Nr. 17/2017 vom 27.04.2017

Die Banalität des Exils

Ece Temelkuran über eine Reise nach Italien

19. April: In mehreren türkischen Städten demonstrieren die Nein-WählerInnen gegen den massiven Betrug bei der Abstimmung. Ihnen fehlt es jedoch an politischer Führung. Der Anführer der grössten Oppositionspartei, der sozialdemokratischen CHP, ist nicht so lautstark, wie es die Protestierenden gerne hätten. Offenbar befürchtet man in der Partei, mögliche Unruhen könnten von der Regierung gnadenlos unterdrückt werden.

Wie soll man mit den sich häufenden Drohungen umgehen? Nach zwei Tagen voller Mord- und Vergewaltigungsdrohungen, meistens beidem, blockiere ich Twitter- und Facebook-NutzerInnen reflexartig. Ich bin taub geworden. Bekannte im Westen raten mir, sie zu melden. Doch wem? Einem westlichen Gehirn fällt es schwer zu begreifen, dass in einer Demokratie juristische Institutionen fehlen, die oppositionelle Stimmen vor der Regierung schützen würden. Doch genau so ist es.

Attackiert wurde ich erstmals 2012, als ich wegen eines Artikels über das Roboski-Massaker unweit der türkisch-irakischen Grenze meinen Job verlor. Die Internet-Trolle waren damals ideologisch motiviert und schlau genug, sich als liberale DemokratInnen auszugeben. Heute könnten die Drohungen vulgärer nicht sein, ohne jegliche Ideologie. Vermutlich liegt das daran, dass sie die Gülen-Bewegung – einst die Personalabteilung der AKP – nicht mehr an ihrer Seite wissen.

20. April: Einige RegierungsgegnerInnen sind deprimiert, doch die meisten voller Zuversicht, weil sie endlich die Gewissheit haben, in der Türkei die Mehrheit zu stellen. Die Demonstrationen gehen weiter, doch die CHP zögert, die Führung zu übernehmen. In der Partei mehren sich Stimmen, die einen Rückzug aus dem Parlament fordern, um die Illegitimität der Regierung sichtbar zu machen, doch die Parteiführung widerspricht solchen Aussagen sofort. Die ambivalenten Reaktionen machen die bereits chaotische Situation noch schlimmer. Nach vier Tagen ist es zu spät, die unrechtmässige Entscheidung der Wahlbehörde zurückzunehmen, ungestempelte Stimmzettel gelten zu lassen. Und selbst wenn sie die Entscheidung rückgängig machen würde: Weil auch die ungestempelten Stimmzettel inzwischen vermutlich gestempelt wurden, liesse sich Wahlbetrug nicht mehr nachweisen. Die Niederlage sei zu akzeptieren, heisst es vonseiten der Regierung. So verliert man sein Land, sage ich zu mir selbst. Viel Abrakadabra und eine demokratische Farce, geschmückt mit Variationen eines Fait accompli.

22. April: Ich bin auf dem Weg nach Italien zur Santa Maddalena Writers Residency, die buchstäblich mitten im Nirgendwo liegt. Die Fahrt dauert den ganzen Tag – und als ich endlich in Sant’Ellero ankomme, lässt sich die Zugtür nicht öffnen. Nach diesem ausgedehnten Abenteuer lande ich im berühmten «Turm», in dem schon viele AutorInnen ihre Bücher geschrieben haben. Baroness Beatrice, die Schirmherrin des Anwesens, erwartet mich – und nur wenige Minuten nach meiner Ankunft rede ich bereits über das Referendum. Man kann der Türkei nicht entfliehen, selbst inmitten eines toskanischen Tals nicht.

23. April: Ich schäme mich zuzugeben, dass ich keines der Bücher von Joseph Brodsky gelesen habe, dem russischen Dichter und Nobelpreisträger. Dimiter Kenarov, der andere Writer in Residence, erzählt beim Frühstück von Brodsky, später holt er den Essayband «Von Schmerz und Vernunft» aus der gigantischen Bibliothek. Darin befindet sich auch ein Essay, in dem Brodsky die Banalität des Exils beschreibt. Der grossartige Text über die Bedingungen des Exils und über die Rolle des Exils in der Kunst und im Leben endet mit einem sehr wichtigen Satz: «Scheitert ein freier Mensch, gibt er niemandem die Schuld.»

Ich überlege, die Rolle des Opfers nicht nur abzulehnen, sondern auch so lange darüber zu spotten, bis das Ganze zu einem Witz wird. «Wenn ich mir die Drohungen gegen mich anschaue, ist die Qualität der Internet-Trolle auf ihrem Allzeittief angelangt. Das ist schrecklich beunruhigend», twittere ich. Ich gebe mich gleichgültig – in der Hoffnung, es irgendwann zu sein.

Ece Temelkuran (43) ist Schriftstellerin, Journalistin und Juristin. Sie lebt derzeit in Zagreb. Gerade ist ihr Roman «Stumme Schwäne» bei Hoffmann und Campe erschienen. An dieser Stelle führt Temelkuran bis auf weiteres ein Tagebuch über das Geschehen in der Türkei.

Aus dem Englischen von Anna Jikhareva.

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