Nr. 13/2017 vom 30.03.2017

Ein Kaleidoskop, das immer schneller dreht

In ihrem neuen Roman «Stumme Schwäne» beschreibt Ece Temelkuran die Situation in der Türkei im Jahr 1980 durch die Augen zweier Kinder. Fast scheint es, als blickten sie auf die aktuelle Türkei.

Von Silvia Süess

Es wird einem schwindlig beim Lesen: Ece Temelkuran schildert, wie ein Klima von Angst und Gewalt den Alltag verändert. Foto: Muhsin Akgün

«Wohin kann eine gehen, wenn ihre Sprache von einer barbarischen Macht erobert wird?», fragte sich die türkische Autorin und Journalistin Ece Temelkuran im März in ihrem «Türkischen Tagebuch» in der WOZ. In diesem Gefäss berichtet sie seit letztem Dezember wöchentlich über das aktuelle Geschehen in der Türkei (vgl. «Die Trojanischen Pferde»).

Von der barbarischen Macht, die schon einmal die Türkei eroberte und sich dabei schleichend der Sprache bemächtigte, davon handelt Temelkurans neuer Roman «Stumme Schwäne». Er spielt in Ankara im Jahr 1980 und erzählt von den Monaten vor dem Militärputsch am 12. September. Die Stimmung ist angespannt, Gewalt gehört zum Alltag, jeder misstraut jedem, Freunde werden zu Feinden – es ist kein Zufall, dass das Buch an die Türkei von heute erinnert, auch wenn die türkische Originalfassung von «Stumme Schwäne» noch vor dem Putschversuch im vergangenen Juli erschienen ist.

Keine «Chance» mehr

Temelkuran erzählt ihren Roman abwechselnd aus der Perspektive zweier kleiner Kinder: Ayse und Ali. Ayse ist eine Tochter aus gutem Hause. Ihre Mutter arbeitet im Parlamentsarchiv, der Vater ist Experte für Demografie bei der staatlichen Planungsbehörde. Das Mädchen lebt mit seinen Eltern und der Grossmutter inmitten einer städtischen Kampfzone: zwischen einem Wohnheim rechter StudentInnen und der mehrheitlich linken Fakultät für Politikwissenschaften, gegenüber die Polizeiwache. Ihre Familie versucht, Ayse von der gewalttätigen Realität fernzuhalten. Als sie beobachtet, wie Frauen verhafteten StudentInnen Kekse durch die Fenster ihrer Zellen werfen, damit sie nicht verhungern, erzählt die Grossmutter dem Mädchen, das sei nur ein Spiel unter den Müttern, wer es schaffe, die meisten Kekse durchs Fenster zu werfen.

Ayse glaubt diese Geschichten so lange, bis Ali in ihr Leben tritt. Ali, der in einer informellen Siedlung in Ankara aufwächst und dessen mittellose Eltern im linken Widerstand kämpfen. Ali, der kaum redet und so viel denkt, dass ihm dauernd der Kopf wehtut. Seine Mutter beginnt, als Putzhilfe in Ayses Haus zu arbeiten, und bringt jeweils ihren Sohn mit. Die beiden Kinder freunden sich an und schmieden, verwirrt durch die politischen Ereignisse um sie herum und angestiftet durch das seltsame Verhalten der Erwachsenen, Pläne: Sie wollen den Kampf gegen die Faschisten gewinnen, indem sie Schmetterlinge ins Parlamentsarchiv schmuggeln und die Schwäne im Schwanenpark retten. Denn sie haben gehört, dass der General deren Flügel stutzen will.

Temelkuran schildert in «Stumme Schwäne» erschütternd, wie ein Klima von Angst und Gewalt den Alltag der Menschen verändert. Durch die Augen der Kinder erzählt, verengen sich die Geschichten auf die kleinen privaten Räume, in denen sich Ayse und Ali bewegen. Doch in den schlichten Beobachtungen widerspiegeln sich die ganzen Konflikte des Landes. So merkt Ayse, dass ihre Eltern plötzlich nicht mehr über Politik reden; sie hört, wie die ehemals befreundete Nachbarin ihrer Oma droht, die Familie beim Generalstabschef als Kommunisten anzuschwärzen; und sie ist dabei, als eine andere Nachbarin ihrer Mutter erzählt, dass beim Rundfunk, wo sie arbeitet, drei weitere Wörter das Zeitliche gesegnet hätten: «‹Relativ›, ‹inspizieren› und ‹kritisch› wurden aus den Ansagetexten gestrichen.» Auch bei der Planungsbehörde werden Wörter ausgetauscht: «Chance» wird anrüchig, man muss «Möglichkeit» sagen, statt «exemplarisch» heisst es «beispielhaft».

Während durch Ayses Augen die schleichenden Veränderungen im Leben der oberen Mittelschicht ins Bild rücken, gibt Ali Einblick in eine ganz andere Lebenswelt: In seinem Stadtteil gehören Armut, Gewalt und Hunger zum Alltag – das Leben ist ein Überlebenskampf. Das Haus der Familie ist niedergebrannt worden. Ali weiss, dass seine Mutter Waffen für die linken Widerstandskämpfer versteckt hat, und kennt sich mit den politischen Verhältnissen im Land bestens aus. Ayse hingegen «wusste nicht, wer die Faschisten sind. Weil sie nie Wasser holen geht. Weil sie weisse Strümpfe hat. Und weil sie einen Duftradiergummi hat.»

Ein Fluch liegt über dem Land

«Stumme Schwäne» lesen ist wie durch ein Kaleidoskop schauen: Man sieht viele einzelne kleine, farbige Bilder von ganz nah. Manchmal wird einem dabei ganz sturm, da sich das Kaleidoskop immer schneller dreht und man von Alis Kopf in Ayses Kopf und wieder zurück hüpft. Aus den einzelnen Fragmenten entsteht das Porträt eines Landes, das seit Jahrzehnten im politischen Ausnahmezustand lebt. Die Geschichte scheint sich zu wiederholen. Was bloss all diesem Hass zugrunde liege, fragt sich Ayses Vater einmal und ist überzeugt, dass ein Fluch das Land überzogen habe.

Mit diesem «Fluch» beschäftigt sich die 43-jährige Temelkuran seit Jahrzehnten. Sie ist eine der bekanntesten türkischen JournalistInnen und AutorInnen. Nachdem sie fast zwanzig Jahre als Journalistin gearbeitet hatte, verlor sie 2011 ihre Stelle, weil sie kritisch über einen Bombenangriff des türkischen Militärs berichtet hatte, bei dem 36 kurdische Jugendliche gestorben waren. Seither schreibt sie Romane und Sachbücher, in denen sie sich mit der Türkei auseinandersetzt. Sie leuchtet die Gräben aus, die durch die türkische Gesellschaft gehen, schildert die Verhärtung der Fronten und zeigt ungeschönt, wie gering die Wahrscheinlichkeit auf Versöhnung ist.

Trotzdem erzählen Ece Temelkurans Romane keine hoffnungslosen Geschichten. Denn im Mittelpunkt stehen Menschen, die sich auf originelle Art und Weise gegen die staatliche Gewalt wehren. In «Stumme Schwäne» sind es die Kinder Ali und Ayse, in ihrem letzten Roman «Was nützt mir die Revolution, wenn ich nicht tanzen kann» (2014) sind es drei Frauen: Eine Tunesierin, eine Ägypterin und eine Türkin begegnen sich kurz nach dem Arabischen Frühling in einem Hotel in Tunis. Aus der zufälligen Begegnung entsteht eine Freundschaft, und sie brechen mit einer alten Dame zu einer abenteuerlichen Reise auf. Jede der Frauen trägt ihre eigene Geschichte des Widerstands mit sich, die sie unterwegs den anderen erzählt.

«Wenn dieses Land eine Seele hat, ja, dann versuche ich diese zu beschreiben», sagte Ece Temelkuran in einem Interview im letzten Herbst. «Aber wahrscheinlich bin ich inzwischen weniger die Psychologin als eher selbst die Patientin. Vom vielen Beschäftigen mit der Türkei bin ich selbst verrückt geworden.»

Dass auch Ali und Ayse ob all der Gewalt in ihrem Umfeld langsam verrückt werden, erstaunt nicht. Beide Kinder saugen ungefiltert auf, was um sie herum passiert und was geredet wird. Da sie vieles nicht einordnen können, ziehen sie oft falsche Schlüsse. Das ist einerseits lustig, andererseits bleibt einem auch immer wieder das Lachen im Hals stecken.

Zum Beispiel wenn Ali überzeugt ist, die getöteten Revolutionäre hätten sich tatsächlich in Schwäne verwandelt. Einmal hört Ayse zu, wie ihre Mutter einer in Spanien lebenden Freundin erzählt, dass auch sie daran denke, das Land zu verlassen. Doch diese rät ihr davon ab: «Wegzugehen macht einen zum Kind. Zu einem Waisenkind. (…) Ich wohne in Spanien, aber ich lebe im Radio. Im türkischen Radio. Den ganzen Tag über sitze ich vor dem Radio. Ich höre keine andere Stimme. Ich lebe in diesen Nachrichten.»

In ihrem «Türkischen Tagebuch» in der WOZ vom 2. März schliesst Ece Temelkuran ihren Eintrag mit dem Satz: «Wohin sollst du gehen, wenn die Begriffe von Gut und Böse in deiner Muttersprache die Plätze getauscht haben?»

Die Autorin liest am Montag, 3. April 2017, um 19.30 Uhr im Literaturhaus in Zürich und am Freitag, 9. Juni 2017, um 20 Uhr im «Schweizerhof» in Bern.

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