Nr. 17/2017 vom 27.04.2017

Wer hat Angst vor dem weissen Mann?

Skalpell oder Peitsche: «The Birth of a Nation» zeigt den Horror der Sklaverei, «Get Out» irgendwie auch. Ein Film stürzte ab, der andere wurde zum Blockbuster.

Von Florian Keller

Rassismus mal brutal, mal scheissfreundlich: Daniel Kaluuya als Fotograf Chris in Jordan Peeles «Get Out» (oben) und Regisseur Nate Parker als Nat Turner in «The Birth of a Nation». Stills: Universal Pictures / Fox Searchlight

Seine wuchtigste Geste trägt dieser Film im Titel: «The Birth of a Nation» heisst er, genau wie der Stummfilm von D. W. Griffith, ein Meilenstein des frühen Kinos und ein rassistisches Machwerk sondergleichen. Die Ansage ist so grossspurig wie unmissverständlich: Nate Parker, Autor, Regisseur und Hauptdarsteller in Personalunion, will mit seinem Erstling die Filmgeschichte überschreiben und dem Bürgerkriegsepos von 1915 einen alternativen Gründungsmythos entgegensetzen.

Als Geburtshelfer dieser Nation der Unterdrückten hat er die historische Figur Nat Turner auserkoren – einen Sklavenpriester, der 1831 in Virginia einen blutigen Aufstand gegen die weissen Herren und deren Familien anführte, ehe er nach mehrwöchiger Flucht hingerichtet wurde. Parkers Film schwankt zwischen ausgeleiertem Pathos und schierer Agitprop, seine spannendsten Momente hat er dort, wo der Priester zwischen den Fronten zum revolutionären Subjekt wird. Als predigender Sklave soll er seinesgleichen zur Demut anhalten und so Aufstände im Keim ersticken. Aber angesichts des Leids seiner Leute beginnt er, Gottes Wort gegen die Ausbeuter zu wenden – ein Befreiungstheologe avant la lettre, ehe er in alttestamentarischem Furor zum Hackebeil greift.

Lehren ziehende Herrenmenschen

Zuletzt, als Turner gehängt wird, zeigen die weissen Herrenmenschen, dass sie auch gewisse Lehren aus der christlichen Passionsgeschichte gezogen haben: Sie wollen den Sklaven nicht zum Märtyrer machen, der ihnen über den Tod hinaus gefährlich werden könnte. Also schlagen sie ihm, so lesen wir im Abspann, den Kopf ab und häuten ihn, sein Fleisch wird zu Schmieröl verarbeitet. Damit nur ja nichts von ihm übrig bleibt, was als Reliquie verehrt werden könnte.

Und was bleibt vom Film übrig? Bei der Premiere letztes Jahr in Sundance wurde «The Birth of a Nation» als Fanal für die Black-Lives-Matter-Bewegung gefeiert, die Auswertungsrechte gingen für die Rekordsumme von 17,5 Millionen Dollar an Fox Searchlight. Der weitere Weg für den Film schien vorgezeichnet, Endstation: Oscars.

Doch es sollte anders kommen. Was längst bekannt war, holte Parker wieder ein: 1999 war er angeklagt gewesen, am College zusammen mit einem Freund eine weisse Mitstudentin vergewaltigt zu haben. Der Freund, jetzt Koautor bei «The Birth of a Nation», war damals verurteilt, Parker selber freigesprochen worden. Die PR-Kampagne für das Sklavendrama geriet nun zum Debakel, und als es auf die Academy Awards zuging, war der 37-Jährige mit seinem Film längst ausser Rang und Traktanden gefallen. An seine Stelle trat der genau gleichaltrige Barry Jenkins, der mit «Moonlight» so viele Oscars holen sollte wie noch kein afroamerikanischer Filmemacher vor ihm.

Verzweifelter Appell zur Flucht

Interessante Koinzidenz: Am Wochenende, als Jenkins bei den Oscars triumphierte, sprengte ein dritter 37-jähriger Afroamerikaner namens Jordan Peele gerade die US-Kinokassen – mit einem Film, der thematisch gar nicht so weit weg ist von «The Birth of a Nation», aber von ganz anderem Zugriff. Peele ist hauptamtlich Komiker, bekannt vor allem als begnadeter Obama-Imitator, und sein erster Spielfilm heisst wie Donald Trumps Haltung in Migrationsfragen: «Get Out». Dabei ist das im Film nicht etwa als Ausschaffungsbefehl gemeint, sondern als verzweifelter Appell zur Flucht: Bloss weg hier, du bist hier nicht sicher.

Die Warnung gilt im Film dem New Yorker Fotografen Chris (Daniel Kaluuya). Der ist erstmals bei der Familie seiner Freundin (Allison Williams) zu Besuch, auf einem herrschaftlichen Anwesen irgendwo in den Südstaaten, und es muss ihm vorkommen wie eine Visite im Kabinett des Mr. Trump: Dunkelhäutig wie er selber sind hier nur der Gärtner und die Köchin. Aber wieso haben die beiden Bediensteten immer so einen glasigen Blick? Und warum wirken sie so zurückgeblieben in ihrer zuvorkommenden Art, als hätten sie die ganze Bürgerrechtsbewegung verschlafen?

Der leutselige Vater gibt sich zwar als Obama-Fan zu erkennen, aber wenn er Chris gegenüber von der «total privacy» schwärmt, die er auf seinem abgeschiedenen Landgut geniesse, klingt das doch fast wie eine Drohung. Und die Gesellschaft, die später zu einer sinistren Gartenparty auf dem Anwesen vorfährt, ist weisser als weiss – selbst der einzige andere Afroamerikaner auf der Party weiss mit der Ghettofaust nichts anzufangen, die Chris ihm zum Brudergruss hinstreckt.

Mit Hammer und Meissel

Man verrät nicht zu viel, wenn man sagt, dass das finstere Geheimnis in «Get Out» eine moderne Version von Leibeigenschaft ist. Jordan Peele dramatisiert aber nicht etwa die Schande der Sklaverei im historischen Gewand, wie das Nate Parker in «The Birth of a Nation» tut. Sondern er spiegelt sie in einer smarten Horrorsatire und zeigt, wie das Erbe von damals in einem «aufgeklärten» Rassismus fortwirkt. Den liberalen Rassisten erkennt man etwa daran, dass er völlig unironisch bemerkt, dass die Schwarzen ja jetzt «in Mode» seien. Der Film operiert dabei ganz dialektisch: Aufklärung schlägt in Barbarei um, die aufgeschlossene Herrenrasse spielt Bingo und zückt Skalpell statt Peitsche.

Aber was heisst hier Peitsche? Die ärgsten Sklavenhalter in «The Birth of a Nation» hantieren schon mal mit Hammer und Meissel, wenn ihre menschlichen Besitztümer an Arbeitswert verlieren, weil sie das Essen verweigern. Es ist die krasseste Szene in einem Film, der die Herrschaftsverhältnisse längst nicht immer in solcher Drastik ins Bild rückt. Manchmal liegt da auch einfach mal ein toter Schwarzer mit offenem Schädel am Wegrand, wie achtlos weggeworfen, oder ein weisses und ein schwarzes Mädchen tanzen im trauten Spiel zusammen ums Haus, beide haben Spass, aber das weisse Töchterchen führt seine Spielgefährtin wie einen Hund an der Leine.

Anderes wirkt etwas faul. Etwa der erfundene dramaturgische Kniff, dass Turner mit dem Aufstand auch seine vergewaltigte Frau rächen will – wird das historische Sklavendrama so zur Entlastungsfantasie eines Mannes, der seinerseits der Vergewaltigung angeklagt war?

«Die Sklaverei in diesem Land», so hat der Journalist Vinson Cunningham im «New Yorker» geschrieben, «war nie eine Heldenreise. Sie ist eine Gespenstergeschichte, und Nat Turner ist ihr Poltergeist, der Keramik gegen die Wände Amerikas schmeisst.» Nate Parker will diesen Poltergeist zum Helden machen, aber der gespenstischere Film ist «Get Out». Weil der Rassismus hier so scheissfreundlich ist.

«The Birth of a Nation» läuft ab 27. April 2017 im Kino. «Get Out» folgt am 4. Mai 2017.

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