Nr. 13/2017 vom 30.03.2017

Ein Bulldozer und immer noch mehr Bomben

Die Rückeroberung der irakischen Millionenstadt Mosul aus der Macht des IS stockt. Nun hat die Koalition mit einem Strategiewechsel angefangen, die eigenen Soldaten besser zu schützen – mit fatalen Folgen für die Bevölkerung. Ein Bericht von der Front.

Von Alfred Hackensberger (Text) und Sebastian Backhaus (Foto), Mosul

Bis zur Rückkehr kann es noch dauern: Aus Mosul Geflohene im Transitlager Hammam Ali.

Sie sind die ganze Nacht im Regen nach Tal Ghassum marschiert. Sechzehn lange Kilometer auf matschigen Wegen, die durch die Berge führen, in das Dorf zehn Kilometer westlich von Mosul. «Normale Strassen konnten wir nicht benutzen», sagt Ali Muhammad, ein Schafbauer aus dem Dorf Achlela, das eigentlich nur sechs Kilometer entfernt liegt. «Sonst hätten uns die Wachposten von Daesch entdeckt und alle sofort getötet.»

«Daesch» ist die lokale Bezeichnung für die Dschihadorganisation Islamischer Staat (IS). «Wer flieht, wird mit dem Tod bestraft, haben uns die Daesch-Kämpfer jeden Tag gedroht», berichtet der 36-Jährige. Der Vater von vier Kindern hat auf der Flucht selbst gesehen, wie ein Baby in den Armen seiner Mutter von einem Pistolenschuss tödlich getroffen wurde. «Keiner sollte das Dorf verlassen, denn sie wollten uns auf ihren Wagen mit nach Mosul nehmen, um nicht bombardiert zu werden.»

Jetzt grinst Ali allerdings erleichtert. «Stellen Sie sich vor, alle sechs Monate musste ich drei Schafe als Steuer an Daesch bezahlen.» Nun ist es mit dem Schrecken und der Willkür der Terrorgruppe vorbei. Mit seiner Frau, den Kindern und weiteren sechs Familien aus der Nachbarschaft hat er ein von der irakischen Armee kontrolliertes Gebiet erreicht.

Auf dem Boden einer trostlosen Garage in Tal Ghassum sitzen auch noch andere Flüchtlinge aus der Gegend, völlig verdreckt, erschöpft und ausgelaugt. Sie sind erst einmal mit Wasser, Brot und Konservenwurst versorgt worden. «Über einen Monat gab es nichts mehr zu essen ausser Tomaten», berichtet Ahmed Hamscher, ebenfalls Familienvater. «Wir haben das Regenwasser gesammelt, um etwas zu trinken zu haben.»

Sobald Lastwagen des Militärs eintreffen, werden die Geflohenen nach Hammam Ali in ein sogenanntes Transitflüchtlingslager gebracht. Von dort wird es in eine bessere Unterkunft weitergehen, wo sie bis zur endgültigen Rückeroberung Mosuls bleiben können.

Zermürbender Kampf

Aber das kann noch dauern. Ein Ende der Offensive der irakischen Armee auf die letzte IS-Hochburg ist noch nicht abzusehen. Über drei Monate hat das Militär gebraucht, um den Ostteil der zweitgrössten Stadt im Irak einzunehmen. Noch immer gibt es Anschläge des IS, und in vielen Häuser liegen immer noch Bomben, die die Extremisten in Kühlschränken, unter Toiletten und in Wohnzimmersofas versteckt haben.

Der am 19. Februar gestartete Angriff auf den Westteil Mosuls ist nach einigen Anfangserfolgen ins Stocken geraten. Ein Grund dafür sind die hohen Verluste, die der IS der irakischen Armee mit Autobomben, Minen und Heckenschützen beibringt. Hinzu kommt das schlechte Wetter, das die irakische Militärmaschine immer wieder lahmlegt. Das irakische Oberkommando vermeldet trotzdem Erfolge: Sechzig Prozent des Westteils seien schon erobert worden. Nach Ansicht von US-Major-General Joseph Martin, der die amerikanischen Bodentruppen im Irak befehligt, ist es in Realität jedoch nur etwas mehr als ein Drittel.

Einer, der die Auswirkungen der Kämpfe auf die Bevölkerung und Militärangehörige aus der Nähe mitbekommt, ist Max Leopold. Der deutsche Sanitäter gehört zum internationalen medizinischen Notfallteam Mermt. Die meisten der Freiwilligen haben vor ihrer Zeit im Irak bereits in Nordsyrien Nothilfe geleistet. «In unserem Feldlazarett hatten wir insgesamt 900 Verwundete», sagt Leopold. «Davon waren über achtzig Prozent Soldaten, was eine wirklich hohe Zahl ist.»

Unter den SanitäterInnen gilt die Regel, dass auf vier Verwundete ein Toter kommt. Umgerechnet auf die fünf Notfalllazarette Mosuls muss man von rund 900 getöteten Soldaten ausgehen. «Für jede Armee sind das Verlustzahlen, die eigentlich nicht zu akzeptieren sind», kommentiert Leopold. Der 36-jährige Kölner, der für den Lebensretterjob seine Unikarriere sausen liess, erklärt sich das mit der IS-Strategie, möglichst viel Schaden und Leid anzurichten. So habe der IS einen Bulldozer voll mit Sprengstoff gepackt und auf dessen Dach ein Maschinengewehr positioniert. «Damit sind sie durch drei Strassensperren der irakischen Armee gebrochen, um sich dann zwischen wartenden Krankenwagen in die Luft zu jagen.»

Fataler Strategiewechsel

Letztlich sind aber die BewohnerInnen, wie bei den meisten bewaffneten Konflikten, die Hauptleidtragenden. Bei der Rückeroberung des Ostteils von Mosul wurden nach verschiedenen Schätzungen in drei Monaten 1600 ZivilistInnen getötet oder verwundet. Allein im ersten Monat der Offensive im Westen gab es 750 Tote und Verletzte. Die von Hunderttausenden bewohnte Altstadt, in der sich der IS verschanzt hat, ist weit dichter besiedelt und mit ihren engen Gassen und Strassen viel schwieriger zu erobern als der Osten. Hinzu kommen die Luftangriffe der von den USA angeführten internationalen Koalition: Durch sie sollen in Syrien und im Irak innerhalb einer Woche über 440 ZivilistInnen getötet worden sein, laut einem Bericht der in London ansässigen Organisation Airways. US-Major-General Martin sagt, in Westmosul werde es «wahrscheinlich» mehr Luftangriffe geben.

Dahinter steckt die gängige Kriegslogik: Je mehr Luftschläge und Einsatz von Artillerie, desto mehr wird das Leben der Soldaten am Boden geschützt. Die hohen Verluste der irakischen Armee sollen also mit einem Mehreinsatz an Bomben reduziert werden. Anfangs kam diese Strategie kaum zur Anwendung, da der Schutz der Zivilbevölkerung im Vordergrund stand. Mittlerweile häufen sich aber fatale Luftangriffe. Nachdem letzte Woche bekannt wurde, dass einem US-Angriff bis zu 200 BewohnerInnen zum Opfer gefallen waren, kündigte das irakische Militär an, im Kampf um Mosul eine Pause einzulegen. Doch schon kurz darauf setzten irakische Helikopter ihre Angriffe fort, die bei der Bevölkerung wegen ihrer Ungenauigkeit besonders gefürchtet sind.

181 000 Menschen sind bereits aus dem Westteil geflüchtet. Aber rund 600 000 sollen sich noch immer dort aufhalten. Eine zusätzliche Belastung sind die sozialen Verhältnisse in der Altstadt, die als Armenviertel gilt. So konnten sich die meisten der BewohnerInnen nicht auf eine monatelange Belagerung vorbereiten, zumal die Lebensmittel völlig überteuert sind. Es droht eine Hungerkrise.

In der Medina von Mosul haben sich die Extremisten hermetisch verschanzt. «Es ist unglaublich schwierig voranzukommen», sagt ein irakischer Offizier, der anonym bleiben will. Die Eingänge seien mit drei hintereinandergereihten, rund zehn Meter hohen Betonträgern blockiert, wie sie etwa beim Bau von Brücken und Tiefgaragen verwendet werden. In den angrenzenden Häusern sollen BewohnerInnen als «menschliche Schutzschilde» gefangen sein.

Derzeit konzentrieren sich die Kampfhandlungen auf die jahrhundertealte Al-Nuri-Moschee. Sie soll als symbolträchtiger Ort möglichst schnell zurückerobert werden: Von ihrer Kanzel aus hatte nämlich IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 das Kalifat ausgerufen. Mitte März waren die Truppen eineinhalb Kilometer von der Moschee entfernt. Heute sollen es «nur noch wenige Hundert Meter sein», wie General Yahya Rasul, der Sprecher des irakischen Verteidigungsministeriums, sagt.

Es ist ein tödlicher, aufreibender Kampf, der in Mosul buchstäblich Meter um Meter geführt wird. Zwar hatte der selbsternannte IS-Kalif Baghdadi Anfang März seine Kämpfer in einer Audiobotschaft zur Flucht in die Berge aufgefordert. Aber dafür war es längst zu spät. Völlig eingeschlossen, werden sie bis zum Tod kämpfen, und das mit allen möglichen perfiden Mitteln. «Der IS wird den Untergang so lange und blutig wie möglich hinauszögern», sagt Sanitäter Leopold. Er stellt sich in seinem Feldlazarett auf das Schlimmste ein.

Innerkurdischer Konflikt

Eskalation liegt in der Luft

Sie beschossen sich von sieben Uhr morgens bis ein Uhr mittags. Am Ende gab es mindestens sieben Tote und vierzig Verwundete. Die Streitkräfte der autonomen Kurdenregion Iraks (KRG) – die Peschmerga – und die syrischen, ebenfalls kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) konnten sich noch nie leiden. Aber dieses blutige Gefecht am 3. März in der jesidischen Sindscharregion am Rande der Kleinstadt Chanasor kam unerwartet. Seitdem belauern sich beide Parteien; die Eskalation liegt in der Luft.

Streitpunkt ist der Zugang zur irakisch-syrischen Grenze. Die YPG haben das Grenzgebiet bei Chanasor vor einem Jahr nach dem gemeinsamen Kampf mit den Peschmerga gegen den IS in Beschlag genommen. Die YPG brauchen den Grenzübergang als Nachschubroute für ihre Truppen und die Bevölkerung in Nordsyrien, wo ein basisdemokratischer Föderalstaat aufgebaut worden ist. Andererseits wollen die Peschmerga ihre nationalen Aussengrenzen kontrollieren, wie sie sagen.

Aber da ist noch mehr. Eine den YPG angeschlossene Jesideneinheit, die YBS, wird von den radikal-schiitischen Haschd al-Schaabi finanziert. Die YPG erhielten von diesen «Volksmilizen» auch direkt «Materialien», wie Haval Sarhad, YPG-Kommandant in Chanasor, sagt. Die Haschd al-Schaabi stehen unter dem Oberbefehl Teherans. Für die KRG steht damit fest, dass die iranische Führung diese für ihre Interessen missbraucht. Das wäre kaum erstaunlich. Denn in Syrien kämpfen iranische Truppen auf der Seite des Regimes gegen Rebellengruppen, die mit der YPG verfeindet sind.

Ist die Kurdenmiliz damit eine willfährige Stellvertreterin des Iran? YPG-Kommandant Sarhad verneint. Er sieht es pragmatisch: «Wer uns hilft, ist willkommen.» Wie weit die YPG und ihr Pragmatismus gehen, zeigten sie vor wenigen Wochen in Manbidsch. Dort wurde ein Gebiet an das syrische Regime abgetreten, um einen Puffer gegen verfeindete Rebellen und deren Bündnispartnerin Türkei zu bekommen. Wie das alles mit einer basisdemokratischen Gesellschaft zu vereinbaren ist, ist eine andere Frage. Aber in der jetzigen Lage gilt offenbar vor allem die Devise: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Und da arrangiert man sich auch mit einer radikalen Schiitenmiliz und dem erzkonservativen Iran.

Alfred Hackensberger

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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