Nr. 13/2017 vom 30.03.2017

Mal subtil, mal roh

Geert Wilders hat die Wahl in den Niederlanden verloren – trotzdem sind die rassistischen Trennlinien in der Gesellschaft so stark wie nie. Gloria Wekker liefert das Rüstzeug, um weisse Privilegien zu erkennen.

Von Andreas Zangger

Keine Lust mehr auf rassistische Weihnachten: Demonstration gegen die Figur des «Zwarte Piet» in Amsterdam. Foto: Richard Wareham, Alamy

Europaweit wird vom Sieg über den Populisten gesprochen – und doch bleiben die Parlamentswahlen in den Niederlanden ein Erfolg für Geert Wilders: Mit seinen wüsten antiislamischen Parolen vermochte er, die Parteienlandschaft nach rechts zu ziehen. Auch der scheinbare Wahlsieger Mark Rutte schlug in die fremdenfeindliche Kerbe, als er in einem offenen Brief an das Stimmvolk MigrantInnen nahelegte, «sich normal zu verhalten oder das Land zu verlassen». Mittlerweile sind solche Töne bis über die politische Mitte hinaus normal geworden. Das «Eigene» wird in der Integrationsdebatte verklärt, das «Andere» dämonisiert.

Die Geschichte dieser Differenz beschreibt die Anthropologin Gloria Wekker in ihrem Buch «White Innocence». Wekker ist eine Niederländerin surinamischer Abstammung. Ihre akademische Karriere machte die 1950 Geborene vornehmlich in den USA. Mit ihrer Emeritierung publiziert sie nun eine lang erwartete Synthese ihrer Forschung.

Ihr Buch beobachtet präzise, wie das Konzept «Rasse» in der niederländischen Gesellschaft mal auf subtile, mal auf rohe Weise ein «wir» und ein «sie» schafft. Wekker versteht es, diese Mechanismen an einfachen Beispielen aus dem Alltag und anhand persönlicher Erfahrungen zu erläutern. Für viele weisse NiederländerInnen ist Rassismus ein Problem der USA. In ihrem Selbstverständnis sind die Niederlande ein egalitäres und weltoffenes Land und – in der Reaktion auf das Versagen, jüdische BürgerInnen vor dem Holocaust zu schützen – ein antirassistisches.

Zugehörigkeit als zentrale Frage

Schwarze Menschen sind in Europa mit dem Paradox konfrontiert, dass der Begriff «Rasse» seit dem Zweiten Weltkrieg tabuisiert ist, dass sie selbst aber in einer Position am Rand der Gesellschaft verharren müssen, aus der sie sich nur mühsam lösen können. Die Marginalisierung von Schwarzen geht einher mit der Verdrängung der eigenen kolonialen Vergangenheit. Kolonialismus wird weithin als etwas gesehen, das sich in den Kolonien abgespielt und in den Niederlanden selbst keine wesentlichen Spuren hinterlassen hat.

Wekker baut ihr Buch mit verschiedenen Vignetten auf, die sie einer genauen Analyse unterzieht. Ein Kapitel gilt der Gleichstellungspolitik sowie den Women’s Studies und den Problemen schwarzer Frauen, sich darin Gehör zu verschaffen. Darauf taucht sie in die Frühgeschichte der Psychoanalyse ein: Drei Patientinnen eines niederländischen Psychologen beschrieben ihre Genitalien als Hottentottenschürze. Wekker zeigt an diesem Beispiel, wie das Konzept «Rasse» lange vor dem Bestehen einer schwarzen Minderheit in der Gesellschaft wirksam war. Auch auf die Verbindung von Schwulenemanzipation und Islamfeindlichkeit macht Wekker aufmerksam: Der schwule Rechtspopulist Pim Fortuyn war der Erste, der die Unvereinbarkeit zwischen der modernen, emanzipierten und sexuell befreiten niederländischen Gesellschaft und dem konservativen, sexuell repressiven Islam verkündete.

Schliesslich widmet sie sich der Figur des «Zwarte Piet», dem niederländischen Helfer des Nikolaus, dessen Herkunft aus dem Bilderrepertoire der Sklavenzeit nicht mehr ernsthaft verleugnet werden kann. Der Widerstand gegen den «Zwarte Piet» beseitige zwar keine strukturellen Hindernisse für Schwarze, so Wekker. Die Debatte sei aber bedeutungsvoll, weil darin die zentrale Frage der Zugehörigkeit verhandelt werde: Gehören Schwarze wirklich zur niederländischen Gesellschaft? Was zählt ihre Stimme in den Niederlanden?

Inspirierend für die Schweiz

Der Kampf von Minderheiten um Akzeptanz ist im heutigen Umfeld schwierig geworden. Mit dem Rüstzeug von Gloria Wekker kommt der koloniale Hintergrund dieser Auseinandersetzung zum Vorschein. Interessanterweise haben sowohl Rutte wie Wilders einen familiären Hintergrund, der sie mit den Kolonien in Verbindung bringt. Ruttes Vater war Direktor einer Handelsfirma im kolonialen Indonesien, und Wilders’ Grossmutter kommt aus einer jüdisch-indonesischen Familie.

Wekkers Buch liest sich inspirierend für die Diskussion in der Schweiz. Weil der Staat nicht am kolonialen Projekt Europas beteiligt war, ist hierzulande die Haltung der weissen Unschuld noch ausgeprägter als in den Niederlanden. Die Schweizer Wirtschaft und Gesellschaft waren hingegen sehr wohl am Kolonialismus beteiligt. Allerdings hat die Schweiz traditionell eine besonders starke Trennlinie zwischen globaler, moderner Wirtschaft und rückwärtsgewandter, selbstbezogener politischer Kultur gezogen. Man müsste hier eigentlich von weisser Ignoranz gegenüber Rassismus sprechen.

Für schwarze Menschen in der Schweiz ist es deshalb ungleich schwieriger, auf die koloniale Geschichte zu verweisen und sie als Ressource in der Gleichstellungsdebatte zu gebrauchen. Sie müssen sich oft individuell mit den Widrigkeiten des Alltagsrassismus herumschlagen. Allerdings liegt darin auch eine Chance: Unterschiedliche MigrantInnen können sich als Gruppe mit geteilter Erfahrung formen und zeigen, dass Migration das neue Normale ist.

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