Nr. 17/2017 vom 27.04.2017

«Die Dinos wollten auch nicht hören»

In über 600 Städten forderten weltweit Hunderttausende die Freiheit der Forschung. Auch in Berlin. Hier ging es den Demonstrierenden auch um Zensur und Fake News.

Bernhard Pötter, Berlin

«Es gibt keine Alternative zu den Fakten» – so stand es auf manchen T-Shirts am «Marsch für die Wissenschaften» in Berlin am letzten Samstag. Mehrere Tausend DemonstrantInnen waren gekommen, viel mehr als erwartet, um für die Freiheit der Forschung, für rationale Argumente und gegen populistische Bedrohung der freien Wissenschaft und Politik durch «Postfakten» zu demonstrieren. Die DemonstrantInnen, von gesetzten WissenschaftlerInnen von Weltruhm bis zu Familien mit Kindern, hatten ihrer Kreativität freien Raum gelassen: «Wer nichts weiss, muss alles glauben» stand auf den handgemalten Schildern in Berlin, «Das Gute an der Wissenschaft: Sie stimmt, auch wenn du nicht an sie glaubst» oder «Die Dinos wollten auch nicht hören». Gleichzeitig in zwanzig deutschen Städten und weltweit an 600 weiteren Orten – auch in Genf – wollten Wissenschaftlerinnen und Forscher, aber auch Vertreterinnen von Politik und Verbänden und einfache Bürger lautstark sagen, was ein Plakat so zusammenfasste: «Du kannst deine eigene Meinung haben, aber nicht deine eigenen Fakten.»

Argumente aus der Bibel

Was 300 Jahre nach Beginn der Aufklärung eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte, ist derzeit wieder unter Druck. Vor allem in den USA, wo die Idee für den globalen Marsch entstand, attackieren die Regierung von Präsident Donald Trump und die Republikanische Partei die Wissenschaft auf vielen Gebieten. Der Klimawandel gilt ihnen als «Witz» und «Erfindung der Chinesen», die neue Regierung streicht das Budget der Umweltbehörde EPA um ein Drittel, setzt einen Klimaleugner und Öllobbyisten an deren Spitze, streicht Gelder für die Sammlung von Umweltdaten und säubert die Websites der Regierung von Hinweisen auf den Klimawandel. In Trumps Mannschaft ballen sich IdeologInnen, die nicht nur den Klimawandel leugnen und Umweltschutz für Kommunismus halten, sondern auch mächtige Männer und Frauen, die Impfungen für schädlich halten, Rauchen nicht als krebserregend ansehen und fest überzeugt sind, dass Gott die Welt vor 6000 Jahren an sechs Tagen geschaffen hat. Ihre Argumente finden sie oft in der Bibel oder bei angeblichen Experten – und nicht auf dem steinigen Weg der Wissenschaft von nachprüfbaren Beweisen und skeptischen Nachfragen.

Zehntausende Menschen kamen nach Agenturberichten denn auch in US-amerikanischen Städten wie New York, Chicago und Los Angeles zusammen; in Washington zog eine grosse Menge vor das Weisse Haus, um gegen Trumps Konfrontationskurs mit den Fakten zu protestieren. Doch die rechtspopulistischen Machthaber gefährden auch anderswo die Freiheit der Forschung: In Ungarn dreht die Regierung der Europäischen Universität mit einem neuen Gesetz den Geldhahn zu (siehe WOZ Nr. 16/2017); in der Türkei wurden ForscherInnen nach dem Putsch an der Ausreise gehindert, Hunderte LehrerInnen wurden verhaftet. In Polen geht die PiS-Regierung gegen störende WissenschaftlerInnen und Museen vor. Und in Deutschland finden bei den RechtspopulistInnen der Alternative für Deutschland auch allerlei Verschwörungstheoretikerinnen und Klimaleugner Gehör.

«Bekämpft die Angst mit den Fakten!»

«Freiheit und Toleranz und die Wissenschaft verkörpern unsere Art zu leben, sie sind die Pfeiler unserer Demokratie und der offenen Gesellschaft», rief Berlins Bürgermeister, Michael Müller (SPD), in seiner Ansprache an der Demonstration. Berlin habe das humboldtsche Ideal der Bildung hervorgebracht, habe aber unter den Nazis auch erlebt, wie «Forscher verfolgt und inhaftiert wurden» und die Wissenschaft von der Macht missbraucht wurde. TV-Moderator und Physiker Ranga Yogeshwar forderte alle auf, nicht zuzulassen, dass die Welt gefährlich vereinfacht werde. «Bekämpft die Angst mit den Fakten!», rief er. «Die Welt ist kompliziert, deshalb ist sie so schön.»

Kompliziert ist durchaus auch die Abgrenzung von Wissenschaft einerseits und Zensur und Fake News andererseits. Ist es bereits ein Eingriff in die Freiheit, wenn Parlamente Forschungsmittel kürzen? Manche RednerInnen warnten vor «politisch motivierten Angriffen», wenn in Deutschland Geschlechterforschung als Fachgebiet abgelehnt werde. Amardeo Sarma von der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften warnte, es gebe eine «unerträgliche Kampagne» gegen Impfungen in Deutschland, neben der Klimawandelleugnung sei es auch inakzeptabel, dass an Krankenhäusern Homöopathie praktiziert werde, deren Wirkung nicht nachzuweisen sei. Auch die Kritik an der Gentechnik und die Ablehnung von «Goldenem Reis», der mit Vitamin A gegen Mangelernährung versetzt wird, seien nicht zu akzeptieren. Schon vor dem Marsch hatte allerdings der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Peter Strohschneider, davor gewarnt, die Forschung dürfe nicht zu einer Herrschaft der Experten, einer «Szientokratie», werden. Man dürfe nicht unzweideutige wissenschaftliche Fakten verwechseln mit «den aus ihnen zu ziehenden alternativen, ja oft ambivalenten gesellschaftlichen und politischen Folgerungen».

Den Fakten treu bleiben wollte auch Ranga Yogeshwar, der bis zum Schluss durch das Demoprogramm führte. Wie viele DemonstrantInnen vor dem Brandenburger Tor versammelt waren, sei schwer zu schätzen: «Die Polizei sagt, vielleicht 10 000. Aber Achtung: Das sind ungesicherte Fakten!»

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