Nr. 20/2017 vom 18.05.2017

Ist das noch Rotes Wien oder schon neogrüner Kapitalismus?

Am Stadtrand Wiens entsteht bis 2028 die Seestadt Aspern, ein neuer Stadtteil für 20 000 Menschen. Ein Zukunftslabor für das 21. Jahrhundert? Oder ein Refugium des suburbanen Spiessertums?

Von Jonas Aebi, Wien

Die Fahrt mit der U2 dauert eine halbe Ewigkeit. Von der Stadtmitte aus führt sie über die Donau, dann durch die Vorortssiedlungen und Industriegebiete des 22. Bezirks. Nach dreissig Minuten geht es nur noch durch Wiesen, bis am Horizont Baukräne und Häuser erscheinen. Hier am nordöstlichen Rand Wiens baut die Stadt auf einem stillgelegten Militärflugplatz ihr Jahrhundertprojekt der Stadterweiterung: die Seestadt Aspern. Bis 2028 werden in dieser «Stadt in der Stadt» über 20 000 Menschen ein neues Zuhause finden. Genauso viele Arbeitsplätze sollen entstehen.

Das 2003 initiierte Projekt sei nicht weniger als die «Stadt für den Lebensstil des 21. Jahrhunderts», ein «Zukunftslabor und Vorzeigeprojekt zugleich». Die Slogans in den Prospekten verheissen viel. Doch gleichzeitig ist Aspern ein Stadtteil, in dem Marketingstrategien das Zusammenleben der BewohnerInnen bestimmen und die rechtspopulistische FPÖ stärkste Partei ist.

Auch in Wien steigen die Mieten

Die rot-grüne Regierung Wiens will mit der Seestadt ihre Vorreiterrolle in der Stadtentwicklung weiterführen, die sie während des 20. Jahrhunderts lange Zeit einnahm. In den zwanziger Jahren betrieb das Rote Wien eine sozialistische Wohnpolitik, nach dem Zweiten Weltkrieg führte die sozialdemokratisch regierte Stadt diese Politik weiter. Glaubt man den Städterankings, so ist Wien dank tiefer Mietpreise, ausgebauter sozialer Infrastruktur und vielfältiger Kulturangebote die lebenswerteste Stadt der Welt – noch vor Zürich.

Doch die städtischen Herausforderungen des neuen Jahrhunderts sind auch in Wien angekommen. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und der Osterweiterung der EU ist die Stadt ins Zentrum des mittel- und osteuropäischen Raums gerückt. Wien ist attraktiv – für Menschen und Kapital. Die 1,8-Millionen-Stadt wächst, seit 2012 um über 20 000 Menschen pro Jahr. Bis 2030 wird sie über zwei Millionen EinwohnerInnen haben. Um mit dem Bevölkerungswachstum Schritt zu halten, sollen jährlich etwa 13 000 neue Wohnungen gebaut werden. Gleichzeitig steigen auch in Wien die Mieten, die Bodenpreise in der Innenstadt sind in die Höhe geschnellt. Wie geht man in der angeblich lebenswertesten Stadt der Welt mit diesem neuen Druck um? Und was taugen die Konzepte der Seestadt Aspern, um Wien auch im neuen Jahrhundert zu einer sozial gerechten Stadt zu machen?

Um von der U-Bahn-Station in das bereits gebaute Viertel der Seestadt zu gelangen, durchquert man als Erstes eine riesige Baustelle. Das meiste in der Seestadt ist vor allem eines: noch nicht hier. «Die Seestadt ist nicht, sie wird», lautet ein beliebter Satz bei den PlanerInnen. Allerdings leben hier schon über 6000 Menschen, Ende 2014 sind die ersten BewohnerInnen eingezogen. Die Strassen sind an diesem trüben Nachmittag jedoch ziemlich leer, etwas trostlos ragen die jungen Bäume aus dem Asphalt. Vieles wirkt noch steril. Die Häuser sind mit ihren verwinkelten Formen und versetzten Balkonen im gängig modernistischen Stil gebaut: Es haben sich jetzt schon viele ArchitektInnen in der Seestadt verwirklicht.

Will man als Journalist die Seestadt Aspern besuchen, wird man direkt an die PR-Abteilung der Wien 3420 Development AG verwiesen. Die Aktiengesellschaft wurde gegründet, um die Bodenverkäufe zu verwalten. Denn die Stadt baut nicht selbst, sie verkauft den Boden an private und gemeinnützige Bauträger. Die Wien 3420 begleitet die Entwicklung der Seestadt, schreibt Wettbewerbe für die öffentlichen Räume aus und setzt städtebauliche Richtlinien. Denn als die Regierung 2007 den Masterplan des schwedischen Architekten Johannes Tovatt veröffentlichte, hagelte es Kritik. Die Stadt wird um einen zentralen, künstlich angelegten See erbaut, die von ihm wegführenden Strassen werden weiter draussen durch eine Ringstrasse verbunden. Ein konservativer Bebauungsplan sei dies, lauteten die Vorwürfe, er gleiche einem Stadtplan aus dem 18. Jahrhundert. Es sei unvermeidlich, dass diese Stadt aus der Retorte zu einer Schlafstadt verkommen werde.

Unter ExpertInnen scheint die Kritik heute vorwiegend der Neugierde gewichen zu sein. Die Seestadt gewinnt zahlreiche internationale Auszeichnungen, vor allem punkto Nachhaltigkeit – im Marketing spricht man von einer «Smart City». Aus dem Aushub des angelegten Sees wurden Baumaterialien hergestellt, Gebäude werden mit höchster Energieeffizienz gebaut, geheizt wird mit Solarenergie, Umgebungs- und Abwärme. Noch bevor die ersten Gebäude errichtet wurden, erweiterten die Wiener Linien die U2 bis zur Seestadt. Vor Ort soll eine Stadt der kurzen Wege entstehen, in der die BewohnerInnen all ihre Grundbedürfnisse zu Fuss, mit dem Rad oder dem Bus erledigen können. Die Einnahmen der sechs Sammeltiefgaragen fliessen in Mobilitätsprojekte. So ist bereits ein kostenloser Radverleih entstanden, bei dem auch Elektro- und Lastenräder gemietet werden können.

Grüne Oase der Mittelschicht?

Das Zentrum des bereits gebauten Viertels liegt an der Maria-Tusch-Strasse. Wie alle Strassen der Seestadt trägt sie einen Frauennamen, sie ist nach einer in der Zwischenkriegszeit aktiven Politikerin der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei benannt. Ein Kleinstadtgefühl kommt auf, hier gibt es von einer Apotheke über einen Bioladen bis zum Bäcker bereits viele kleine Geschäfte. Um die Strassen zu beleben, wird den Bauträgern vorgeschrieben, ihre Erdgeschosse für öffentliche Nutzungen zu reservieren, die Wien 3420 koordiniert deren Vergabe. In der Maria-Tusch-Strasse hat sie mit dem Spar-Konzern eine «gemanagte Einkaufsstrasse» geschaffen – sozusagen ein Freilufteinkaufszentrum, bei dem alle Geschäfte vom Hauptfranchisenehmer verwaltet werden.

Gleich daneben liegt der Hannah-Arendt-Platz. Hier entsteht der «Bildungscampus», in dem Kinderhorte und Schulen untergebracht sind. Auf dem Spielplatz tollen die Kinder, die Eltern unterhalten sich nebenan. Die Seestadt ist besonders für junge Paare und Familien attraktiv, die überwiegend aus anderen Bezirken der Stadt hierherziehen. In einer Bevölkerungsbefragung sagten über vierzig Prozent der Befragten, sie seien nach Aspern gekommen, weil sie im Grünen leben wollen. Ist die Seestadt einfach eine Neuauflage der städtischen Sehnsucht nach ländlicher Idylle, die einst die Mittelklasse in die Einfamilienhäuser der Vororte trieb?

Zumindest die Gemeindewahlen von 2015 zeigten Erstaunliches: Ausgerechnet im Vorzeigeprojekt der rot-grünen Regierung erzielte die rechtsnationale FPÖ mit etwa 36 Prozent der Stimmen das beste Resultat. Die SPÖ, die das einzige Parteibüro in der Seestadt unterhält, wurde mit 34 Prozent nur zweitstärkste Kraft; die Grünen erreichten immerhin beachtliche 15 Prozent. «Ich mach doch mein Wahlverhalten nicht abhängig davon, von wem meine Wohnung finanziert worden ist», sagte ein Bewohner der Sendung «Am Schauplatz» von ORF 2, als sich Reporter nach der Wahl in Aspern umhörten. Es sei nicht die Seestadt, sondern die allgemeine politische Lage, die zu diesem Resultat geführt habe. Alle Interviewten betonten, wie respektvoll die angeblich aus über 25 Nationen stammenden Menschen in der Seestadt miteinander umgingen. Ein aus der Innenstadt zugezogener Bewohner sagte aber auch: «Ich versteh eigentlich nicht, dass es an jeder Ecke einen Kebab geben muss. Ich möchte auch Palatschinken und Blutwurst essen. Das ist unsere Tradition.» Die Seestadt als Fluchtort vor «Multikulti» aus der Innenstadt? Als im selben Jahr Zehntausende MigrantInnen über die Balkanroute am Hauptbahnhof Wien ankamen, wollte die Stadt ein temporäres Flüchtlingszentrum in Aspern errichten. Dagegen formierte sich Widerstand vor Ort, sodass die Stadt das Projekt stillschweigend aufgab. Immerhin gibt es auch Gegenbewegungen, BewohnerInnen haben eine Initiative zur Unterstützung von Flüchtlingen gestartet und organisieren Solidaritätskonzerte in der Seestadt.

Die Stadt selbst will verhindern, dass die Seestadt eine grüne Oase für die österreichische Mittelschicht wird, sie strebt eine soziale Durchmischung an. Dafür setzt sie auf einen Mix aus marktorientierten und gemeinnützigen Wohnbauten. Im bereits realisierten Teil der Seestadt sind über neunzig Prozent der Wohnungen mit Subventionen oder Darlehen von der Stadt gefördert worden, im gerade entstehenden Seeparkquartier werden es hauptsächlich privat finanzierte sein. Die Mieten in der Seestadt sind – auch wegen des günstigen Baulands – im Schnitt tiefer als in der Innenstadt. Für eine von der Stadt geförderte, sechzig Quadratmeter grosse Dreizimmerwohnung bezahlt man in der Seestadt maximal 450 Euro brutto und ein einmaliges Darlehen von 5400 Euro. Zumindest auf dem Papier setzt die Stadt damit Massstäbe für eine sozialverträgliche Stadterweiterung.

Neue gemeinschaftliche Wohnprojekte

Am südlichen Ende der Maria-Tusch-Strasse, wo die grünen Felder wieder beginnen, steht das Baufeld D13. Hier sind fünf Wohnprojekte mit etwa 170 Wohnungen von sogenannten Baugruppen entstanden. Die Baugruppen haben ihre Häuser gemeinsam mit den ArchitektInnen geplant und mit Fördergeldern der Stadt gebaut. Ähnlich etwa der Zürcher Kalkbreite wirken die Häuser wie kleine Experimentierfelder gemeinschaftlichen Lebens, sie sind selbstverwaltet, es gibt grosszügige Gemeinschaftsflächen, mittels vertragslandwirtschaftlicher «Foodcoops» liefern umliegende BäuerInnen Lebensmittel direkt in die Häuser. Im Haus der Baugruppe LiSA (Leben in der Seestadt Aspern) treffe ich Christoph Schwegelbauer. Von aussen werde viel Negatives über die Seestadt geschrieben, meint der 55-jährige IT-Spezialist. «Doch wenn man die Leute hier fragt, merkt man, dass sich viele wohlfühlen.» Er lebe gerne in der Seestadt, auch wenn die öffentlichen Plätze noch nicht so rege genutzt würden. «Es gibt hier mehr Intimität. Auf der Strasse grüsst man sich hier viel mehr als in der Innenstadt.» Doch er ergänzt: «Aber letztlich soll ja auch hier eine urbane Lebensqualität entstehen.»

In der Baugruppe LiSA habe verhindert werden können, dass sich nur die Mittelschicht die Wohnungen leisten könne, sagt Schwegelbauer. Dank interner Umverteilungsmechanismen leben hier auch viele Menschen, die weniger als 2000 Euro pro Monat verdienen, zudem wurden zwei Wohnungen für betreute SeniorInnenwohngemeinschaften zur Verfügung gestellt. In den Gemeinschaftsräumen der Baugruppen fänden viele Workshops, Yogakurse, Kindertheater oder Chorproben statt. «Diese Veranstaltungen werden auch von anderen Leuten der Seestadt besucht», sagt Schwegelbauer. Der Gemeinschaftsgedanke der Baugruppen strahlt auch auf die Nachbarschaft aus.

Im österreichischen Genossenschaftswesen dominieren die grossen gemeinnützigen Bauträger, es ist wegen der komplizierten Gesetzeslage nahezu unmöglich, eine neue, kleine Genossenschaft zu gründen. Doch 2009 starteten PionierInnen eine Baugruppe, um ein neues gemeinschaftliches Wohnprojekt zu realisieren. Sie gründeten den «Verein für nachhaltiges Leben» und spannten mit einem grossen gemeinnützigen Bauträger zusammen, der für den Verein einen Wohnbau auf dem ehemaligen Nordbahnhofgelände realisierte. Das «Wohnprojekt Wien» eröffnete 2013, heute leben dort etwa hundert Menschen. Der Erfolg des «Wohnprojekts Wien» hat nicht nur eine Welle von Baugruppenprojekten ausgelöst, er hat auch das Interesse der Regierung und besonders der Grünen geweckt. Auf dem Baufeld D13 der Seestadt Aspern hat Wien zum ersten Mal einen Wettbewerb nur für Baugruppen ausgeschrieben. Seither werden in vielen Neubauprojekten Baufelder für gemeinschaftliche Wohnprojekte reserviert. Die Baugruppen haben so wieder Bewegung von unten in die Stadtentwicklung Wiens gebracht. Doch für Schwegelbauer ist klar: «Baugruppen sind nur ein Mosaikstein einer erfolgreichen sozialdemokratischen Wohnpolitik.»

Das Ende des Roten Wien

Wie erfolgreich diese Wohnpolitik heute noch ist, ist jedoch umstritten. Der Erfolg ist vor allem ein historischer: Seit dem Roten Wien der zwanziger Jahre setzt die sozialdemokratisch regierte Stadt auf den sozialen Wohnungsbau, der nicht einfach eine Sozialhilfe für die Schwächsten darstellt, sondern der breiten Bevölkerung ein würdevolles Wohnen ermöglichen soll.

So sind heute vierzig Prozent des Wohnungsbestands von Wien Gemeindewohnungen oder mit staatlichen Fördermitteln gebaute Wohnungen. In ihnen wohnen über sechzig Prozent der Bevölkerung. Da die Stadt entgegen dem globalen Trend ihre Gemeindewohnungen nie privatisierte, ist das historische Erbe des Roten Wien bis heute erhalten geblieben. Die Mietpreise sind im europäischen Vergleich immer noch sehr tief. Doch auch in Wien steigen die Mietpreise, die Obdachlosigkeit nimmt seit Jahren zu, und selbst Gemeindewohnungen werden zwangsgeräumt.

Die Wohnpolitik ist wieder zu einem kontrovers diskutierten Thema in der Stadt geworden. Denn im Jahr 2004 gab die Stadt den Bau von Gemeindewohnungen vollständig auf. In den Jahrzehnten zuvor hatte sie den gemeinnützigen Wohnungsbau kontinuierlich den als Aktiengesellschaften oder Genossenschaften organisierten Bauträgern überlassen. So ist der gemeinnützige Wohnungsbau mittlerweile vorwiegend für die Mittelschicht attraktiv: Um eine Wohnung zu erhalten, müssen die Mieterlnnen Eigenmittel einzahlen – Darlehen, die sie beim Auszug zurückerhalten. Bei einer Zweizimmerwohnung in der Innenstadt kann dies schnell um die 25 000 Euro betragen.

Für Menschen, die dieses Geld nicht haben, bleiben nur die älteren Gemeindewohnungen. Doch die Warteliste ist lang. 2012 befanden sich fast 30 000 Menschen darauf. Erst seit 2006 können zudem Menschen ohne EU-Pass eine Wohnung im Gemeindebau beziehen. Allerdings muss man weiterhin zuerst fünf Jahre legal in Österreich gemeldet sein und die letzten zwei Jahre an derselben Adresse in Wien gewohnt haben.

Der Stadtforscher Justin Kadi, der an der Bauhaus-Universität Weimar zur Wiener Wohnungspolitik forscht, spricht von einer Dualisierung des Wohnungsmarkts. «Gerade die Bedürftigsten, etwa neu ankommende Migranten oder Menschen in prekären Lebensverhältnissen, haben Schwierigkeiten, Zugang zum sozialen Wohnungsmarkt zu finden.» Dank starker Mietregulierungen gab es für neuzuziehende ärmere Menschen, MigrantInnen und Studierende auf dem privaten Wohnungsmarkt früher viele kostengünstige Altbauwohnungen mit tiefen Standards. Doch in den letzten dreissig Jahren wurde der Markt durch verschiedene Gesetzesänderungen für das private Kapital attraktiv (vgl. «Wie der Markt am Lack des Roten Wien kratzt» im Anschluss an diesen Text). Besonders in innenstädtischen Gebieten wird viel investiert, die Boden- und Mietpreise steigen. Verdrängung und Spekulation sind auch in Wien angekommen.

Die Regierung hat das Problem erkannt: Der Wohnbaustadtrat Michael Ludwig hat verschiedene Wohnbauinitiativen ins Leben gerufen, um Wohnungen mit viel tieferen Eigenmittelanteilen zu schaffen. Im Wahlkampf 2015 hat die SPÖ auch versprochen, neue Gemeindewohnungen zu bauen. Doch die Planung läuft schleppend, 2018 sollen die ersten 120 Wohnungen entstehen. Ziemlich wenig für eine Stadt, die so schnell wächst wie Wien. Die Stadt habe Mühe, die Kontrolle über den Wohnungsmarkt zu behalten, sagt Kadi.

Die Bodenpreise in der Innenstadt lassen es kaum mehr zu, dass sich dort gemeinnütziger Wohnungsbau finanzieren lässt. Für geförderte Wohnungen bleibt nur noch der Neubau. Doch Neubauten am Stadtrand allein könnten gegen steigende Mieten und Bodenpreise keine Abhilfe schaffen, so der Stadtforscher: «Der Neubau in Wien fügt jährlich nur etwa ein Prozent zum gesamten Wohnungsmarkt hinzu. Das Wohnproblem muss also auch im Bestand gelöst werden.»

Die Seestadt Aspern mag eine Antwort auf das Bevölkerungswachstum in Wien sein. Doch an der Peripherie der Stadt wird sich nicht alleine entscheiden, wie sozial gerecht das Wien des 21. Jahrhunderts wird.

Seestadt als Standortfaktor

Auf der Dachterrasse der Baugruppe LiSA schweift Christoph Schwegelbauers Blick über den Innenhof und die Dächer der Seestadt. «Die Stadt Wien wollte wohl mit den Baugruppen Menschen nach Aspern holen, die ihren ‹Smart-Gedanken› weitertragen.» Die Baugruppen, sagt er scherzhaft, wetteiferten darum, wer mehr Nachhaltigkeitspunkte für ihre Gebäude erhalte.

Der «Smart-Gedanke» scheint die sozialreformerische Ambition der Seestadt. Der «neue Lebensstil des 21. Jahrhunderts» soll vor allem nachhaltig sein, ein Leben auf dem Velo in einer grünen Gemeinschaft, die aktiv von ihren Mitgliedern gestaltet wird. Doch welche ökonomische Vision steckt dahinter?

Eine Aktiengesellschaft ist Stadtentwicklerin, Marketingstrategien werden zur Gemeinschaftsbildung gebraucht. In der Einkaufsstrasse mit dem Namen einer Sozialistin verdient der Spar-Konzern dank Public-Private Partnership kräftig an der Seestadt mit. Der smarte Lebensstil passt gut zur «creative class» der Dienstleistungsökonomie.

Denn letztlich wird auch für die Seestadt entscheidend sein, ob es gelingt, Unternehmen anzusiedeln und den BewohnerInnen Arbeitsplätze vor Ort zu vermitteln. Die Wirtschaftsagentur Wien hat in der Seestadt das Technologiezentrum Aspern IQ gegründet, mit der Pilotfabrik Industrie 4.0 will sie die «Smart City» zu einem Standort der Hightechindustrie machen. Der schweizerische Technologiekonzern Hoerbiger Holding AG hat bereits einen Produktionsstandort eröffnet, die über 500 Beschäftigten sollen hier laut Medienmitteilung der Stadt ein «attraktives, kreativitätsförderndes Arbeitsumfeld» vorfinden. Ohne eine ökonomische Gegenvision, die sich der neoliberalen Logik des Standortwettbewerbs entzieht, drohen selbst die fortschrittlichen Konzepte in der Seestadt zu blossen Ideengebern eines grünen Kapitalismus zu verkommen.

Die Oase am Stadtrand, schrieb der Genossenschaftsforscher Klaus Nory 1981 in Bezug auf die Wiener Siedlerbewegung in den zwanziger Jahren, berge eine «gefährliche Romantik des Dorfes», die freigesetzt werde, wenn ihr reformpolitischer Kontext verloren gehe. In der Seestadt vermischen sich ökologische und sozialreformerische Ideen mit suburbanem Spiessbürgertum, während die Stadt alles daransetzt, Urbanität herzustellen und die Seestadt Aspern im globalen Standortwettbewerb zu positionieren. Doch die Hoffnung bereits jetzt zu verlieren, würde den zukunftsweisenden städtebaulichen Konzepten nicht gerecht werden. Wie sie auf die gesamtstädtische Entwicklung wirken, bleibt offen. Denn die Seestadt ist ja noch nicht, sie wird.

Wiener Wohnpolitik

Wie der Markt am Lack des Roten Wien kratzt

Als nach dem Ersten Weltkrieg in der ehemaligen Kaiserstadt Hunger und Wohnungsnot grassierten, begannen sozialistische ArbeiterInnen, in Selbsthilfe Einfamilienhaussiedlungen zu bauen. Diese Siedlerbewegung erstellte alleine bis 1925 gegen 3000 Wohnungen für über 10 000 Menschen.

Doch ihr Anspruch ging weit über den Bau der Siedlungen hinaus: Am westlichen Rand Wiens gründeten etwa die «Pioniere vom Rosenhügel» 1921 die Genossenschaft Altmannsdorf-Hetzenberg. Dort zeigt der Genossenschaftler Karl Sedlak mit etwas Wehmut, wo früher das Genossenschaftshaus mit dem grossen Festsaal stand: «Alles gab es hier, einen Kindergarten, Ärzte, einen Arbeitersängerverein, einen Arbeiterfischerverein, eine alkoholfreie Gaststätte. Arbeiterkultur in ihrer vollendetsten Form.» Über den genossenschaftlichen Siedlungsbau sollte eine neue sozialistische Gesellschaft «von unten» entstehen.

Um die Wohnungsnot effektiver zu bekämpfen, begann die mit absoluter Mehrheit regierende Sozialistische Arbeiterpartei in den zwanziger Jahren ihr eigenes kommunales Wohnbauprogramm. Die sozialreformerischen Ambitionen der Siedlerbewegung wurden in ein umfassendes Reformprogramm eingegliedert, das als «Rotes Wien» bekannt wurde (siehe WOZ Nr. 15/2012). Die Stadt vergesellschaftete faktisch den gesamten Wohnungsmarkt, indem sie die Mieten staatlich festlegte. Die ArbeiterInnen mussten damals nur zwei bis sieben Prozent ihres Lohns für die Miete aufwenden. Mit den Einnahmen aus einer neu eingeführten Wohnbau- und Luxussteuer baute die Stadt innerhalb von nur zehn Jahren 65 000 Gemeindewohnungen.

Die Ära des Roten Wien wurde 1934 durch die Machtübernahme der Austrofaschisten beendet. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Sozialdemokratie – wiederum mit absoluter Mehrheit in Wien regierend – das Wohnbauprogramm wieder auf. Ebenso verhinderte das österreichische Mietgesetz, dass die Mieten stark stiegen.

Seit den achtziger Jahren jedoch machen verschiedene Gesetzesänderungen Investitionen in den privaten Wohnungsmarkt in Wien wieder attraktiver. Mit der 1985 eingeführten «Sanften Stadterneuerung» erhalten auch private HausbesitzerInnen Subventionen für Renovierungen, wenn sie sich verpflichten, die Mietpreise nach der Sanierung niedrig zu halten. 1982 wurde zudem das Mietrecht dereguliert, in der Folge verdoppelten sich die Mietpreise zwischen 1985 und 1993. Die Re-Regulierung von 1994 ermöglichte erstmals befristete Mietverträge und führte das sogenannte Richtwertsystem ein. Der Mietpreis von neu gebauten und renovierten Wohnungen wird dort durch einen Vergleich mit einer Standardwohnung ermittelt. Für bessere Ausstattungen können Zuschläge berechnet werden. Entscheidend ist der Lagezuschlag, mit dem je nach Lage der Wohnung ein Aufpreis berechnet werden kann. Er wird unter anderem aus den Bodenpreisen abgeleitet, die sich in den attraktiven, innenstädtischen Gebieten stark verteuert haben.

Zwischen 2000 und 2010 stiegen die Mieten in Wien durchschnittlich um 37 Prozent, bei den unter die neue Mietregulierung fallenden Wohnungen gar um über 68 Prozent. Die steigenden Mietpreise auf dem privaten Markt führen dazu, dass dort fast die Hälfte der Haushalte mehr als ein Viertel ihres Einkommens für die Miete aufwenden muss. Die Stadt bezahlt jedoch Menschen, die das nicht bezahlen können, sogenannte Mietbeihilfe.

Jonas Aebi

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