Nr. 16/2017 vom 20.04.2017

Den Kapitalismus zerschlagen oder bloss zähmen?

Höchste Zeit, den US-Soziologen Erik Olin Wright zu lesen. Auch wenn er seine Thesen manchmal unnötig zuschaufelt: Sein Buch «Reale Utopien» ist Pflichtstoff für eine strategische Neubestimmung der Linken.

Von Raul Zelik

Es ist erstaunlich, dass der Name Erik Olin Wright in der politischen Debatte nicht präsenter ist. Denn der US-Soziologe beschäftigt sich seit bald drei Jahrzehnten mit einem Problem, das die zentrale Frage linker Politik darstellt: Welche Transformationen sind aus emanzipatorischer Perspektive wünschenswert und möglich, und mit welchen Strategien lassen sie sich durchsetzen? Wrights Buch «Reale Utopien», im Original schon 2010 bei Verso erschienen, fasst die Ergebnisse dieser Forschung zusammen.

Dabei kann man durchaus behaupten, dass Wright so etwas wie einen eigenen kleinen Wissenschaftszweig entwickelt hat: die emanzipatorische Transformationsforschung. Dabei geht es ihm nicht um die Entwicklung eines Modells. Während die «Gemeinwohlökonomie» des österreichischen Attac-Aktivisten Christian Felber oder die «partizipatorische Wirtschaft» des US-Anarchisten Michael Albert der Gesellschaft gleichsam wie Blaupausen übergelegt werden, konzentriert sich Wright auf bereits Bestehendes. Er untersucht kollektive Praktiken, die aus der Gesellschaft heraus entstanden sind, und fragt nach den Möglichkeiten ihrer Ausbreitung.

Marx und die Motoren

Mit dieser Herangehensweise versucht Wright, jenes Dilemma aufzulösen, das die Linke seit Mitte des 19. Jahrhunderts verfolgt: den Widerspruch zwischen Utopie und materialistischer Methode. Der Frühsozialismus hatte sich bekanntermassen darauf kapriziert, alternative Gesellschaftskonzepte zu entwerfen, sich aber wenig Gedanken um Machtverhältnisse und die Durchsetzbarkeit der eigenen Projekte gemacht. Marx grenzte sich von diesem Idealismus schroff ab und propagierte stattdessen die – auch praktische – Kritik der Verhältnisse. Seiner Ansicht nach waren nicht gute Ideen, sondern soziale Kämpfe und technische Entwicklungen die entscheidenden Motoren des gesellschaftlichen Fortschritts.

In den 1950er Jahren warf der marxistische Philosoph Ernst Bloch allerdings die Frage auf, ob die Ablehnung der Utopie nicht zu schroff ausgefallen sei. Es sei nämlich sehr wohl notwendig, sich gesellschaftliche Gegenentwürfe konkreter vorzustellen. Doch dies müsse ausgehend von der realen Praxis geschehen. In diesem Zusammenhang entwickelte Bloch den Begriff der «konkreten Utopien» – also gesellschaftlicher Experimente und Organisationsformen, die über das Bestehende hinausweisen und Befreiung vorwegnehmen sollten.

Genau hier setzt auch Wright an. Er sucht nach «realen Utopien» und nimmt hierfür ein breites Spektrum emanzipatorischer Ansätze in den Blick: von den baskischen Mondragón-Genossenschaften bis hin zur Peer-to-Peer-Produktion der Freie-Software-Bewegung und der institutionellen Reformpolitik in Kanada oder Skandinavien. Gerade diese Konkretisierung lässt das Buch allerdings streckenweise auch recht banal werden. Städtische Kindergärten oder von BürgerInnen gegründete Energiegenossenschaften werden politischen LeserInnen wohl kaum als Projekte zur Überwindung des Kapitalismus gelten können.

Nische, Reform oder Revolution?

Diese Kritik gegenüber dem Buch kann man an vielen Stellen machen. Wright schildert viele Politikansätze zu positiv oder misst ihnen zu grosse transformatorische Bedeutung bei. Und doch ist «Reale Utopien» ein grundlegendes Buch der politischen Gegenwart, das viel zu einer strategischen Neubestimmung der Linken beitragen könnte. Im Schlusskapitel legt Wright seine Kernthese dar – dass nämlich die drei grossen Transformationsansätze des 20. Jahrhunderts gescheitert oder an Grenzen gestossen sind. Der revolutionäre Bruch sei mit so grossen Verwerfungen (Wirtschaftskrisen, Bürgerkriegen und Hungersnöten) einhergegangen, dass er sich nur noch autoritär habe aufrechterhalten lassen. Der sozialdemokratische Reformismus hingegen habe eine Symbiose zwischen Staat und Kapital propagiert und sei dabei von den Machteliten fast vollständig kooptiert worden. Und die Nischenpraxis der Genossenschaften und Kommunen schliesslich habe die kapitalistische Herrschaft nie ernsthaft infrage stellen können, sondern sie nur ausgestaltet.

Wright folgert daraus, dass es darum geht, erstens die drei Strategien anders miteinander zu kombinieren und dabei zweitens einen Perspektivwechsel zu vollziehen. Nicht mehr die Übernahme des Staatsapparats, sondern die Ermächtigung der Gesellschaft gegenüber Kapital und Staat müsse das strategische Ziel sein: «Anstatt den Kapitalismus durch Reformen ‹von oben› zu zähmen oder mittels eines revolutionären Bruchs zu zerschlagen, sollte (…) der Kapitalismus dadurch erodiert werden, dass in den Räumen und Rissen innerhalb kapitalistischer Wirtschaften emanzipatorische Alternativen aufgebaut werden und zugleich um die (…) Ausweitung dieser Räume gekämpft wird.»

Wright ist allerdings auch kein Anarchist. Er begreift den Staat als institutionelle Verdichtung von Machtverhältnissen und ist daher der Ansicht, dass dieser für emanzipatorische Politik unverzichtbar bleibt. Ohne staatliche Ressourcen und Schutz werde sich die Selbstorganisierung der vielen nicht entfalten können. In diesem Zusammenhang misst Wright der Ausweitung und Vertiefung der Demokratie zentrale Bedeutung bei.

Versteckte Thesen

Schon allein wegen dieser drei Thesen sollte der Name Wright eigentlich in aller Munde sein. Dass er dies bislang nicht ist, liegt aber eben auch daran, dass Wright seine Thesen unnötig zuschaufelt. Das hat zum einen mit der Methode zu tun: Da er Erstsemesterstudierende ebenso ansprechen will wie marxistisch geschulte KollegInnen, schwankt «Reale Utopien» zwischen Einführungstext und penibler Begriffskategorisierung. Das wird auch durch die Aufteilung in Haupttext und vertiefende Fussnoten nicht besser. Das zweite Problem ist inhaltlicher Natur: Wrights These lautet, dass die Revolution nach den Gewalterfahrungen des 20. Jahrhunderts keine strategische Option mehr darstellt. Er plädiert daher für einen Reformismus, der die Selbstermächtigung von unten stärkt.

Das hört sich sympathisch an, liefert aber keine Antwort auf das – nach wie vor zentrale – Machtproblem. Der Reformismus existiert heute ja auch deshalb faktisch nicht mehr, weil es keine revolutionären Bewegungen mehr gibt, die die Machteliten wie im 20. Jahrhundert zu Zugeständnissen zwingen. Man könnte behaupten, Wright habe seine eigene These nicht zu Ende gedacht: Der Reformismus war nur in der komplementären Verbindung mit revolutionären Optionen erfolgreich, die ein Drohpotenzial aufbauten. Erst das Zusammenspiel zwischen der Alltagspraxis im Kleinen, dem politischen Reformismus und den revolutionären Bewegungen ermöglichte im 19. und 20. Jahrhundert den sozialen Fortschritt. Doch das Verdienst von «Reale Utopien» besteht darin, solche grundlegenden Fragen überhaupt wieder aufgeworfen zu haben.

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