Nr. 11/2017 vom 16.03.2017

Den Osten nicht aus den Augen verlieren

Am 22. März wird der französische Schriftsteller und Übersetzer Mathias Énard mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet: als «einzigartiger Vermittler» für seinen facettenreichen Roman «Kompass».

Von Hans Ulrich Probst

West-östliche Visionen nach Opiumgenuss: Mathias Énard schickt in «Kompass» seinen Protagonisten auf eine träumerische und selbstquälerische Erinnerungsreise. Illustration: Dario Forlin

Über das, was ist, hinauszuweisen, Dinge und Menschen jenseits von Konfrontation und Konflikten aufzuzeigen – das sind für den 45-jährigen Mathias Énard zentrale Aufgaben allen künstlerischen Schaffens. Dem französischen Autor gelingt dies exemplarisch in seinem vielstimmigen Roman «Kompass» über Geschichte und Aktualität des Verhältnisses von westlicher Kultur und Orient. Énard, viel gerühmt schon für seinen Roman «Zone», der beklemmend von Krieg und Gewalt im Balkan und Mittelmeerraum erzählt, weiss, wovon er spricht. Nach Studien der arabischen und der persischen Sprache hat er viele Jahre in Damaskus, Beirut und Teheran verbracht, weitere in Berlin und Istanbul.

Ausgangspunkt für seinen neuen Roman ist Wien, das seit je als Porta orientis, als Tor vom und zum Osten, wahrgenommen wird. «Kompass» spielt in einer einzigen Nacht, greift darin aber weit aus in Vergangenheit und Erinnerung. Der Roman bündelt tausendundeine Erzählungen, gefundene und erfundene Begebenheiten aus den Orientwissenschaften und der andauernden historischen Faszination europäischer Künstlerinnen und Wissenschaftler für den Nahen Osten.

Listig vertauschte Rollen

In Wien liegt der etwa fünfzigjährige Musikwissenschaftler Franz Ritter, Spezialist für orientalische Einflüsse auf die westliche Musik, nach einer schlimmen Diagnose schlaflos in seinem Appartement. Mit seiner Opiumpfeife begibt er sich, halb träumend, halb selbstquälerisch, auf eine Erinnerungsreise, die nach Istanbul, Damaskus, Palmyra, Teheran führt. In anekdotischen Arabesken wie in konzentrierten Binnenerzählungen und originellen Exkursen entfaltet der Roman Reichtum und Vielfalt der wechselseitigen Beeinflussung der Kulturen über Jahrhunderte.

Den roten Faden für Ritters kenntnisreich erzählte Reiseerfahrungen und Studienerkenntnisse bildet seine schwierige Liebesgeschichte mit der französischen Orientalistin Sarah. Diese schickt ihm immer wieder E-Mails, zu Romanbeginn kommt eines aus dem Nordosten Borneos. Neugier und innere Unruhe haben die faszinierende Frau und Nomadin immer weiter gen Osten getrieben, und so bleibt die von Hindernissen geprägte Liebe des Paars bis zum Schluss in der Schwebe. Franz heisst wohl nicht zufällig Ritter, doch sind die Rollen listig vertauscht: Es ist die starke Sarah, die manch Aventüre in fernen Landen zu bestehen hat, derweil Franz statisch in Wien verharrt.

Die Struktur des Romans ist klar und streng: Vom Fixpunkt Wien aus wird immer neu aufgebrochen und dann opulent erzählt, etwa von der Revolution Ende der siebziger Jahre im Iran oder von einer Liebesnacht in den kalten Ruinen von Palmyra – aber stets kehrt die Erzählstimme ins Wiener Gemach des Schlaflosen zurück und verhindert so, dass sich die Lesenden in der prallen Fülle des mäandernden Erzählens aus wechselnden Epochen und Schauplätzen verlieren.

Brillant vermischt Énard Fakten und Fiktionen. Während er die lebenden Hauptfiguren durchwegs erfindet, verwebt er in seinen Erzählungen zahllose historische Vorkommnisse und reale Personen: vom persischen Dichter Omar Chayyam zu Johann Wolfgang Goethe und dem persischen Dichter Hafis, von Heinrich Heine, Arthur Rimbaud, Friedrich Nietzsche zu Annemarie Schwarzenbach. Aber auch Fakten zur Musik von Wolfgang Amadeus Mozart, Franz Liszt und Richard Wagner oder Bilder von Gustave Courbet und Eugène Delacroix kommen vor. Stimmig ist auch der Buchtitel: Der Kompass ist ein Instrument, um sich über die Himmelsrichtungen zu orientieren – und in diesem Verb steckt auch der Orient.

Leidenschaftliches Plädoyer für Vielfalt

Im Buch spielt ein durch einen mechanischen Trick veränderter Kompass eine Rolle, dessen Nadel statt nach Norden stets nach Osten weist. Diesen Osten nicht aus den Augen zu verlieren, ist Appell und Motto des Romans. Neben seinem heimlichen Zentrum, der melancholischen Liebesgeschichte zwischen Franz und Sarah, enthält er manch kulturgeschichtlichen Essay zum Reichtum des west-östlichen Austauschs: so klug wie witzig formuliert und stets durchdrungen vom unbändigen Wissensdurst des Autors.

«Kompass» ist ein leidenschaftliches Plädoyer für kulturelle Vielfalt. Der Autor lotet Breite und Tiefe der Bande zwischen Okzident und Orient aus und wendet sich explizit gegen die These vom «Kampf der Kulturen», wie Énard auch in Gesprächen immer wieder betont. Sein Buch ist ein Anti-Samuel-Huntington-Roman – und ebenso gegen Michel Houellebecqs simplizistische Sicht des Islam gerichtet. Argumentativ eindringlich und literarisch versiert weist Énard die Durchlässigkeit der Kulturen über Jahrhunderte nach.

Dabei verbindet er Hymne und Elegie: Im Wissen um Kolonialismus und Dominanzansprüche des Westens, um vergangene und aktuelle Gewalt, will Énard darüber hinausdenken und an die gemeinsam gewonnene Schönheit der Kulturen erinnern. Gerade angesichts der barbarischen Zerstörungen und der Terrorakte des IS, aber auch hinsichtlich der epidemisch wachsenden neuen Nationalismen in Frankreich ebenso wie in Russland oder Ungarn unterstreicht der Autor die Notwendigkeit eines Gegendiskurses. Europa, so seine Befürchtung, drohe die immense Mannigfaltigkeit der islamischen Welt aus den Augen zu verlieren. Wegen seiner Fixierung auf den radikalen, gewalttätigen dschihadistischen Islam des IS bleibe dem Westen der grosse Reichtum der muslimischen Kulturen – etwa auch in Indien und Indonesien – zunehmend verborgen.

Die Leipziger Jury würdigt Mathias Énard nun für seinen Roman «Kompass» und lobt insbesondere seine einzigartige Leistung als Vermittler. Bereits im Herbst 2015 ist er mit dem Prix Goncourt, Frankreichs wichtigstem Buchpreis, ausgezeichnet worden. Über sich selbst sagt der seit 2000 in Barcelona lebende Autor: «Das Interesse für andere, für die Entdeckung fremder Sprachen und Kulturen und fürs Reisen – diese Neugier definiert mich als Autor.» Illusionslos, aber hoffnungsvoll stellt sich der sprachmächtige Romancier in seinen Büchern stets in den Dienst des kulturellen Brückenbaus. «Für die Syrer» lautet denn auch der letzte Satz seiner «Zueignung» ganz am Ende von «Kompass».

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