Ob Ballerinas oder Wildlederboots: Pflaumenblaue Fussbekleidung kann ein Sehnsuchtsobjekt für alternde Familienväter sein. Foto: Florian Bachmann

Dann, auf Seite 48, steht plötzlich die Zeit still. Der Erzähler hat sie angehalten, als habe er die Notbremse gezogen. Seine Figuren stehen gerade in der S-Bahn, verharren dort wie eingefroren in diesem Zug, der einfach nicht abfährt, «den ganzen Frühling bis weit in den Sommer». Der Erzähler verreist derweil nach Venedig, er nimmt Abstand von seinen Figuren und ihrer Geschichte – und dann, acht Seiten oder einige Monate später, lässt er den Zug doch wieder anrollen.

Es ist ein atemberaubender Moment in «Hagard», dem neuen Roman von Lukas Bärfuss. Ein Moment, in dem sich spiegelt, was manchmal so fesselnd ist an diesem Buch, warum es aber auch so enervierend ist. Mag sein, dass in solchen Einbrüchen noch das Ringen des Autors mit seinem Roman durchschlägt, der bereits vor einem Jahr hätte erscheinen sollen, dann mehrfach verschoben wurde. Wir wissen es nicht, aber dem Ich-Erzähler in «Hagard» ergeht es irgendwie ähnlich. Der kennt zwar die Geschichte über einen Freund, die er erzählen will, bis in die kleinsten Details, doch einen Reim kann er sich darauf nicht machen: «Ich weiss alles, und ich begreife nichts.»

Im Stammgebiet

Philip, so heisst der Freund, ein Geschäftsmann, der eines Tages aus einem Impuls heraus einer jungen Frau nachstellt, weil sie ihn mit einer Geste vermeintlich dazu auffordert. Betört vom Anblick ihrer «pflaumenblauen Ballerinas», folgt er ihr wie ein Phantom durch die Stadt, zu Fuss und im Tram, ohne dass er je ihr Gesicht zu sehen bekommt, dann per S-Bahn hinaus in die Agglomeration und wieder zurück in die Stadt – und anderthalb Tage später steht er durchnässt und ausgezehrt wie ein Penner an einem Kebabstand, mit nur noch einem Schuh, am anderen Fuss trägt er einen zerschlissenen Plüschtierpantoffel, und er steckt sich einen Tomatenschnitz, den womöglich schon mal jemand ausgespuckt hat, in den Mund.

Das Motiv ist bekannt: Mann im besten Alter steigt aus seiner sauber abgedichteten Existenz aus, lässt sich zurückfallen in ein elementares, nacktes Dasein, mit allem, was das kostet. Ausbruch aus den gesicherten Bahnen der Routine, Sehnsucht nach reiner Präsenz, es ist eine esoterisch-meditative Version von Extremsport. Peter Stamm hat das jüngst auch durchgespielt in seinem Outdoor-Roman «Weit über das Land» (2016). Dort stiehlt sich ein Familienvater einfach davon und fühlt sich als Vagabund endlich «gegenwärtig wie sonst nie». Auch den diskreten Stalker bei Bärfuss erfasst dieses beglückende Gefühl absoluter Präsenz: «Er war da. Mehr brauchte er nicht zu tun, und er verstand, warum darin das Glück lag.»

Der Unterschied, abgesehen davon, dass die Sprache hier nicht so flach und geheimnislos ist wie bei Stamm: Bärfuss ist auch schlau genug, um der bürgerlichen Fluchtfantasie, die er hier bedient, zutiefst zu misstrauen. Seinem Erzähler ist manches daran peinlich. Das geht so weit, dass er sich auslässt über «halbsüsse» Männerromane, die mit solchem Aussteigerkitsch hausieren gehen, «und jeder, der mit diesen faden Träumen sein Geschäft betrieb, war ein Lump». Das kann man fast nicht anders verstehen denn als Volte gegen einen wie Stamm. Draussen brennt die Welt, und wir spielen hier ein bisschen privatistische Sinnstiftung mit einem Mann in der Krise, der angesichts von blauen Ballerinas alles stehen lässt und binnen 36 Stunden sein bürgerliches Leben verspielt?

Es ist dieses schlechte Gewissen, das in «Hagard» herumspukt, und Bärfuss schreibt dagegen an, indem er seinen tragikomischen Thriller immer mal wieder zur raunenden Zeitdiagnose frisiert – und indem er über die Figur des Erzählers seinen eigenen Roman sabotiert. Er hat das so ähnlich schon in «Koala» (2014) erprobt, seinem essayistischen Roman über den Selbstmord seines Bruders. Die Unmöglichkeit, dem Tod einen Sinn und dem kontingenten Ereignis eine Erzählung abzuringen, mündete dort recht früh in einen merkwürdigen Exkurs in die australische Kolonialgeschichte, der letztlich den Grossteil des Buchs ausmacht. Scheitern als Methode, formvollendet: Ein Roman, der keiner sein sollte, zog eine epische Schlaufe über dem traumatischen Nichts.

Auf Eis gelegt

Seine fesselnden Momente hat nun auch «Hagard» dort, wo der Text stockt und neu ansetzt, wie bei der S-Bahn, die einfach mal auf Eis gelegt wird, oder wo er unversehens auf andere Geschichten ausweicht: auf den verschlungenen Vortrag eines Mathematikers an der «Brain Fair»; auf die schroffe Lebensgeschichte eines Taxifahrers, skizziert in kräftigen Strichen. Man kann hier einem Schriftsteller dabei zusehen, wie er seinen eigenen Plot durchkreuzt, wie er sich von seiner lächerlichen Hauptfigur ablenken will, wie er sich vor dem Erzählen ins Erzählen rettet.

Die Kapitulation vor den Geschehnissen aber, die in «Koala» existenziell war, gerät hier zur metafiktionalen Masche. Die Skrupel und Bedenken, die der Erzähler so penetrant mitliefert, gerinnen zur Pose. Vielleicht, vielleicht aber auch nicht: Das ist der Modus, in dem er fortwährend über seinen Protagonisten spekuliert – ein Roman als sein eigener Disclaimer.

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