Nr. 20/2017 vom 18.05.2017

Mit fröhlicher Ökologie gegen schlimme Prognosen

Die Umwelt? Die interessiert in der Romandie doch niemanden – so das Klischee. Aber inzwischen reihen die Westschweizer Grünen einen Erfolg an den anderen, und auch ausserparlamentarisch läuft viel. Entsteht im Westen eine neue Ökologiebewegung?

Von Bettina Dyttrich

Pionierprojekt der solidarischen Landwirtschaft seit 1978: GenossenschafterInnen der Genfer Jardins de Cocagne bei der Radieschenernte. Foto: Giorgio Hösli

Diesen Frühling geht es den Grünen gut: Im Walliser Kantonsparlament schafften sie den Sprung von zwei auf acht Sitze, in Neuenburg legten sie fünf zu, in der Waadt zwei. Kurz nach den Neuenburger Wahlen sorgte der dortige SVP-Kantonsrat Xavier Challandes für Aufsehen, weil er seine Partei verliess, sich der grünen Fraktion anschloss und dem Kantonsparlament so unerwartet eine linke Mehrheit bescherte. Und in Solothurn wurde die Grüne Brigit Wyss überraschend Regierungsrätin.

Vor allem in der Romandie haben die Grünen zurzeit Erfolg. Und das hat nicht erst mit den Kantonsratswahlen begonnen: Schon die beiden Initiativen der Partei, über die letztes Jahr abgestimmt wurde, «Grüne Wirtschaft» und Atomausstieg, erzielten im Westen die besten Resultate. Beim Atomausstieg mag das nicht erstaunen – die Westschweiz, besonders Genf, hat eine lange AKW-kritische Tradition, die noch auf den Widerstand gegen den französischen schnellen Brüter Creys-Malville in den siebziger Jahren zurückgeht. Aber wer hätte erwartet, dass die «Grüne Wirtschaft» ausgerechnet im Kanton Genf mit knapp 52 Prozent Ja am besten abschneidet? Die Waadt, Neuenburg und der Jura lagen (mit Ja-Anteilen um 45 Prozent) ebenfalls höher als alle Deutschschweizer Kantone ausser Basel-Stadt. Auch Biolebensmittel boomen: In den letzten drei Jahren sind die Bioverkäufe bei Coop in keiner Region so stark gewachsen wie in der Romandie.

Zwei Gründe: Paris und Populismus

Dabei hiess es lange, die Romandes und Romands hätten wenig Interesse an ökologischen Fragen und seien in ihre Autos verliebt. Ein überholtes Klischee?

«Es stimmt, wir sind im Rückstand», sagt die Waadtländer Nationalrätin Adèle Thorens Goumaz, die zusammen mit der Bernerin Regula Rytz die Partei präsidiert. «Bei uns ist der öffentliche Verkehr schlechter, genauso wie das Angebot an vegetarischen Speisen. Und in Genf gibt es noch nicht einmal eine Kehrichtsackgebühr – das wäre in der Deutschschweiz undenkbar!»

Doch ja, das Umweltbewusstsein wächst – entsteht in der Romandie gerade eine neue Ökobewegung? Nicht nur in der Romandie, sagt die Lausannerin: «Das ist eine europaweite Bewegung!» Sie verweist auf den neuen österreichischen Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen und den sehr erfolgreichen niederländischen Grünen Jesse Klaver (siehe WOZ Nr. 12/2017). Für die neue Popularität der grünen Parteien sieht sie zwei Gründe: Paris und Populismus. «Die Pariser Klimakonferenz hat die politische Ökologie wieder auf den Tisch gebracht. Und sie hat Hoffnung gemacht: Es gibt politische Lösungen für ökologische Fragen.»

Dann kamen der Brexit und die Trump-Wahl. «Das macht Angst – und mobilisiert enorm. Viele Leute haben verstanden, was Populismus anrichten kann, und die Grünen sind die antipopulistische Partei par excellence. Wir suchen nicht nach Sündenböcken; wir sprechen Probleme an und suchen Lösungen.»

Im Gespräch findet Adèle Thorens dann aber auch immer mehr Westschweizer Besonderheiten: Wie in Frankreich stehe man dem Kollektiven und der «Einmischung» des Staates positiver gegenüber als in der Deutschschweiz. «Es braucht die Kombination von individuellem Engagement und Veränderung der Rahmenbedingungen. Vielleicht hat man diese Komplementarität von Persönlichem und Politischem in der Romandie besser verstanden.»

Ein weiterer wichtiger Punkt: «Bei uns sind die Grünen aus den Städten rausgekommen. Vielleicht mehr als in der Deutschschweiz, wo sie noch stark eine Stadtpartei sind. Im Kanton Waadt haben wir schon vor etwa zehn Jahren eine Strategie erarbeitet, um Leute vom Land besser zu erreichen.» Dabei setzen die Westschweizer Grünen auf die Verbindung von Umweltschutz und Lebensqualität: «Wir wollen nicht eine Ökologie vermitteln, die bestraft, sondern eine ‹écologie joyeuse›: ‹In einer nachhaltigen Gesellschaft habt ihr komfortablere Häuser, bessere Verkehrsmittel, mehr Zeit für die Familie – und ihr esst besser.›»

Letzteres ist entscheidend: «Die welsche Esskultur ist wirklich anders», sagt Thorens. «Es gibt zum Beispiel in der Waadt einen Wettbewerb um die beste lokale Wurst. Da machen auch viele Grüne mit.» Beim Wursten? «Nein, beim Essen! Lokale Produkte sind sehr wichtig. Das sieht man auch bei unserer ‹Fair Food›-Initiative, die Importe aus umweltschädlicher Produktion einschränken will: Die Idee kam aus der Romandie.»

Der Film «Demain» mobilisiert

Die Verbindung von Kulinarik und Politik hat im französischen Sprachraum Tradition. Der Kampf gegen die «malbouffe», den «schlechten Frass», und für eine ökologische und menschenfreundliche Landwirtschaft hat den südfranzösischen Bauern und heutigen Europaparlamentarier José Bové berühmt gemacht – Tausende unterstützen sein Anliegen. Und aus Genf stammt die Idee der solidarischen Landwirtschaft, die sich inzwischen international verbreitet hat: KonsumentInnen tun sich mit Bäuerinnen und Gärtnern zusammen, verpflichten sich, deren Ernte abzunehmen, und beteiligen sich an der Arbeit.

Die Genfer Genossenschaft Les Jardins de Cocagne (siehe WOZ Nr. 38/2015) begann schon 1978 damit, und es gibt sie noch heute. «Ja, die französische Sensibilität für ökologisches und lokales Essen strahlt in die Westschweiz aus», sagt Rudi Berli, Gärtner bei der Genossenschaft. «Und man ist sehr kritisch gegenüber Pestiziden.» Heute gibt es mehr als ein Dutzend solidarische Landwirtschaftsprojekte in Genf, und es geht ihnen gut: «Als immer mehr Projekte entstanden, hatten wir eine Zeit lang Mühe, genug Mitglieder zu finden. Jetzt sind alle ausgebucht; wir führen eine Warteliste.» Die Stadt Genf organisiere regelmässig Treffen mit den Projekten, erzählt Berli. «Es gibt da wirklich ein Interesse, ein nachhaltiges Ernährungssystem zu entwickeln.»

Um Kulinarik, aber noch um viel mehr geht es im französischen Dokumentarfilm «Demain» («Tomorrow»), der im Winter 2015/16 in die Kinos kam: Betroffen von den katastrophalen Prognosen zur Zukunft der Erde, suchen der Filmer Cyril Dion und die Schauspielerin Mélanie Laurent nach Alternativen. Sie finden eine Menge motivierende Projekte von Nahrung über Energie bis Bildung – die sie begeistert und weitgehend kritiklos vorstellen. «Demain» hatte im französischen Raum eine Resonanz wie kein anderer Dokumentarfilm in den letzten Jahrzehnten. Allein in Frankreich wurden über eine Million Eintritte verkauft. «Der Teil über die Landwirtschaft ist oberflächlich», kritisiert Rudi Berli. «Aber was der Film auslöst, ist gut.»

Inspiriert vom Film haben in der ganzen Westschweiz Menschen zusammengefunden, um aktiv zu werden. Viele folgen den Beispielen aus «Demain», lancieren etwa lokales Geld oder pflegen Gärten nach den Prinzipien der Permakultur. «Überall läuft etwas», sagt Jacqueline Echanove. «Auch in kleinen Städten wie Vevey oder Bulle, sogar in Dörfern!» Die Seniorin ist eine der Gründerinnen der Gruppe «Fribourg Demain». «Wir haben Treffen organisiert, als der Film in den Kinos lief», erzählt Mitgründerin Françoise Knopf. «Schon ans erste kamen über hundert Leute. Als Erstes sprachen wir über unsere Träume für die Stadt Fribourg.»

Echanove, Knopf und zwei weitere Frauen organisieren die Zusammenarbeit von zehn kleinen Gruppen, die jeweils autonom funktionieren. An einem Sonntag im Mai treffen sich gut zwanzig Engagierte in einem Saal in der Nähe der Universität. Kulinarik spielt auch hier eine wichtige Rolle: Zuerst gibt es einen Apéro mit Wein und Brötchen, dann folgen ein kurzer Film und die Eröffnungsrunde, danach wird ausführlich zu Mittag gegessen.

Alle erzählen von ihren Projekten: Die einen haben einen Laden mit Produkten ohne Verpackung eröffnet, andere gärtnern, die Gruppe «Arts et Culture» hat Schränke aufgestellt, die dem Austausch von Büchern dienen. Jacqueline Echanove engagiert sich im «Repair Café», wo Alltagsgegenstände in geselliger Atmosphäre geflickt werden. Eine Gruppe möchte eine alternative Schule gründen, eine andere bietet Yoga und Tai-Chi unter freiem Himmel an, und der Gruppe «Abondance» (Fülle) geht es darum, «die Idee der Fülle zu nähren»: «Wir sind geprägt davon, überall Mangel zu sehen. Das macht uns beherrschbar.» Echanove hofft, dass sich immer mehr Gruppen vernetzen, «damit wirklich eine grosse Bewegung entsteht».

Die Stimmung ist gut – aber das wirkt nun doch alles gar klein, sehr lokal und nicht besonders politisch. Lässt sich so wirklich die ökologische Katastrophe abwenden?

«Diese Bewegung ist sehr bescheiden und sehr wichtig zugleich», sagt Jacques Mirenowicz. «Die kleinen Versuche sind gut – solange man nicht die Illusion hat, sie seien die Lösung für alles.»

«Man will nicht alles wissen»

Mirenowicz ist schon lange am Thema. Zusammen mit seiner Partnerin, der Ökonomin Susana Jourdan, hat der Neurowissenschaftler 2002 «La Revue durable» gegründet, die «nachhaltige Zeitschrift». Die Halbjahreszeitschrift leistet, was man auf Französisch «vulgarisation» nennt: Sie «übersetzt» komplexe Themen aus der Forschung und aus der ökologischen Praxis in eine allgemein verständliche Sprache; erklärt zum Beispiel, wie eine Kampagne gegen Investitionen in fossile Energieträger funktioniert. In den letzten Jahren gab es etwa Schwerpunktnummern über Mobilität, Biodiversität oder erneuerbare Energie. Aber «La Revue durable» ist nicht nur ein Naturwissenschaftsmagazin. Mirenowicz und Jourdan haben auch ein Flair für philosophische und psychologische Themen – insbesondere um die zentrale Frage: Warum handeln die Menschen nicht, obwohl sie genug Informationen haben? Warum machen sie weiter wie bisher, obwohl sie wissen, dass das den Planeten zerstört? Und wie lässt sich das ändern?

Die ersten Jahre liefen gut: «Der Hitzesommer 2003, dann der Hurrikan Katrina, der vierte Bericht des Weltklimarats, das Engagement von Al Gore: Das Klima war ein Riesenthema.» Dann kam die Wirtschaftskrise, Umweltthemen rückten in den Hintergrund – und die Abozahlen der «Revue durable» sanken von rund 5000 auf 3000. Und heute? «Ja, es gibt eine neue ökologische Bewegung. Aber bei den Abozahlen merken wir bisher nichts davon», sagt Mirenowicz. Das sei charakteristisch für den Zeitgeist: «Man will handeln, nicht unbedingt alles wissen.» Einerseits sei das gut: «Wenn wir wollen, dass alle mitmachen, können wir nicht nur die Intellektuellen ansprechen.» Trotzdem spricht aus seinen Äusserungen ein gewisses Bedauern: «Ich glaube schon, dass es beides braucht, Handeln und Nachdenken. Die Reflexion kann die Motivation für das Handeln verstärken.»

Die Redaktion ist auch selbst aktiv geworden: Sie organisiert Veranstaltungen, hat eine Methode zur Berechnung der persönlichen Klimabilanz entwickelt, den Verein «Grosseltern für das Klima» gegründet und ist an einer Solarenergiegenossenschaft in Fribourg beteiligt. Für all diese Aktivitäten hat sie einen Verein ins Leben gerufen: «Les Artisans de la Transition». «Artisans» sind Handwerker, «Transition» meint den Übergang zu einer Welt ohne fossile Energieträger.

Jacques Mirenowicz macht sich keine Illusionen: «Die ökologischen Prognosen sind schlimmer denn je. Diese Bewegung ist eine Hoffnungsträgerin für alle, die nicht aufgeben wollen. Eine Form des Widerstands.»

Die persönliche Klimabilanz lässt sich auch auf Deutsch berechnen: https://leclimatentrenosmains.org/de.

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