Nr. 11/2017 vom 16.03.2017

Die idealen Streithähne

Ece Temelkuran über populistische Strategien

Von Ece Temelkuran

In der Nacht, als das Regime in Ankara Sanktionen gegen die Niederlande ankündigte, machten auf den sozialen Medien zwei Begriffe die Runde. Regierungstreue Internettrolle verbreiteten ausgelassen den Hashtag #EuropesFearofErdogan, während humorvolle RegierungskritikerInnen sie mit dem Hashtag #ErdogansFearofEurope verspotteten. Lustigerweise versahen die meisten UnterstützerInnen von Recep Tayyip Erdogan ihre Tweets mit dem falschen Hashtag, sodass Trolle, die besser Englisch können, sie wie verzweifelte VerkehrspolizistInnen ständig auf den richtigen Begriff hinweisen mussten.

Ihre Verwirrung spiegelt sich im Unvermögen, mit dem Tempo mitzuhalten, in dem sich die Krise mit den Niederlanden entwickelt. Doch eines muss man ihnen lassen: Sie haben in der vergangenen Woche ihr Bestes gegeben. Weil das niederländische Fussballteam orangefarbene Trikots trägt, haben sie öffentlich Orangen «erstochen» und ausgequetscht. Sie haben Selfies gepostet, auf denen Tulpen «massakriert» wurden. Einige wussten nicht, welche Flagge sie verbrennen sollten, also verbrannten sie die französische. Andere dachten, François Hollande sei der Präsident von «Hollanda» (türkisch für die Niederlande), also beleidigten sie in gebrochenem Englisch den französischen Präsidenten auf Twitter. Weil die Situation dermassen lächerlich war, begnügten Erdogans KritikerInnen sich damit, Witze über Haschkekse und halluzinogene Pilze zu reissen.

Für Präsident Erdogan ist die diplomatische Krise mit Europa wohl die Rettung in letzter Minute. Endlich – während ihm innenpolitisch die Möglichkeiten ausgehen – bot sich im Ausland eine günstige Gelegenheit, um seine UnterstützerInnen vor dem Referendum aufzuhetzen. Der Gegner war ebenso streitlustig, die Niederlande weit genug weg, um einen «Kampf zwischen Fischern» aufzunehmen, wie wir auf Türkisch sagen. Aus der Distanz sieht das grossartig aus – doch keiner der beiden vermag dem anderen wirklich zu schaden. In den Augen der ZuschauerInnen werten sie die eigene heroische Darstellung sogar gegenseitig auf. Gerade im Fall der Niederlande schienen beide streitlustigen Anführer gleichermassen von der Krise zu profitieren.

Allein dadurch, dass er seinen Ministern befohlen hat, die Grenzen Europas physisch zu überschreiten und öffentliche Kundgebungen abzuhalten, ist es Präsident Erdogan gelungen, nationalistische Unterstützung für seine Politik in der Türkei hervorzurufen. Im Lauf seiner politischen Karriere hat er mehrere internationale Krisen – mit Russland, Syrien oder Israel – eskalieren lassen, um seine Macht im Land zu festigen. Jedes Mal konnte er das Ruder gerade noch im rechten Moment herumreissen, die Rückschläge verkaufte er dann magischerweise als Geniestreiche. Doch diesmal muss die Krise bis zum 16. April währen. Es scheint, als würde sich das in Europa entzündete Feuer schneller ausbreiten, als es die türkische Diplomatie verarbeiten kann.

Präsident Erdogan verhält sich wie immer; keine seiner Aktionen könnte die türkische Öffentlichkeit überraschen. Für sie ist es nur eine weitere Peinlichkeit, erneut werden sie international als vulgäres Volk dargestellt. Derweil braut sich aufseiten Europas etwas Düsteres zusammen. Auch wenn sie es nicht offen aussprechen, reagieren die europäischen StaatschefInnen auf Erdogans erbarmungslos populistische Politik. Es ist schändlich, dass es gerade diejenigen sind, die sich zuvor wegen der syrischen Flüchtlinge mit Erdogan an den Verhandlungstisch setzten. Der türkische Präsident mag den EuropäerInnen gefährlich vorkommen – doch man muss anerkennen, dass auch Europa ethisch versagt hat.

Schlussendlich scheinen Europas RegierungschefInnen die aufwieglerische Politik genauso nötig zu haben. Auch sie scharen ihre Bevölkerung mithilfe derselben gefährlichen populistischen Politik hinter sich. Man könnte es als eine Verkettung unglücklicher Umstände bezeichnen; ich nenne es einen perfekten Kampf unter Fischern.

Ece Temelkuran (43) ist Schriftstellerin, Journalistin und Juristin. Sie lebt in Istanbul. Am 17. März erscheint ihr neues Buch, «Stumme Schwäne», bei Hoffmann und Campe. An dieser Stelle führt Temelkuran bis auf weiteres ein Tagebuch über das Geschehen in der Türkei.

Aus dem Englischen von Anna Jikhareva.

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