Nr. 20/2017 vom 18.05.2017

«Gott, ich mache denselben Scheiss wie mein Vater»

Mit seinem Buch über toxische Männlichkeit hat der junge britische Journalist Jack Urwin einen Nerv getroffen. Als Gleitmittel, damit Männer mehr miteinander reden, empfiehlt er: Bier.

Von Miriam Suter (Text) und Ursula Häne (Foto)

Die Männlichkeit sei nicht in der Krise, sagt Jack Urwin (25), sie sei bloss verwirrt.

In der englischen Industriestadt Loughborough steht ein dicker Junge mit blondem Topfschnitt vor einem Backsteinhaus und winkt die Ambulanz heran. Die Notärzte parkieren den Wagen, hasten heraus, der dicke Junge wird von seiner Mutter mit den beiden Geschwistern zu den Nachbarn geschickt, sie eilt zurück ins Haus, wo ihr Mann auf der Toilette zusammengebrochen ist. Stunden später die Gewissheit: Der Vater ist tot, gestorben an den Folgen eines Herzinfarkts. Die Familie kehrt in die Küche zurück, in der bis vor kurzem das Hähnchen im Ofen für das Sonntagsdinner schmorte, auf der Brust des toten Vaters schnurrt Familienkatze Whisper. Der kleine Junge heisst Jack Urwin und ist knapp zehn Jahre alt.

Bei der Obduktion entdecken die Ärzte Narbengewebe auf dem Herzen des 51-Jährigen, Zeichen eines früheren Herzinfarkts, die Mutter findet Wochen später in Manteltaschen und Aktenkoffern nicht verschreibungspflichtige Medikamente gegen Herzprobleme. Der Vater muss sich seit Jahren seines schwachen Herzens bewusst gewesen sein – in der Familie wusste niemand davon, auch zum Arzt ging er nie, bloss keine Schwäche zeigen. Beim Einzug in das Einfamilienhaus verlegte der Vater lieber alle Leitungen eigenhändig, als jemanden um Hilfe zu bitten. Ein geschäftiger, konservativer Brite, der zu Hause am liebsten Queen und Abba hörte – und sein Herz so lange nicht öffnen konnte, bis es ihn ins Grab brachte.

Buchbefehl von Laurie Penny

Gut zwölf Jahre später fing Jack Urwin an, das Erlebnis zu verarbeiten. 2014 schrieb er, damals 22 Jahre alt, für das «Vice»-Magazin einen Essay über die Unfähigkeit seines Vaters, darüber zu sprechen, was ihn bedrückt, und wie viele andere Männer davon geplagt seien. Der Text mit dem Titel «A Stiff Upper Lip Is Killing British Men» schlug ein wie eine Bombe, noch am Tag der Veröffentlichung wurde er Abertausende Male in den sozialen Medien geteilt.

Am gleichen Abend steht Urwin, der damals in London Journalismus studiert, hinter dem Tresen einer Bar und poliert Biergläser. Sein Handy blinkt auf, eine gewisse Laurie Penny hat ihm eine Nachricht auf Twitter geschickt: «Dein Artikel ist fantastisch, daraus musst du ein Buch machen!» Urwin, der bis dahin gerade mal zwei Artikel veröffentlicht hatte, zögert, lässt sich dann aber doch von der britischen Autorin und Feministin überzeugen.

Penny stellt für Urwin den Kontakt zu ihrem Verlagsagenten her, und das Ergebnis ist jetzt auch auf Deutsch erschienen: «Boys don’t cry: Identität, Gefühl und Männlichkeit» ist eine Mischung aus Essay und persönlichem Manifest, auf etwas über 200 Seiten. Obschon sich Urwin im Buch zuweilen wiederholt, ist dem 25-Jährigen eine messerscharfe Abhandlung über moderne Männlichkeitsbilder und die destruktive Gewalt verdrängter Gefühle gelungen, über Vergewaltigungskultur, Männerbilder im Militär und in der Beziehung.

Jack Urwin schreibt über «toxische Männlichkeit» und über die Tatsache, dass die Selbstmordrate von Männern im Westen bis zu drei Mal höher liegt als jene von Frauen, dass Männer ihre Probleme lieber wegtrinken, als darüber zu sprechen – und infolgedessen öfter alkoholabhängig werden –, um sich nach einem Fussballmatch gegenseitig und zu Hause ihre Frauen zu verprügeln.

Ritzen und schweigen

«Söhne werden ihre Väter werden ihre Söhne», schreibt Urwin an einer Stelle in seinem Buch. Als Teenager ritzt er sich die Arme, stets darauf bedacht, dass die Wunden von Hemdsärmeln verdeckt werden können. Mit Anfang zwanzig kämpft er mit schweren Depressionen und hat Mühe, diese einzuordnen, denkt, er sei einfach nur sehr traurig, und kommt deshalb tagelang nicht aus dem Bett. Darüber sprechen kann er weder mit seiner Mutter noch mit seinen engsten Freunden. Söhne werden ihre Väter werden ihre Söhne: Sie schweigen.

Unterstützung bekommt Urwin vor allem von den Frauen in seinem Leben: Seine Freundin hilft ihm aus einer seiner schwersten Depressionen, die Beziehung zerbricht dennoch kurze Zeit später. Für Urwin beginnt eine Zeit der Selbstreflexion («Gott, ich mache gerade denselben Scheiss wie mein Vater»), und er beschliesst, ein besserer Mann zu werden. Einer, der Gefühle zulässt.

Männer müssten vor allem von Männern hören, wie sie ihre Probleme überwinden können, findet Urwin. Und ironischerweise funktioniere das besonders gut über gemeinsames Trinken: «Bier wirkt nun mal wie ein gesellschaftliches Gleitmittel.» Nachdem Urwins Artikel veröffentlicht wurde, fingen auch bei seinen engsten Freunden an, die sorgsam aufgebauten Fassaden zu bröckeln: Fast jeder von ihnen kämpft mit Angstzuständen, Panikattacken und Depressionen, ein Leben lang tief im Schweigen vergraben, hervorgelockt von rund 8000 Zeichen Text und ein paar Pale Ales.

«Geht es dir gut?»

Was also führt dazu, dass auch Männer weinen dürfen? «Mehr miteinander reden», findet Urwin. «Fragt die Männer in eurem Leben: ‹Geht es dir gut?›» Und anerkennen, dass Eigenschaften, die die Gesellschaft typischerweise Männern zuordnet, nicht in Stein gemeisselt sind. Die aktuelle feministische Welle sei auch eine Chance für Männer, sagt Urwin, die Männlichkeit befinde sich nicht in der Krise, sie sei nur verwirrt.

Jack Urwins Buch ist kein neuer feministischer Meilenstein, dessen ist er sich bewusst: «Seit Jahrzehnten schreiben Autorinnen über diese Anliegen – aber vielleicht brauchte es mein Buch, damit ihnen auch die Männer zuhören, die sich vom Feminismus abgeschreckt fühlen.» Für Menschen mit einer Affinität zu Genderthemen dürfte das Buch zeitweise etwas stereotyp daherkommen. Für andere wird es, wie es Moderator Mikael Krogerus bei Urwins Lesung im gut gefüllten Zürcher Literaturhaus schön sagte, das «schmerzhafteste und beste Buch sein, das Sie dieses Jahr lesen werden».

Urwin trinkt heute übrigens lieber Wein als Bier und auch viel weniger als früher, «ich trinke nicht mehr so viel, seit ich glücklicher bin».

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