Nr. 11/2017 vom 16.03.2017

Immer weiter in der Schlaufe

Ihre Songs proben sie live an Konzerten, von Technikern lassen sie sich ungern belehren, und auf ein Management pfeifen sie: Unterwegs mit der Band Zayk, die mit ihrem psychedelischen Sound quer durch die Schweiz begeistert.

Von Kaspar Surber (Text) und Ursula Häne (Foto)

«Eigentlich führen wir eine Fünferbeziehung»: Zayk sind Sophie Hartmann, Juliette Rosset, Janine Städler, Nina Seyfried und Elian Imbach.

Die Band spielt erst den zweiten Song, doch sie scheint sich schon in einem anderen Zustand zu befinden: Bassistin Julie hat dem Publikum den Rücken zugedreht, Gitarristin Nina blickt zur Decke, Schlagzeugerin Elian fallen die Haare ins Gesicht. Entrückt wirkt die Band im blauen Bühnennebel des «Cardinal» in Schaffhausen – und mitreissend zugleich: Mit repetitiven Mustern und verzerrten Akkorden lässt sie einen psychedelischen Sog entstehen.

Eine Leadsängerin sucht man vergeblich, wie man sich als Zuhörer überhaupt fragt, ob dieser Sound ein Zentrum hat. Mal könnte er von Keyboarderin Janine ganz links ausgehen, dann wieder von Gitarristin Sophie ganz rechts. Das Konzert wirkt wie ein Gespräch, das die Bandmitglieder mit Tempowechseln geschickt beschleunigen und wieder verlangsamen. Ist eine Passage geglückt, prosten sie sich auch einmal mit Bierflaschen zu.

Ein Leben auf Tour

Die Band auf der Bühne heisst Zayk, und ihr kurzer, eingängiger Name hat sich in der Schweizer Rockszene in den letzten Monaten verbreitet wie ein Lauffeuer. Wen immer man auf Zayk anspricht, ob Musikerin oder Veranstalter, reagiert begeistert.

Am Nachmittag hatten die fünf jungen Frauen vor dem Proberaum beim Zürcher Letzigrund gewartet, ihr weisser Bus war bereits mit Instrumenten vollgepackt. Unterwegs auf der Autobahn erzählen sie, wie sie mit dem Bus quer durch die Schweiz gefahren sind: vom «Atomic Café» in Biel bis ins «Kaff» nach Frauenfeld, nirgendwo aber sei das Essen so gut wie im «Cardinal» in Schaffhausen, wo sie schon vor einem Jahr spielten: «Die besten Burger im Land!» Die Vorfreude im Bus steigt. Sophie legt einen Song der Krautrockpioniere Can ein, draussen verschwindet die Alltagsschweiz.

Begonnen hatte alles vor sieben Jahren. Nina Seyfried beschwerte sich in der WG-Küche von Juliette Rosset und Janine Städler, dass sich ihre Band aufgelöst habe. «Da beschlossen wir, zusammen zu jammen», erinnert sich Julie. Als man später eine Schlagzeugerin suchte, kamen Sophie Hartmann und Elian Imbach dazu. Dass Elian noch gar nicht Schlagzeug spielen konnte, passt zur Geschichte von Zayk: Das eine hat sich aus dem anderen ergeben. 2013 spielt die Band ihr erstes Konzert am Swiss-Psych-Fest in Yverdon, einem Treffen der psychedelischen Musikszene. «Von diesem Moment an wurden wir Streberinnen.»

Elian stoppt den Bus vor dem «Cardinal». Beim Ausladen steht kein Fahrer, kein Manager und auch sonst kein Wichtigtuer herum. Wenn der Name «Zayk», den sie sich vor dem ersten Konzert ausdachten, etwas bedeuten könnte, dann wohl: Mach es besser selbst. Während sie routiniert den Soundcheck absolvieren, rechnen die Musikerinnen nach, wie oft sie schon aufgetreten sind. Kürzere Auftritte im Sommer mitgezählt, einigt man sich auf 75 Konzerte. Der Höhepunkt war eine Tour nach Italien und Griechenland im letzten Herbst. Nach Lugano und Rom und weiter mit der Fähre nach Thessaloniki und Athen führte die Tournee. Auch hier sei das Publikum begeistert gewesen – zumindest bis nach dem Konzert, an dem es nur Tapes zu kaufen gab. Die Band muss noch heute lachen, wenn sie an die entrüsteten Ausrufe über die veralteten Tonbandkassetten zurückdenkt. Dabei sind die Bänder mit ihren endlos langen Schlaufen ein schönes Sinnbild für die psychedelische Musikkultur.

Repetition statt Perfektion

Das Unterwegssein charakterisiert nicht nur die Geschichte von Zayk, es kommt auch in ihren Songs zum Ausdruck. «Andere geben ein Album heraus, um die Songs danach live zu spielen. Bei uns verhält es sich umgekehrt: Wir spielen einen Song so lange auf der Bühne, bis er fertig ist», erklärt Nina die Arbeitsweise. Am Anfang sei ein Song bloss eine Masse, erst durch die Wiederholung gewinne er an Konturen. Die Aufnahme sei schliesslich im Wortsinn eine «Momentaufnahme».

Für die Psychedelik hatten sie sich als Anfängerinnen entschieden, weil dabei die Repetition wichtiger ist als die Fingerfertigkeit. Ganz im Sinn von Can-Bassist Holger Czukay, der einmal sagte: «Wir wollten etwas sehr Einfaches mit sehr vielen Wiederholungen machen.» Nicht nur Can, die von der konkreten Musik kamen, fallen als Inspiration, sondern auch Namen wie Spacemen 3, die in den achtziger Jahren die psychedelische Spur fortsetzten (Motto: «Drei Akkorde gut, zwei Akkorde besser, ein Akkord am besten»). Heute ist die Musik «von der anderen Seite» erneut en vogue, ob im Rap oder im Rock. In der Schweiz hat sich speziell in der Romandie in den letzten Jahren eine eigene Szene mit Bands, Festivals und Labels herausgebildet. Dazu gehört auch das Genfer Label Bongo Joe Records, bei dem diese Woche das zweite Zayk-Album, «Durch den Äther», erscheint – nicht nur auf Tape, sondern auch auf Vinyl und digital.

Einsteigen, losfahren, sich treiben lassen, das klingt nach einem Ausbruch, wie man ihn sich in der gegenwärtig auf Leistung getrimmten Bildungs- und Arbeitswelt kaum mehr vorstellen kann. Die Freiheit dafür mussten sich die Frauen, die alle um die 27 Jahre alt sind, neben dem Studium und der Arbeit selbst nehmen: «Wir haben das nicht abgesprochen, aber ab einem bestimmten Moment haben wir alle der Band den nötigen Platz eingeräumt», sagt Julie. «Wir müssen Abstriche machen, aber keine Opfer bringen», meint Elian. Ständig unterwegs, lerne man sich dafür viel besser kennen. Entsprechend geübt ist die Diskussionskultur. Die Mitglieder sprechen wild durcheinander und ergänzen sich doch: Julie wirkt meist euphorisch, Sophie politisch, Nina analytisch, Elian ist für den Widerspruch besorgt, und Janine hält häufig eine kluge Pointe parat: «Eigentlich führen wir eine Fünferbeziehung.»

Plötzlich Frauen

Bis heute diskutiert die Band über jede Konzertanfrage gemeinsam: Geht es dem Lokal nur um die Leidenschaft oder ums Geschäft? Oder zumindest um beides, die Leidenschaft und das Geschäft? Spätestens seit sie auf einem Flyer als «Five Kick Ass Girls» bezeichnet wurden, stellt sich ihnen zudem die Frage, wie sie als Frauen wahrgenommen werden. «Als wir unsere Band gegründet haben, dachten wir niemals, dass wir als Frauenband gelten könnten. Wir wollten selbstverständlich Musik machen», sagt Nina. «Doch je mehr wir gespielt haben, desto weniger konnten wir sagen, das Geschlecht sei uns einfach egal», ergänzt Sophie.

Es ist der 8. März, Internationaler Frauentag. Zum Auftritt ins «Cardinal» hat der Frauenstammtisch Schaffhausen eingeladen. Auch bei diesem Anlass wurde in der Band über die Teilnahme diskutiert. Schliesslich macht eine positive Zuschreibung die Geschlechterdifferenz ebenfalls stark, kann die Musik in den Hintergrund rücken. Doch solange die Ungleichheit offensichtlich sei, brauche es solche Anlässe, meint die Band. Männerklischees seien in der Rockmusik noch immer verbreitet. Lachend erzählen sie von Tontechnikern, die ihnen ungefragt die Funktionsweise von Monitoren erklärten.

Im «Cardinal» werden die ersehnten Burger aufgetischt, das Festessen beginnt. Auf der Bühne trägt die Journalistin Anna Rosenwasser explizite, streckenweise ziemlich lustige Texte über die Diskriminierung sexueller Minderheiten vor, anschliessend singt die Dragqueen Mona Gamie schnulzige Liebeslieder. Die Ungewissheit am Tisch steigt, ob das doch eher etwas ältere Politpublikum mit ihrer lauten Psychmusik etwas anfangen kann oder das Lokal fluchtartig verlassen wird. Erst recht, weil sie doch auf Gesang und klare Aussagen gänzlich verzichten. Julie tritt zu Konzertbeginn ans Mikrofon und meint mit entwaffnender Offenheit: «Was vorhin gesagt wurde, das machen wir jetzt mit Musik.» Das Publikum bleibt bis zur Zugabe.

Plattentaufe am Donnerstag, 16. März 2017, auf dem Koch-Areal in Zürich.

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