Nr. 14/2017 vom 06.04.2017

Die Abwehr der Erinnerung hat keine Zukunft

Was geschieht mit dem Gedenken an den Holocaust, wenn die ZeitzeugInnen aussterben? Droht eine Normalisierung, eine Verflachung oder gar eine erneute Verdrängung?

Von Daniela Janser

In den neunziger Jahren, kurz vor der Jahrtausendwende, konnte man der Frage kaum entkommen. Egal ob man in einer Geschichtsvorlesung sass, ein Sachbuch zum Thema las, ein Kolloquium in deutscher Nachkriegsliteratur besuchte oder eine Zeitung aufschlug: Überall wurde fiebrig darüber debattiert, was es für die Erinnerung an den Holocaust bedeuten könnte, wenn die ZeitzeugInnen bald definitiv aussterben würden.

Heute aber, da die letzten, mittlerweile hochbetagten Überlebenden der Vernichtung wie auch die Angehörigen der TäterInnengeneration real am Verschwinden sind, spricht kaum jemand mehr darüber. Man scheint diese Abkoppelung des Geschehenen vom direkt Erlebten, von denen, «die dabei waren», nun plötzlich erstaunlich gelassen hinzunehmen. Ebenso das damit einhergehende endgültige Verlagern der Erinnerung in schriftliche Zeugenberichte (vgl. «‹Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen›»), Video- und Tonaufzeichnungen, aber auch in forensische Beweisführungen und historische Dokumente. Dazu kommt die Übersetzung einer lebendigen, an konkrete menschliche TrägerInnen gebundenen Oral History in halbdokumentarische oder komplett fiktionale Erzählungen und Spielfilme von sehr unterschiedlicher Qualität. All dies steht im Zeichen einer prekären Ablösung von individuellen Erinnerungen und dem Übergang zu einem rein kollektiven Gedächtnis.

Holocaust als Familiengeschichte

Doch was bricht weg, wenn die Menschen nicht mehr da sind, für die der Nationalsozialismus und die systematische Verfolgung und Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden und anderer unliebsamer Minderheiten miterlebte und überlebte persönliche Erfahrungen sind? Und gibt es vielleicht sogar einen Zusammenhang zwischen diesem bedeutsamen historischen Schwellenmoment und dem auffälligen Erstarken von rechten und rechtsextremen Parteien in ganz Europa während der letzten Jahre?

Um das besser beantworten zu können, muss man zuerst auf die turbulenten Debatten der neunziger Jahre zurückblicken. Nach dem berühmten «Historikerstreit» von 1986, als der Philosoph und Geschichtswissenschaftler Ernst Nolte die Einzigartigkeit des Holocaust fundamental zu relativieren versuchte, redete man viel über Steven Spielbergs preisgekrönten Hollywoodblockbuster «Schindler’s List» (1993) und die Frage, ob und wie man den Holocaust fiktionalisieren dürfe. Ein Thema, das ein paar Jahre später neuen Zündstoff erhielt mit Roberto Benignis KZ-Tragikomödie «La vita è bella» und mit dem Schweizer Klarinettenlehrer Bruno Dössekker, der unter dem – wie sich herausstellen sollte – Fantasienamen Binjamin Wilkomirski seine frei erfundene Auschwitz-Autobiografie «Bruchstücke» publizierte.

Dazu kam die «Wehrmachtsausstellung» des Hamburger Instituts für Sozialforschung, die zwischen 1995 und 1999 an verschiedenen Orten in Deutschland gezeigt wurde. Sie legte anhand von fotografischen Zeugnissen dar, dass auch «ganz gewöhnliche» deutsche Wehrmachtssoldaten regelmässig am verbrecherischen Vernichtungskrieg beteiligt waren, den man bis anhin vor allem Sondereinheiten wie der SS oder der Gestapo zugeschrieben hatte. 1996 erschien Daniel Goldhagens Buch «Hitlers willige Vollstrecker», in dem der US-Historiker die These aufstellt, dass eine Mehrzahl der Deutschen von einem «eliminatorischen Antisemitismus» beseelt gewesen sei als einer mörderischen Triebkraft, die die Umsetzung von Hitlers Vernichtungsplan überhaupt ermöglicht habe. Sowohl um die Wehrmachtsausstellung als auch um Goldhagens Thesen entbrannten heftige Kontroversen unter ZeitzeugInnen und Nachgeborenen, unter Laien und Expertinnen.

Erbittert wurde um – private und historische – Wahrheiten gerungen. Viel Verdrängtes musste konfrontiert werden, manche Unschuldsbehauptung oder -vermutung erwies sich nun als fragwürdig oder haltlos. Der Holocaust ist in Deutschland – und nicht nur da – Familiengeschichte, wie der Historiker Raul Hilberg einmal treffend bemerkt hat: Jede und jeder ist über familiäre Bande direkt und emotional involviert. Aber auch das Hamburger Institut für Sozialforschung und Goldhagen mussten gewisse ihrer Thesen revidieren oder sich wegen falschen oder lückenhaften Quellenmaterials rechtfertigen. Das Produktive an diesen hitzig geführten, oft auch schmerzhaften Debatten war: Hier kam unüberhörbar etwas zum Vorschein, womit man offensichtlich noch nicht zu Ende war – in der Zunft der HistorikerInnen, aber auch ganz persönlich. Dazu gehört auch, dass das ganze Jahrzehnt lang über den Bau eines Holocaustmahnmals diskutiert und gestritten wurde.

Nazis sind immer die anderen

1998, zum Ende des Jahrzehnts, nahm der Schriftsteller Martin Walser den ihm verliehenen Friedenspreis des deutschen Buchhandels zum Anlass für einen Rundumschlag. Er beschwerte sich in einer viel beachteten Rede über die «Dauerrepräsentation» und «Monumentalisierung der Schande». Damit meinte er die anhaltende mediale und literarische Auseinandersetzung mit Auschwitz, von der er habe «lernen müssen, wegzuschauen»: «Unerträgliches muss ich nicht ertragen.» Manche entrüsteten sich über diese Rede, aber Walser erhielt auch viel Zustimmung – inklusive Standing Ovations prominenter Politiker und anderer Würdenträgerinnen in der Frankfurter Paulskirche.

Gegen Walsers Normalisierungsforderungen und seine Klage über die «Routine der Beschuldigung» stellte sich der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis. Der Überlebende Bubis musste also einem Angehörigen der sogenannten Flakhelfergeneration, der in den letzten Kriegsmonaten noch zum «Endkampf» eingezogen worden war, erklären, warum es ihm schlicht nicht zustehe, diese «Schande», wie Walser die Naziverbrechen konsequent vage und irreführend nannte, von sich zu weisen. Ausgerechnet Bubis, dessen halbe Familie von den Nazis ermordet worden war, musste sich dem im Nationalsozialismus gross gewordenen Walser entgegenstellen, um dessen Wegschaumanöver zu kontern. Und wir erinnern uns: Auch Bruno Dössekkers falsche Auschwitz-Autobiografie wurde damals von Daniel Ganzfried, dem Sohn eines Überlebenden, in einer mehrteiligen Recherche als Erfindung entlarvt.

Haben die Überlebenden also in der öffentlichen Wahrnehmung nicht zuletzt eine notwendige, moralisch-symbolische Schutzfunktion inne? Verhindern sie durch ihre schiere Existenz, aber vor allem durch ihre beherzten Interventionen Beliebigkeit, Gedankenlosigkeit, dreiste Provokationen oder gar Revisionismus? Zweifellos. Und die unweigerliche Abkoppelung der Erinnerung von den «Dabeigewesenen» macht sich – indirekter – auch anderweitig bemerkbar. Als das ZDF 2013 seine dreiteilige Serie «Unsere Mütter, unsere Väter» als kostspieliges TV-Grossereignis herausbringt, mag sich schon kaum jemand mehr so richtig darüber aufregen, mit welcher Dreistigkeit hier die NS-Geschichte fiktional zurechtgebogen und zumindest teilweise entschuldet wird.

Unter der vereinnahmenden, wuchtigen Titelansage erzählt «Unsere Mütter, unsere Väter» von fünf Freunden (Enid Blytons Jugendbuchklassiker lässt grüssen), deren blühende Jugend und Zukunft vom Krieg zerstört wird. Dieser Krieg kommt wie eine Naturgewalt über sie. Die fünf jungen BerlinerInnen sehen sich weitgehend als Opfer des Systems, nicht als seine Stützen: «Wir sind menschliches Vieh auf einem riesigen Schlachthof.» Die richtig bösen Nazis bleiben so stets die anderen. Wie auch der hasserfüllteste Antisemitismus nicht bei den Nazis, sondern bei den polnischen PartisanInnen laut wird, was der eine Jude unter den «fünf Freunden» ganz direkt erfahren muss. Obwohl die erzählte Geschichte fiktiv ist, wird in begleitenden Ansagen mehrfach betont, sie habe einen repräsentativen Charakter für das Schicksal der Deutschen unter Hitler.

Eine echte öffentliche Auseinandersetzung mit der quotenstarken Serie blieb aus. In der Presse erhielt «Unsere Mütter, unsere Väter» hauptsächlich Lob. Die Normalisierung verläuft – wie immer – schleichend. Und gerade auch im Vergleich zu den lauten, anstrengenden Debatten der Neunziger erstaunlich leise und unspektakulär. Erst als die Serie auch noch in den US-Kinos anlief, häuften sich kritische Stimmen in der amerikanischen Presse.

Und wie lassen sich nun diese Normalisierung des Geschehenen, dieses langsame Verwaschen der Erinnerung und der Schuldfrage weiter mit den neu erstarkten Rechten zusammendenken? Dafür muss man sich dem Tätergedächtnis zuwenden. Oder vielmehr den grossen Lücken, die dort klaffen und die nach dem Ableben der letzten Beteiligten definitiv nicht mehr geschlossen werden können. Die Erinnerungen der überlebenden Opfer – für die sich nach dem Krieg notabene lange niemand interessiert hatte – wurden in den letzten Jahrzehnten fieberhaft aufgezeichnet; etwa von Steven Spielbergs Shoa Foundation, die allein über 50 000 Berichte von Überlebenden auf Video archiviert hat. Dieses Opfergedächtnis muss aus verschiedenen Gründen lückenhaft bleiben. Doch die Löcher im Tätergedächtnis sind ganz anders strukturiert und begründet. Wie der Soziologe Harald Welzer («‹Opa war kein Nazi›») und die Gedächtnisforscherin Aleida Assmann («Der lange Schatten der Vergangenheit») festgestellt haben, wollten (oder mochten) die TäterInnen auffällig oft nicht über ihre Erfahrungen reden. Entweder schwiegen sie ganz, wichen aus, blieben vage oder verbargen sich hinter Ersatzgeschichten: Strategien, die Welzer und seine Mitforscherinnen mit der Formel eines «leeren Sprechens» umreissen.

«Schuld ohne Schuldige»

Deshalb weiss oder wusste man eben oft nicht oder nur vage, was «unsere Mütter, unsere Väter» in den Hitler-Jahren gemacht hatten. Die Psychoanalyse wiederum weiss, dass solche schambesetzten oder trotzigen Lücken im familiären wie kollektiven Gedächtnis wahre Brutstätten sind für eine Wiederkehr des Verdrängten und verschlungene Vererbungen über mehrere Generationen hinweg. Wie die sogenannte Phantomforschung nachgewiesen hat, überspringen gerade unausgesprochene Erinnerungen oft eine Generation und werden von den EnkelInnen neu ausagiert. Innerhalb dieser Logik wäre es eben kein Zufall, wenn rechtes Gedankengut gerade heute wieder vermehrt laut wird – nicht nur in Deutschland. Beschwiegenes NS-Wissen wurde von den abwesenden, stummen oder ausweichenden Müttern und Vätern der Tätergeneration an vielen Familientischen besonders wirkungsmächtig weitervererbt, gerade weil nicht darüber gesprochen wurde. Parallel dazu war der öffentliche Diskurs zumindest in Deutschland geprägt vom kompakten Gemurmel abstrakter Schuldbekenntnisse und reflexartiger «Nie wieder!»-Formeln. Was die paradoxe Situation einer «Schuld ohne Schuldige» schafft, wie Welzer treffend anmerkt.

Wenn kürzlich der AfD-Mann Björn Höcke als Brandstifter der extremen Rechten in einer Rede vor AnhängerInnen gegen das «Denkmal der Schande» pöbelte, das man sich «in das Herz der Hauptstadt gepflanzt» habe, schliesst er damit an Martin Walser an. Dieser hatte 1998 das damals noch gar nicht gebaute «Holocaust-Mahnmal» als «fussballfeldgrossen Albtraum» betitelt. Wenn Höcke heute ausserdem eine «erinnerungspolitische Wende um 180 Grad» fordert, bleibt es entscheidend, dass und wie er öffentlich in die Schranken gewiesen wird. Denn gerade nach dem Ableben der letzten ZeitzeugInnen gilt, was der Sozialphilosoph Max Horkheimer bereits 1959 hellsichtig und abschliessend festgehalten hat: «Die Abwehr der Erinnerung an das Unsägliche, was geschah, bedient sich eben der Motive, welche es bereiten halfen.»

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