Nr. 16/2017 vom 20.04.2017

Wie Tennis mit verbundenen Augen

Der Gedanke, dass sich Präsident Erdogan mit dem umstrittenen Sieg zufriedengibt, ist naiv, schreibt WOZ-Kolumnistin Ece Temelkuran. Gedanken am Tag der Abstimmung und in den Stunden danach.

Von Ece Temelkuran

Die acht grössten Städte der Türkei haben Nein gestimmt: Sammlung von Säcken mit bereits gezählten Stimmzetteln am 16. April in Izmir. Foto: Evren Atalay, Getty

16. April

Ausgerechnet heute bin ich total krank. Und dann funktioniert auch noch die Internetverbindung nicht. Ich kann nicht einmal fernsehen. Ich presse mich an die Wand meiner Wohnung, um die WLAN-Signale meiner Nachbarn mitnutzen zu können. Ich habe mich mit unglaublich starken Antibiotika vollgepumpt – und trotzdem hält die Erkältung mich davon ab, am Handybildschirm zu kleben. An dem für mein Land wohl geschichtsträchtigsten Tag fühle ich mich so jämmerlich, wie man sich nur fühlen kann. Und doch weiss ich, dass für Leute wie mich in der Türkei gerade so etwas wie Enthusiasmus in der Luft liegt. Die Strassen sind voller Menschen. Die Nerven könnten angespannter nicht sein.

Es ist wie bei einem Tennismatch, bei dem unserem Spieler beide Arme gebrochen und die Augen verbunden wurden. Und auf der anderen Seite des Platzes stehen zehn Andre Agassis und schiessen mit einer Ladung riesiger Schrotkugeln auf uns. Das Spiel als unfair zu bezeichnen, wäre die grösste Untertreibung. Trotzdem gibt unser Unglücksspieler sein Bestes und hofft, dass sein Bestes genügt.

«Ihr könnt mich nicht aufhalten!»

Die Menschen kämpfen buchstäblich um ihr Zuhause. Im Verlauf des Abstimmungskampfs haben Präsident Recep Tayyip Erdogan und seine AnhängerInnen die Nein-WählerInnen auf jede nur erdenkliche Art und Weise als Verräter, Terroristinnen und Inbegriff allen Übels gebrandmarkt. Seit Erdogan die Justiz unter Kontrolle gebracht hat, wissen seine GegnerInnen sehr genau, dass sie im Fall einer Niederlage nichts und niemand vor den ignoranten Massen schützen kann, die auf Geheiss ihres Herrn bereit zum Angriff sind.

Ece Temelkuran Foto: Muhsin Akgun

Das populärste Video des Tages zeigt einen körperlich beeinträchtigten Mann ohne Beine, der die Treppenstufen des Wahllokals auf Händen kriechend zu erklimmen versucht. «Ihr könnt mich nicht aufhalten! Ich werde wählen!», ruft er. Ich poste die Aufnahme auf Twitter und schreibe: «So verteidigt man in der Türkei die Demokratie.» «Woher weisst du, dass der Mann Nein stimmt?», fragt irgendein Idiot voller Sarkasmus. Nun, würde er Ja stimmen, hätte man ihn auf Händen ins Wahllokal getragen.

In den sozialen Medien zirkulieren kleinere Wahlbetrugsmeldungen – in den letzten fünfzehn Jahren AKP-Herrschaft ein Klassiker. «Lasst euch nicht unterkriegen! Geht an die Urnen!» Die Leute versuchen, sich gegenseitig Mut zu machen. Dann beginnt die Auszählung der Stimmen. Eine Zitterpartie für die ganze Nation.

Für alle türkischen DemokratieverteidigerInnen ist das Wählen der einfachere Teil ihrer Arbeit. Seit den Wahlen im Juni 2015 ist es wichtiger, den eigenen Stimmzettel die Nacht über im Auge zu behalten – bis an den Ort, an dem die Stimmen ausgezählt werden. Und selbst dort muss man aufpassen, dass der Stimmzettel nicht gestohlen oder weggeworfen wird. Eine ganze Nation wird mit der Auszählung der Stimmen beschäftigt sein, wird die eigenen Zahlen mit den offiziellen vergleichen, Unstimmigkeiten aufspüren und diese den Bürgerrechtsorganisationen melden, später erneut Unstimmigkeiten melden und darauf pochen, dass sie berücksichtigt werden.

Ermordung eines Handlungsreisenden

Doch diesmal reicht sogar eine solche Hingabe nicht aus. Nach Beginn der Auszählung fällt die Wahlbehörde eine ungeheuerliche Entscheidung. Dem Wunsch (!) der AKP nachkommend, verfügt die Stelle, dass auch nicht behördlich gestempelte Stimmzettel gültig sind. Man kann also – auch massenhaft – eigene Ja-Stimmzettel produzieren. Die Entscheidung kommt – wenig überraschend –, als der Nein-Anteil immer weiter steigt, bis er mit der Anzahl der Ja-Stimmen gleichauf ist. Die grösste Oppositionspartei weist den Beschluss zurück, doch die ganze Sache endet im Chaos. Auf den Strassen wird bereits demonstriert. Offenbar hatte Andre Agassi Angst davor, nicht genug FürsprecherInnen zu haben. So entschied er, dass nun auch noch der Schiedsrichter auf den Spieler mit den verbundenen Augen einprügeln soll.

Unterdessen schaue ich «The Salesman», den oscarprämierten Film des iranischen Regisseurs Asghar Farhadi. Als gäbe es nichts Besseres zur Ablenkung. Es geht darin um den Tod des Intellektuellen der Aufklärung in unserem Teil der Welt. Dies trifft auch auf das Referendum zu. Auch in der Türkei gibt es so viele gebildete Leute. Sie bemühen sich, ordnungsgemäss Tennis zu spielen, und werden vom Lumpenproletariat geschlagen, dem das Image des «wahren Volks» verpasst wurde.

Den ersten Resultaten zufolge haben die acht grössten Städte des Landes, in denen neunzig Prozent des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet werden und das Bildungsniveau hoch ist, Nein gestimmt. Dennoch behauptet die Wahlbehörde, die Türkei habe Ja gesagt. Mathematisch gesehen ist das unmöglich. Dies ist nicht der «Tod eines Handlungsreisenden», hier wird der Handlungsreisende ermordet. Ich bebe vor Wut. «Ich bin lieber wütend als traurig» – wer hat das noch einmal gesagt? Mein E-Mail-Postfach ist schon voll mit Interviewanfragen. BBC, Euronews, Channel 4. Ich werde mich morgen darum kümmern.

17. April

«Also zuerst einmal hat Erdogan nicht knapp gewonnen. Es gibt gar keinen Sieg. Die internationalen Medien hätten nicht die frühen – ich würde sagen verfrühten – Jubelfeiern für Erdogan in den Fokus nehmen sollen, sondern den massiven Wahlbetrug. Für JournalistInnen ist die Zeit gekommen, die Wahrheit vor dem postfaktischen Zeitalter zu schützen. Es ist natürlich vollkommen in Ordnung, die ganzen Podien zur Frage ‹Was tun im postfaktischen Zeitalter?› zu veranstalten. Doch die Medienschaffenden sollten die Wahrheit auch im entscheidenden Moment verteidigen. Wie nach jeder Wahl gelingt es Erdogan mithilfe der verfrühten Siegesfeiern, Tatsachen zu schaffen. Dies ist ein Spiel, um die öffentliche Wahrnehmung zu seinen Gunsten zu manipulieren. Wie ungeheuerlich, dass die Medien darauf hereinfallen. Die Wahrheit zu verteidigen, bedeutet auch, nicht vor diesem fabrizierten Realitätsspektakel zu kapitulieren. Man muss in der Lage sein, die Stummen wahrzunehmen, sich zu ihrem Sprachrohr zu machen. Warum spreche ich vor allem über die internationalen Medien? Weil wir gerade in diesem entscheidenden Moment, in dem die türkische Demokratie vor ihrer gefährlichsten Herausforderung steht, von ihnen abhängig sind, während die türkische Presse bereits zum Schweigen gebracht wurde.»

Ich spreche auf Euronews wie ein Maschinengewehr, dann auf BBC Radio und Channel 4. Ich vergesse, dass ich eigentlich Angst haben müsste.

Die Feinde der Diktatur

«Was wird jetzt geschehen in der Türkei?» ist eine der meistgestellten Fragen in den Interviews. Darauf gibt es zwei Antworten. Erstens ist es vollkommen naiv zu erwarten, dass sich Erdogan mit dem umstrittenen Sieg zufriedengibt und endlich diejenigen akzeptiert, die nicht für ihn gestimmt haben. Er hat noch nie so gehandelt. Regime wie das seine leben von Polarisierung, Hass, Angst und Feindseligkeit. Diktaturen gieren nach Feinden. Deshalb wird die Hälfte der Gesellschaft – als VerräterInnen und Verkörperung des Bösen stigmatisiert – der Feind bleiben. Sozialer Frieden ist nicht in Sicht.

Zweitens weiss die Opposition zum ersten Mal seit Jahren, dass sie nicht in der Minderheit ist, dass sie sogar im Gegenteil die Mehrheit stellt. Das wird sie am Leben halten. Schon strömen die Menschen auf die Strassen, um ihrem Ärger Luft zu machen. Ob eine politische Organisation diese Gefühle zu kanalisieren und zu organisieren vermag, ist eine andere Frage. Und die Antwort ist: nein.

Das behäbige Statement des Oppositionsführers in der Abstimmungsnacht und sein Stillschweigen am nächsten Tag genügen bei weitem nicht. Selbstverständlich hat man alle politischen Figuren, die die Massen bei einer angemessenen demokratischen Reaktion hätten anführen können, inhaftiert, bevor der Referendumsprozess überhaupt begonnen hat.

Es wird Nacht. Nach den vielen Interviews bin ich müde. Zumindest habe ich mir den Ärger von der Seele reden können. Jetzt ist es Zeit zu relaxen und Hunderte Internettrolle zu blockieren, deren Drohungen und Beleidigungen auf mich einprasseln. Meine Mutter ruft an. «Sie berichten, AKP-Anhänger in Izmir würden Hunde auf die Demonstranten hetzen. Dein Vater hat es auf Twitter gelesen», erzählt sie. «Seid vorsichtig», entgegne ich nach langem Schweigen nur. Einen sinnloseren Satz kann man gar nicht sagen.

Aus dem Englischen von Anna Jikhareva.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Wie Tennis mit verbundenen Augen aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr