Nr. 18/2017 vom 04.05.2017

Werber des Jahres

Das Crowdfunding für die «Republik» zeigt den Medienkonzernen: Geld lässt sich nicht nur mit Handywerbung verdienen.

Von Kaspar Surber

Was ist die Schweiz nur für ein enorm reiches Land! So könnte die erste Schlagzeile lauten, die vom neuen Onlinemagazin «Republik» bleiben wird. Innert weniger Tage zahlten mehr als 10 000 Personen je 240 Franken ein, um dem Magazin den Start auf Anfang des kommenden Jahres zu ermöglichen. Die InitiantInnen vermeldeten bald einen «Weltrekord für journalistisches Crowdfunding», auch wenn die Startvoraussetzungen für einen solchen Rekord global betrachtet eher ungleich verteilt sind.

Dennoch hat der neue Volkssport des Crowdfundings einen ausgleichenden Effekt. Aus vielen kleinen UnterstützerInnen wird ein Millionär oder eine Millionärin. Dies gelang bereits beim dringenden Aufruf gegen die «Durchsetzungsinitiative» vor eineinhalb Jahren. Rund 1,2 Millionen Franken kamen damals für Plakate und Inserate gegen eine massive Verschärfung des Ausländerrechts zusammen. Wichtiger als das sichtbare Ergebnis war dabei das Gefühl, Teil einer Bewegung zu sein, die gemeinsam die Angst überwindet: die Befürchtung, dass sich im Zweifelsfall die SVP oder wahlweise auch die Wirtschaftsverbände mittels massiver Werbung noch immer die Meinung kaufen konnten.

Den Unmut über die Käuflichkeit der Medien hatte bereits ein früheres Crowdfundingprojekt zum Ausdruck gebracht. Nachdem sich die SVP im Wahljahr 2015 den gesamten Umschlag der Gratiszeitung «20 Minuten» gekauft hatte, schickte sich ein Student an, es ihr gleichzutun. Mehr als 12 000 Personen spendeten damals, um rund 150 000 Franken zusammenzubringen. Kurz vor den Wahlen erschienen ihre Namen als Statement auf der Titelseite.

In den Chefetagen der Medienkonzerne scheint die Botschaft bis heute nicht verstanden worden zu sein. Als hätte es einen letzten Beweis gebraucht, dass sie die Werbung über den Journalismus stellen, gab Tamedia letzte Woche die gesamte Ausgabe von «20 Minuten» für die Promotion eines Smartphone-Produzenten her.

Mit Gespür für die Gegenwart

Die «Republik» sammelte mittels Crowdfunding bis jetzt 2,6 Millionen. Hinzu kommen 3,5 Millionen, die InvestorInnen zugesagt haben. Gemäss dem Versprechen der InitiantInnen um die Journalisten Constantin Seibt und Christof Moser soll die Gewaltenteilung gewahrt bleiben: Weder die RedaktorInnen noch die LeserInnen noch die InvestorInnen sollen allein über das Geld bestimmen können.

Die «Republik» hat sich mit ihrer Namensgebung tief in der Vergangenheit verortet, im Ausgang der Aufklärung und in der Gründung der modernen Schweiz, mit der auch die Pressefreiheit erstritten wurde. Ihr geschichtsträchtiges Pathos überdeckt, dass Seibt und Moser ein untrügliches Gespür für die Gegenwart bewiesen haben: für den Überdruss der LeserInnen, sich von den Konzernen länger für dumm verkaufen zu lassen. Für das Bedürfnis der BürgerInnen, sich in neuen Konstellationen zusammenzufinden.

Auch wenn es keine besondere Tat ist, ein Bild von sich als «Republik»-Mitglied auf Facebook zu posten, erst recht nicht in einer massenhaften Euphorie, so ist das digitale Zusammengehörigkeitsgefühl real. Dieses wird es für eine längerfristige Finanzierung auch brauchen: Wenn LeserInnen für ihren Beitrag keine gedruckte Zeitung mehr erhalten, ist ihre Identifikation mit einer Marke, einer Idee umso wichtiger.

Ein Paradox bleibt

Umso entscheidender wird die Frage, ob sich der Journalismus der «Republik» tatsächlich vom Mainstream unterscheiden wird. Bisher ist das Projekt, das sich von der Werbedominanz in den Medien absetzen will, paradoxerweise ein gigantischer Marketingcoup. Auch wenn er einen Bruch mit dem System inszeniert, blieb er diesem in sich treu: in der Formsetzung als Start-up-Unternehmen, in der Personalisierung seiner InitiantInnen, in der Quantifizierung der Promotion – für 2000 zusätzliche Mitgliederbeiträge wurde während des Crowdfundings eine neue Arbeitskraft in Aussicht gestellt.

Als WOZ-MitarbeiterInnen wurden wir in den letzten Tagen häufig gefragt, ob wir einen neuen Konkurrenten fürchteten. Im Gegenteil freuen wir uns über ein weiteres unabhängiges Medium, das den Journalismus ins Zentrum stellt. Die Botschaft, dass sich nicht nur mit Handys, sondern auch mit Journalismus Geld verdienen lässt, sollte den Medienkonzernen zu denken geben. Was heisst da «mit Journalismus» – allein schon mit der Hoffnung darauf.

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