Nr. 20/2017 vom 18.05.2017

«Das wichtigste Prinzip ist die Auflösung der Autorschaft»

Die Dropbox als Basis: Das AutorInnenkollektiv L’Ajar aus der Romandie erarbeitet gemeinsam Texte. Kürzlich erschien mit «Vivre près des tilleuls» sein erster Roman.

Von Johanna Lier

Couleurs et Saveurs heisst das Café. An diesem Frühlingsmorgen treffe ich Fanny Wobmann, Bruno Pellegrino und Daniel Vuataz in der Genfer Altstadt. Die zwei Autoren und die Autorin sind Mitglied von L’Ajar – Association de jeunes auteur-e-s romandes et romands. 2012 gegründet, ist das Collectif littéraire ein Bündnis von zwanzig AutorInnen, die eine einsame KünstlerInnenexistenz gegen das gemeinschaftliche literarische Arbeiten getauscht haben. Im Lauf des Jahres entwickelte sich das Bündnis zum Labor für neue Formen der kollektiven Literaturproduktion. Wobei auch die kulturpolitischen Interessen der jungen AutorInnen im Raum standen. Obwohl sie regelmässig geschrieben und Preise gewonnen hätten, seien sie im Literaturbetrieb kaum wahrgenommen worden: «Wir hatten kein erstes Buch veröffentlicht, also existierten wir nicht», sagt Daniel Vuataz. «Und wir wollen Geld verdienen. Literarische Arbeit soll angemessen entlöhnt sein.» Fanny Wobmann jedoch betont, der Wunsch nach gemeinschaftlichem Arbeiten sei der Hauptgrund ihrer Treffen und der Gründung von L’Ajar gewesen: «Wir sind eine Plattform. Wir kreieren zusammen literarische Texte.»

Über die ganze Romandie verstreut

Für das kanadische Festival «Québec en toutes lettres» erfand das Kollektiv 2014 die Schriftstellerin und Feministin Esther Montabon mit einem bewegten, politisch aktiven Leben, das vom tragischen Tod der einzigen Tochter überschattet war. Sie hätten nie geplant, einen Roman zu schreiben, sagt Fanny Wobmann, das Festival war jedoch Anlass für die Geburt dieser literarischen Figur, der Rest entwickelte sich wie von selbst. Für jede Etappe des Buchs gab es eine Arbeitsgruppe. Eine Gruppe kümmerte sich um das Organisatorische, eine erstellte die Biografie der Protagonistin, eine weitere deren Werk, eine Gruppe kümmerte sich um die Titel, eine andere überarbeitete. Auch Montage und Dramaturgie werden von einzelnen übernommen.

Wer schreibt, gibt seine Fragmente vollständig ab. «Sobald ich die Texte abschicke, gehen sie in den Besitz des Kollektivs über. Ich habe absolut keine Kontrolle darüber, was andere Arbeitsgruppen mit meinen Beiträgen machen. Da kommt keiner und fragt, ob er dieses Komma weglassen darf», erzählt Pellegrino, und Vuataz ergänzt: «Das wichtigste Prinzip von L’Ajar ist die Auflösung der Autorschaft.» Und doch gibt es keine Einigkeit im Stil. Es gibt Autoren, die Krimis verfassen, Autorinnen, die Lyrik schreiben, andere sind im Theater tätig. Es existiert keine L’Ajar-Schule. Alle partizipieren aus ihrem eigenen Universum an der kollektiven Textproduktion. 2016 erschien das Gemeinschaftswerk unter dem Titel «Vivre près des tilleuls» im renommierten Verlagshaus Flammarion.

Und wie schaut denn so ein Arbeitstag bei L’Ajar aus? Daniel Vuataz lacht: «Wir haben ein grosses Haus in einem wunderbaren Park.» Doch Bruno Pellegrino unterbricht: «Also, du nimmst den Zug und schaust, dass du Internetzugang hast. Dann schreibst du Mails oder Textfragmente und deponierst deine Beiträge anonym in einer Dropbox. Das ist die Basis unserer Arbeit.» Die Mitglieder von L’Ajar leben über die ganze Romandie verstreut. Einmal im Jahr trifft man sich zur Mitgliederversammlung des Vereins. In der Dropbox jedoch werden die Ideen gelagert. Dort wird auch die Kommunikation über zu lancierende Projekte geführt.

Doch auf eine Praxis des Self Publishing wollen sie sich auf keinen Fall einlassen. «Das wäre ein anderer Beruf», sagt Vuataz, «Lektorat, Korrektorat und Vertrieb könnten wir gar nicht bewältigen», und Pellegrino fährt fort: «Das interessiert uns nicht. Es geht uns ja nicht nur um das Objekt Buch. Wir experimentieren mit den unterschiedlichsten Formen literarischer Produktion. Transdisziplinäre Lesungen, Performances, Aktionen, kollektive Workshops, Schulhausroman.» Auch in diesen Bereichen wendet das Kollektiv das Prinzip der Arbeitsgruppen an und teilt die einzelnen Arbeitsschritte innerhalb der künstlerischen Produktionskette konsequent auf.

Obwohl alle zwanzig Mitglieder von L’Ajar zusätzlich ihrer individuellen künstlerischen Tätigkeit nachgehen, kehrt das Gespräch immer wieder auf das Gemeinschaftliche, die anonyme Autorschaft zurück. In der durch Leistungs- und Konkurrenzdenken und Unsicherheit geprägten Zeit gebe es offensichtlich ein starkes Bedürfnis nach kollektiven Formen, betonen alle drei. Das zeige sich auch in der intensiven Reaktion von Journalistinnen und Lesern auf diesen besonderen Aspekt ihrer Produktionsweise.

Provozierte Überraschungen

Hat das Kollektiv die Literaturszene in der Westschweiz verändert? Dazu Bruno Pellegrino: «Allein die Tatsache unserer Existenz hat einiges verändert. Das Bild des einsamen, genialen Autors ist immer noch ein Zeichen für Professionalität. Unsere Aktivitäten zeigen jedoch alternative Produktionsformen zum ‹traditionelleren› Literaturbetrieb auf und geben vielen Leuten das Vertrauen in solche Arbeitsweisen.» Doch die Arbeit bei L’Ajar hinterlässt auch ihre Spuren bei den beteiligten AutorInnen. Im Vorfeld wissen sie nie, was sie für L’Ajar schreiben und was dabei herauskommt. Diese durch andere Mitglieder provozierten Überraschungen machen sich wiederum in der individuellen Textproduktion bemerkbar. «Auch das Verhältnis zu mir als Autor wandelt sich: Inwieweit nehme ich mich allzu ernst? Persönlich kann ich sagen, dass ich durch L’Ajar die Romandie entdeckt habe. Wir leben ja überall verstreut», fügt Bruno Pellegrino an, und Daniel Vuataz hält fest: «Solange das kollektive Tätigsein interessanter ist als das vereinzelte Arbeiten, wird L’Ajar überleben.» Fanny Wobmann lacht: «Es gab ja immer Bewegungen oder Gruppen, die Konventionen gebrochen haben. In der Literaturszene hingegen sind die Traditionen stark verankert. Da gibt es noch viel zu tun. Aber wir wollen nicht die Literatur verändern. Da ist einfach diese grosse Lust, ungewohnte Projekte zu realisieren. Unsere Basis ist das Vertrauen, die Freundschaft und der Respekt. Uns verbindet eine Art Magie.»

Das Buch erscheint im Herbst 2017 auf Deutsch im Lenos Verlag unter dem Titel «Unter diesen Linden», übersetzt von Rolf und Hilde Fieguth.

Das AutorInnenkollektiv liest in Solothurn am Fr, 26. Mai 2017, um 20 Uhr, am Sa, 27. Mai 2017, um 16.30 Uhr und am So, 28. Mai 2017, um 14 Uhr. www.jeunesauteurs.ch

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