Nr. 11/2017 vom 16.03.2017

Auf den Spuren der toten Mutter

Das grossartige Buch «Sie kam aus Mariupol» von Natascha Wodin ist Dokumentation, Biografie und Roman zugleich.

Von Eva Pfister

Die Mutter von Natascha Wodin wurde nur 36 Jahre alt, aber sie hatte fast alle Katastrophen des 20. Jahrhunderts erlebt: den russischen Bürgerkrieg, die stalinistischen Säuberungen und die Hungerkatastrophe in der Ukraine, schliesslich den Zweiten Weltkrieg mit der nationalsozialistischen Besatzung, bevor sie 1944 als Zwangsarbeiterin nach Deutschland kam.

«Sie kam aus Mariupol» nennt die Autorin ihr Buch lakonisch, denn viel mehr wusste sie ursprünglich nicht über ihre Mutter, die 1956 ihre häufigen Selbstmorddrohungen wahr machte und ins Wasser ging. Da war Natascha zehn Jahre alt, ihre Schwester vier, und sie hatten ihre Mutter fast nur traurig und verzweifelt erlebt. Jewgenia Jakowlewna Iwaschtschenko hiess sie, ein ukrainischer Allerweltsname, dem man nur entnehmen kann, dass ihr Vater Jakow hiess. Dies und die Herkunft aus der südukrainischen Hafenstadt am Asowschen Meer waren die Anhaltspunkte, mit denen sich die siebzigjährige Autorin auf die Suche nach ihrer Mutter begab.

Aus Osteuropa verschleppt

Frühere Anläufe blieben ergebnislos, aber im Zeitalter des Internets folgte ein überraschender Fund dem anderen. Ungemein spannend erzählt Wodin, wie sie dem Leben ihrer Mutter nachspürt und auf eine erstaunliche Verwandtschaft stösst: reiche Kaufleute als Grosseltern, ein berühmter Opernsänger als Onkel, eine Literaturwissenschaftlerin als Tante Lidia. Diese hatte in Odessa studiert und verbrachte acht Jahre in einem sowjetischen Gulag. Sie muss eine furchtlose Frau gewesen sein, die dort kriminelle Jugendliche unterrichtete und es ablehnte, von einem Wachmann beschützt zu werden. Dank Lidias Lebenserinnerungen, die ein Cousin beim Zügeln fand, kann die Autorin anschaulich vom Alltag in der frühen Sowjetunion berichten.

Am wenigsten erfuhr Natascha Wodin darin allerdings über ihre Mutter, denn diese war neun Jahre jünger als ihre Schwester Lidia. «Ich musste mich damit begnügen, meine Mutter zwischen den Zeilen zu suchen», schreibt sie. Klar wird auf jeden Fall, dass Jewgenia, 1920 geboren, den Reichtum der Familie nicht mehr geniessen konnte. Das Haus der Eltern wurde mehrfach geplündert; der Hunger war in jenen Jahren ständiger Begleiter. Jewgenia liess sich ebenfalls zur Lehrerin ausbilden und arbeitete in einer Schule, die von den deutschen Besatzern geschlossen und in ein Arbeitsamt umgewandelt wurde. Dort war auch sie beschäftigt, wahrscheinlich sogar mit der Anwerbung von Arbeitskräften für Deutschland. 1943 heiratete Jewgenia, von 1944 bis Kriegsende arbeitete das Paar in Leipzig in einem Rüstungsbetrieb.

Über die Situation der osteuropäischen ZwangsarbeiterInnen in Deutschland gibt es kaum Informationen. In der Sowjetunion galten sie als Verräterinnen und Deserteure, viele Rückkehrende verschwanden sogleich in einem Gulag. Entsprechend wenig wurde ihre Situation erforscht. Natascha Wodin trägt zusammen, was sie an Fakten, Dokumenten und Erfahrungsberichten fand: Zuerst kamen viele UkrainerInnen freiwillig nach Deutschland, denn die nationalsozialistische Propaganda versprach ihnen Arbeitsplätze und «helle, gut ausgestattete Räume» in eigens für sie errichteten Siedlungen. Natürlich erwiesen sich diese Räume als Baracken, und bald kamen die «Ostarbeiter» nur noch unter Zwang. Millionen von Menschen wurden aus Osteuropa verschleppt, sehr viele unter ihnen waren UkrainerInnen. Die slawischen ZwangsarbeiterInnen standen in der Rangordnung ganz unten, ihren Tod nahmen die Nationalsozialisten in Kauf. Der zynische Nazislogan «Vernichtung durch Arbeit» ist wohl die treffendste Bezeichnung für ihre Behandlung.

Natascha Wodins Eltern mussten in Leipzig für einen Betrieb des Flick-Konzerns Kriegsflugzeuge zusammenbauen, während sie getrennt in einem der zwanzig Wohnlager schliefen. Diese hatten so schöne Namen wie «Sonnenrose» oder «Kleeblatt», aber es herrschten dort Terror, Kälte und Hunger, bis am 18. April 1945 die US-Armee einrückte. Sie brachte die Freiheit, aber dann folgte der internationale Beschluss, die osteuropäischen ZwangsarbeiterInnen zurückzuschicken.

«Eine Art Menschenunrat»

Vor dieser «Repatriierung» in die Sowjetunion konnten sich die Eltern retten. Sie landeten in Bayern, lebten dort am Rand eines idyllischen Städtchens völlig isoliert von der einheimischen Bevölkerung in einer Siedlung für «heimatlose Ausländer». Über jene Zeit kann die Autorin aus eigenen Erinnerungen berichten. Sie fasst ihre schrecklichen Erfahrungen in dem Satz zusammen: «Ich wusste nur, dass ich zu einer Art Menschenunrat gehörte, zu irgendeinem Kehricht, der vom Krieg übriggeblieben war.»

«Sie kam aus Mariupol» ist Dokumentation, Autobiografie und Roman zugleich, geschrieben in einer lakonischen Sprache, die durch alle Tragik einen grimmigen Humor durchschimmern lässt. Natascha Wodins einzigartiges Buch ist für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik nominiert. Es hat ihn unbedingt verdient.

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