Nr. 16/2017 vom 20.04.2017

Die Abstimmung als Familiensache

Wie das Referendum DoppelbürgerInnen bewegt: Die entscheidenden Stunden aus Sicht der Zürcher GemeinderätInnen Ezgi Akyol und Muammer Kurtulmus.

Von Kaspar Surber

Ezgi Akyol und Muammer Kurtulmus. Foto: Ursula Häne

Das Rennen scheint gelaufen, bevor es richtig begonnen hat. Mehr als sechzig Prozent liegen die BefürworterInnen der türkischen Verfassungsreform vorne. Jetzt aber kommt doch noch Spannung auf im Kulturtreffpunkt Mozaik in Zürich. Am Abstimmungssonntag haben sich hier rund dreissig GegnerInnen der Reform versammelt. Auf der Leinwand wird der rote Balken für ein Ja stetig kleiner, der blaue für das Nein wächst. Und noch sind zehn Prozent der Wahlurnen nicht ausgezählt.

«Ich gebe die Hoffnung bis zum Schluss nicht auf», sagt Muammer Kurtulmus. Neben ihm sitzt Ezgi Akyol, wie die meisten hier kaut sie angespannt Sonnenblumenkerne. «Unser Nationalsnack», meint sie und lacht kurz auf. Ansonsten ist es still im «Mozaik». Als in Ankara mehr Stimmen für ein Nein gezählt werden, geht ein Raunen durch die Reihen. In der Hauptstadt habe die AKP von Präsident Recep Tayyip Erdogan bei Wahlen sonst stets eine Mehrheit erzielt, erklärt Kurtulmus.

Muammer Kurtulmus (52) arbeitet als Sozialarbeiter und vertritt die Grünen im Zürcher Gemeinderat. Die Türkei hat er in den neunziger Jahren aus politischen Gründen verlassen. Ezgi Akyol (29) ist hier geboren: Sie ist bei einer stationären Krisenintervention tätig und sitzt für die Alternative Liste im Stadtparlament. Ihre Eltern waren Ende der siebziger Jahre in die Schweiz geflohen. Kurtulmus und Akyol sind schweizerisch-türkische DoppelbürgerInnen. Sie stehen beispielhaft dafür, wie die aktuelle politische Entwicklung der Türkei auch die Diaspora prägt, sich in die Familien und Biografien einschreibt.

Überlebenskampf für die Demokratie

In ihrer Jugend hat sich Seconda Akyol – abgesehen von den Ferien – nie besonders für die Türkei interessiert. «Erst bei den Gezi-Protesten begann mein türkisches Herz zu schlagen», erinnert sie sich. Zweimal reiste sie mit ihrem Vater nach Istanbul an den demokratischen Aufstand. Akyol erzählt begeistert von der Energie zwischen den unterschiedlichsten Gruppen, die damals rund um den Park spürbar war. Später reiste sie nach Diyarbakir, um kurdische Hilfsprojekte zu unterstützen.

Kurtulmus bezeichnet die Türkei bis heute als seine politische Heimat, er hat die Entwicklung über die Jahre genau verfolgt. Bei der Verfassungsreform handle es sich um einen radikalen Systemwechsel, der Widerstand dagegen sei ein Überlebenskampf für die Demokratie: «Erdogan hat bisher als Staatspräsident mit null Kompetenzen das Land regiert. Ich will mir gar nicht vorstellen, was es bedeutet, wenn er es nun mit fast allen Kompetenzen tut.» In der Schweiz würden ihn die Folgen der Abstimmung weniger tangieren, meint Kurtulmus: «Doch ich frage mich oft, ob meine Familie und meine Freunde in der Türkei noch einen Platz finden würden.» So ist die Abstimmung zur Familiensache geworden. Sohn Onur, der das Gymnasium besucht, ist auch hier: «Die Politik in der Türkei stört mich weit mehr als die in der Schweiz.»

Kurtulmus wie Akyol haben vor der Abstimmung bei Verwandten und im Freundeskreis für ein Nein geworben. «Weil es hier weniger Mut braucht, fühlte ich mich dazu umso stärker verpflichtet», meint Kurtulmus. Mit AKP-AnhängerInnen ins Gespräch zu kommen, sei aber auch in der Schweiz schwierig. Das seien getrennte Welten. Staatlicher Druck ist auf sie keiner ausgeübt worden. Als PolitikerInnen gehen sie aber davon aus, beobachtet zu werden.

Reise an den Prozess

Am Fernsehen wird die Zahl der Wahlurnen, die noch nicht ausgezählt sind, immer kleiner. Die Hoffnung, dass es noch reicht, schwindet. Immerhin, in der Schweiz stimmten über sechzig Prozent der türkischen Stimmberechtigten gegen die neue Verfassung. Als dann die Siegesrede von Ministerpräsident Binali Yildirim zu sehen ist, wird es zum ersten Mal laut im «Mozaik». Die Ansprache wollen sich die meisten hier nun doch nicht antun. Wut ist keine zu spüren, vielmehr Ungewissheit – und etwas Hoffnung.

Die AKP-Propaganda im Vorfeld war massiv, und trotzdem bleibt am Ende nur ein äusserst knappes Resultat: Akyol und Kurtulmus sind sich einig, dass Erdogan nicht gestärkt aus dieser Abstimmung hervorgeht. Über sein Schicksal werde die Präsidentschaftswahl 2019 entscheiden.

Für die beiden, die selbst keine KurdInnen sind, ist ausserdem klar: Die Türkei hat nur dann eine Zukunft, wenn sie den Krieg gegen die kurdische Bevölkerung beendet. «Die katastrophalen Folgen sind in den Medien viel zu stark in den Hintergrund getreten», meint Akyol. Sie selbst will nicht wegschauen. Diese Woche reist sie mit Kurtulmus an den Prozess gegen die Bürgermeisterin von Diyarbakir. Auf einen Vorstoss von Akyol hin pflegt Zürich einen «Brückenschlag» zur kurdischen Stadt. Eine offizielle Partnerschaft war der Stadt zu heikel.

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