Nr. 11/2017 vom 16.03.2017

Genozid vor der Haustür

Dora Sakayan dokumentiert in «Man treibt sie in die Wüste», wie sich Schweizer Eisenbahnbauer im Osmanischen Reich für die verfolgten ArmenierInnen einsetzten.

Von Eva Pfister

Fritz Sigrist und Clara Sigrist-Hilty im Herbst 1915 in ihrem Haus in der Ortschaft Keller (heute Fevzipasa) unweit von Aleppo. Foto: Archiv für zeitgeschichte, ETH Zürich

Es ist Erstaunliches, was die armenische Germanistikprofessorin Dora Sakayan aus dem Schweizer Archiv für Zeitgeschichte zutage gefördert hat: Der Eisenbahningenieur Fritz Sigrist und seine Frau Clara waren nicht bloss AugenzeugInnen der brutalen Verfolgung und Ermordung der ArmenierInnen im Osmanischen Reich, sondern sie arbeiteten auch aktiv dagegen. Einmal versteckten sie einen armenischen Mitarbeiter sogar unter dem Bett von Clara Sigrist-Hilty. Weil sie schwanger war, konnte ihr Mann die türkischen Gendarmen ungestraft aus dem Haus werfen. Diese mutige Tat rettete Haig Aramian das Leben. Noch 1970 erinnerte er sich in seiner Autobiografie mit grosser Dankbarkeit an diesen Moment, von dem das Ehepaar nie berichtet hatte. Erst jetzt, da Dora Sakayan das Buch von Aramian im Nachlass Sigrist-Hilty entdeckt und übersetzt hat, wird die ganze Dimension des Einsatzes des Ehepaars Sigrist-Hilty für die Verfolgten deutlich.

«Kein Brot für alle»

Ab 1903 wurde unter deutscher Federführung die Bagdadbahn gebaut, die Europa mit dem Persischen Golf verbinden sollte. Weil die Durchquerung des Taurus- und des Amanusgebirges viele Tunnelbauten nötig machte, wurden Schweizer Ingenieure angestellt. Unter ihnen auch Fritz Sigrist, der von 1910 bis 1918 als Sektionsingenieur in Aleppo und in der Amanusgegend arbeitete. Im April 1915 heiratete er Clara Hilty, die mit ihm zu seiner Arbeitsstätte in Islahiye (heute in der türkischen Kurdenprovinz Gaziantep) zog. Von ihrem Haus an einem Berghang überblickten sie die Ebene und mussten täglich die Züge der «Ausgewiesenen» sehen – der vertriebenen ArmenierInnen, die unter unsäglichen Bedingungen in Richtung Aleppo wanderten.

Clara Sigrist-Hilty verfasste darüber einen Augenzeugenbericht, der in der Schweiz schon publiziert wurde. Dora Sakayan transkribierte ihn nun jedoch neu aus dem Originalmanuskript und stellte einige Abweichungen fest. «Und kommen sie bettelnd zu den Häusern, so muss man sich vor ihnen verstecken, man hat kein Brot für alle.» – Das ist nicht dasselbe wie in der früher publizierten Version: «(…) weil man kein Brot für sie hat.» Im Unterschied liegt das Dilemma der SchweizerInnen: Sie wollten helfen, taten es auch in vielen Einzelfällen, aber gegenüber den Massen von Verzweifelten waren sie hilflos.

In ihrem Buch «Man treibt sie in die Wüste» versammelt Dora Sakayan viele Dokumente aus dem Nachlass Sigrist-Hilty und versieht sie mit ausführlichen Kommentaren und Einführungen. Ihre Aufmerksamkeit gilt dabei gleichermassen dem Schicksal der ArmenierInnen wie dem Alltag der jungen Schweizerin, die in ihrem «Berghüttli» ihr erstes Kind zur Welt brachte. Darum sind im Buch auch grosse Teile von Clara Sigrist-Hiltys Tagebuch von April 1915 bis April 1918 abgedruckt. Man entdeckt darin eine mutige junge Frau, ausgebildete Krankenpflegerin, die voller Energie das Leben in Anatolien anpackt mit dem Ziel, einen Haushalt auf Schweizer Standard einzurichten. Das mutet zuweilen auch etwas kolonialistisch an. So muss Clara ihre drei Hausangestellten «eindrillen» auf die Arbeit in Haus und Garten; sie lernt dabei Türkisch, den Diener Mehmet nennt sie aber weiterhin «Joggel». Es wird Gemüse und Wein angebaut, Guetsli und Kuchen gebacken. Fritz hat sein Büro im Haus, oft kommen Kollegen zum Essen.

Trickreiche Rettung

Aber Clara ist auch an Land und Leuten interessiert: Sie reitet durch die Berge, besucht mit ihrem Mann Kurdendörfer und besichtigt oft seine Baustelle. Als immer bedrückender erlebt sie die Deportationszüge der ArmenierInnen, und spätestens bei einem Ausflug nach Aleppo, wo sie ein Sammellager mit vielen Sterbenden sieht, wird ihr klar, dass es sich nicht um eine Umsiedlung handelt. Während Clara Sigrist-Hilty in ihrem Augenzeugenbericht die Beobachtungen und Informationen in deutlichen Worten zusammenfasst, hält sie sich im Tagebuch eher zurück. Dennoch wird sie immer wieder vom Leid überwältigt: «11. November 1915. Man kann nicht ins Tal sehen, ohne dem namenlosen Jammer auszuweichen. Zu Hunderten kommen sie her im triefenden kalten Regen, legen sich samt ihren Bündeln oft auf die schmutzige Strasse, um auszuruhen.» Gerade die alltäglichen Beobachtungen seien für die Forschung wertvoll, schreibt Dora Sakayan. Sie helfen, Ereignisse zeitlich einzuordnen, und bestätigen andere Berichte.

Direkt betroffen wird die Familie, als die «Ausweisungen» auch die Angestellten der Bagdadbahn erreichen. Hier arbeiteten viele Armenier, die einen zwangsrekrutiert als Hilfsarbeiter, andere als gebildete und sprachkompetente Mitarbeiter der Leitung. Die deutschen und Schweizer Ingenieure kämpften für ihre Leute, sie flehten ihre Regierungen an einzugreifen und drohten sogar mit der Einstellung der Arbeit. Mehr als einen zeitlichen Aufschub erreichten sie jedoch nicht. Im Sommer 1916 griffen die Behörden durch, am 13. Juni kam es zur trickreichen Rettung von Haig Aramian.

Im April 1918 traten die Sigrist-Hiltys mit ihrem kleinen Sohn die Heimreise an. In Konstantinopel wurden sie fast drei Monate lang an der Ausreise gehindert, vielleicht wegen ihres Widerstands gegen den Völkermord. Aber darüber haben sie nichts Genaueres erzählt.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Genozid vor der Haustür aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr