Nr. 23/2017 vom 08.06.2017

Ein Ureinwohner kehrt zurück

Schon 2019 könnten im Solothurner Jura Wisente, europäische Bisons, frei leben. Ein entsprechendes Projekt hat letzte Woche eine entscheidende Hürde genommen. Aber wieso reizt es uns, mit dem grössten Landsäugetier Europas zusammenzuleben?

Von David Hunziker (Text) und Ursula Häne (Foto)

Vom Zürcher Wildnispark in die Weiten des Jura? Einzelne der hier lebenden Tiere kommen für das Auswilderungsprojekt infrage.

Es ist ein schöner Sommertag. Eine Spaziergängerin macht sich vom Campus der Universität Irchel auf durch den Wald in Richtung Zürichberg. Als sie auf eine Lichtung tritt, bleibt sie wie angewurzelt stehen. Etwa hundert Meter von ihr entfernt steht ein riesiges, urtümlich anmutendes Huftier und kaut Gras. Es ist ein europäischer Bison, ein Wisent. Kurz denkt sie an den Zoo am anderen Ende des Waldes und an niedergetrampelte Zäune. Doch dann erinnert sie sich, was sie kürzlich in der Zeitung gelesen hat: Die leben jetzt hier.

Friedlich grasende Wisente auf dem Zürichberg – wenn es nach dem Biologen Darius Weber geht, könnten solche Szenen in nicht allzu ferner Zukunft Wirklichkeit werden: «Ich glaube daran, dass Wisente und Menschen in der Schweiz gut nebeneinander leben können.» Weber gehört zu einer Gruppe von NaturschützerInnen, die das grösste Landsäugetier Europas, das auf dem Gebiet der heutigen Schweiz bereits im Mittelalter ausgerottet wurde, wieder hier ansiedeln wollen.

Bürgergemeinde sagt Ja

Diesem Ziel sind sie vergangene Woche ein gutes Stück näher gekommen – nicht auf dem Zürichberg, sondern im Solothurner Jura. Die Bürgergemeinde Solothurn hat nach fünfmonatiger Bedenkzeit beschlossen, ein Waldstück von einem Quadratkilometer Fläche für die kontrollierte Auswilderung einer Wisentherde von acht Tieren zur Verfügung zu stellen. Das Waldstück liegt im Regionalen Naturpark Thal, durch den sich das Dünnerntal zieht. Der Park verfügt über eines der grössten zusammenhängenden Waldgebiete der Schweiz.

Der Plan der vierköpfigen Gruppe um Darius Weber sieht wie folgt aus: Erst kommen die Wisente in ein Gehege, wo sie sich an die neue Umgebung anpassen können und genau beobachtet werden. Das ist frühestens 2018 der Fall. Wenn alles gut läuft, wird der Hag nach einem Jahr entfernt, und die Tiere können sich frei im Wald bewegen. Die Testphase läuft dann noch weitere neun Jahre. Die Auswilderung wäre ein Experiment – läuft etwas schief, kann es jederzeit abgebrochen werden. «Wir können noch so viel Forschung zum Thema machen», sagt Weber, «wenn wir es nicht ausprobieren, wissen wir es nie.»

Im besten Fall könnten also schon 2019 frei lebende Wisente durch die weiten Wälder des Jurabogens streifen. Abgesehen vom reibungslosen Ablauf des Projekts und dem Verhalten der Tiere müssen noch der Kanton Solothurn und der Bund eine Bewilligung erteilen. Der Bund kommt dann ins Spiel, wenn der Hag entfernt wird, wenn die Wisente nicht mehr das Eigentum einer Privatperson oder einer privaten Organisation sind, sondern eben: wild.

Im Naturpark Thal gibt es zwar viel Wald und auch ein paar Burgruinen, aber besonders wild geht es hier nicht zu und her. Die Auswilderung der Wisente – nach einem ähnlichen Projekt im deutschen Rothaargebirge wäre es erst die zweite in Mittel- und Westeuropa – wäre für die Region ein Ereignis.

Mitten im beschaulichen Dünnerntal liegt die Gemeinde Welschenrohr, auf deren Gebiet der grösste Teil des Wisentgeheges zu stehen käme. Als Gemeindepräsident Stefan Schneider letzte Woche vom positiven Entscheid der Bürgergemeinde Solothurn erfuhr, zögerte er nur kurz. «Ich habe schon schnell gegoogelt, ob diese mächtigen Tiere denn gefährlich sind.» Als der Zweifel ausgeräumt gewesen sei, habe er sich zuerst einmal persönlich gefreut. «Es würde mich stolz machen, wenn dieses aussergewöhnliche Projekt auf dem Gebiet unserer Gemeinde umgesetzt würde.» Schneider ist aber auch überzeugt, dass der Tourismus in der Region davon profitieren würde.

Tatsächlich erwarten die InitiatorInnen des Projekts, dass der Wisent nach einigen Jahren, vor allem durch den Tourismus, finanziell selbsttragend wird. Doch mit dem unmittelbaren Profit, der sich aus dem Wisent schöpfen lässt, ist die Faszination für das Vorhaben kaum zu erklären. Sie speist sich aus einer ökologischen Haltung, die gerade ein nicht bloss instrumentelles Verhältnis zwischen Tier und Mensch zum Massstab nimmt. Das beginnt zunächst bei der Hoffnung, dass der Wisent eine positive Wirkung auf die natürliche Artenvielfalt hätte.

Wenn planmässig noch dieses Jahr ein Gesuch beim Bund eingehen sollte, dann landet es auf dem Tisch von Reinhard Schnidrig. Er ist der Leiter der Sektion Wildtiere und Waldbiodiversität beim Bundesamt für Umwelt und überzeugt, dass der Wisent die Biodiversität anreichern würde. «Die Wälder und die Waldränder würden durch den Frass der grossen Tiere lückiger, und das zusätzliche Licht auf dem Waldboden fördert eine vielfältige Krautschicht. Diese wiederum begünstigt die Insekten- und die Vogelwelt.»

Der Wisent ist Schweizer

Doch für Schnidrig würde das hiesige Ökosystem nicht nur vom Wisent profitieren. Vielmehr weise es gewissermassen eine Lücke auf, in die der Wisent gehöre: «Der Wisent ist eine einheimische Tierart, und als solche sprechen ihm Verfassung und Wildtierschutzgesetzgebung ein Lebensrecht in der Schweiz zu.» Das mag zuerst einmal erstaunen: Wie kann es sein, dass eine Tierart, die in West- und Mitteleuropa bereits vor tausend Jahren ausgerottet wurde, die also nie in einem schweizerischen Staatsgebilde gelebt hat, zur «ursprünglichen Schweizer Fauna» gezählt wird?

Tatsächlich reicht die Geschichte dieser Fauna Jahrtausende zurück, wie Schnidrig erklärt: «In der Wissenschaft gibt es einen Konsens, wonach sich die ursprüngliche Schweizer Fauna aus denjenigen Tieren zusammensetzt, die zwischen der letzten Eiszeit, die vor etwa 10 000 Jahren zu Ende ging, und dem Beginn der globalen Schifffahrt im 16. Jahrhundert hier gelebt haben.» Tierarten, die nach dieser Zeit von Menschenhand in das Gebiet der heutigen Schweiz eingebracht wurden, gelten als fremde Arten. Der Wisent wäre also kein Eindringling – im Gegenteil: Er war schon Schweizer, bevor die Eidgenossen die Hand zum Schwur erhoben.

Der Auswilderung des Wisents kommt bei der Rekonstruktion dieser ursprünglichen Fauna sogar eine bedeutende Rolle zu. Von den grösseren Tierarten, die als einheimisch gelten, sind in den letzten Jahrzehnten fast alle wieder in die Schweiz zurückgekehrt. Einige Arten, wie der Bär oder der Wolf, sind selber zurückgekehrt, andere, wie der Steinbock oder der Bartgeier, wurden ausgewildert. Doch zwei grössere Tierarten fehlen noch: der Elch und der Wisent.

«Während der Lebensraum des Elchs in der Schweiz wohl für immer zerstört ist», sagt Schnidrig, «würde sich der Wisent mit einer Wald-Weide-Mosaiklandschaft zufriedengeben.» Die Schweiz, die zu einem Drittel bewaldet ist, die Jurakantone sogar zu mehr als vierzig Prozent, bietet ihm also einen idealen Lebensraum. Und auch Platz hätte es reichlich. Darius Weber schätzt, dass allein im Jura mehrere Tausend Wisente leben könnten.

Trotzdem gesteht der Mensch dem Wisent diesen Platz in Europa schon lange nicht mehr zu. Anfang des 20. Jahrhunderts starben die letzten Tiere durch Gewehrkugeln, nur dank winziger Populationen in Zoos hat der Wisent überlebt. Auch jetzt wieder werden Tiere im Zuge der Wirren der Ukrainekrise als Nahrung geschossen. Dank gezielter Zucht leben heute auf der Welt wieder etwa 5000 Tiere, ein Teil davon in Freiheit in Osteuropa und Russland. Für Weber hat das Auswilderungsprojekt im Hinblick auf diese Geschichte auch eine ethische Dimension: «Es geht uns um eine Wiedergutmachung gegenüber den Wildtieren, die einst vom Menschen ausgerottet wurden.»

Doch während der Wisent für die einen ein urtümlicher Einheimischer ist, dem nur zurückgegeben wird, was ihm immer schon zustand, ist er für gewisse Interessengruppen ein Eindringling, ein potenzieller Störenfried. Zum Beispiel für einen Teil der LandwirtInnen.

Bauern, Jäger, Förster sind skeptisch

Edgar Kupper vom Solothurner Bauernverband sieht die Auswilderung von Wisenten im Dünnerntal grundsätzlich skeptisch. «Wir haben vom Projekt erst letzte Woche aus der Zeitung erfahren, und wir haben es noch nicht eingehend diskutiert. Aber als praktizierender Bauer würde es mich schon nicht freuen, wenn hier plötzlich Wisente frei herumlaufen würden.»

Kupper, der auch für die CVP im Solothurner Kantonsrat sitzt, befürchtet vor allem Schäden an Viehzäunen, Getreide-, Mais- und Wiesenkulturen. Letzteres illustriert er mit einem Bild: «Wenn Sie einen Teller mit trockenem Brot auf der einen Seite und einem feinen Dessert auf der anderen haben, dann ist doch klar, was Sie wählen.» Er halte es für sehr unwahrscheinlich, dass sich die Wisente bei der Futtersuche mit dem zufriedengäben, was sie im Wald fänden.

Wie sich schon bei den Wildschweinen gezeigt habe, würden die Bauern beim Kontakt mit Wildtieren meistens den Kürzeren ziehen, sagt Kupper. «Für uns bedeutet das einen Spiessrutenlauf: Wir müssen mit zusätzlichen Zäunen und viel Aufwand unsere Kulturen schützen, und wenn es dann Schäden gibt, müssen wir uns mit der Bürokratie herumschlagen, und oft wird der Schaden nur teilweise und die Folgeschäden werden kaum entschädigt.»

Laut Darius Weber gibt es neben den LandwirtInnen vor allem zwei weitere Gruppen, die den Wisent als mögliche Bedrohung sehen: die JägerInnen, die befürchten, dass der Zaun die Jagd stören könnte, und die FörsterInnen, die Wildschäden an Bäumen befürchten. Beim Projekt im Jura geht es auch darum herauszufinden, welche Auswirkungen der Wisent auf die Betroffenen hat, wie Weber betont. «Wir wollen die Wisente niemandem aufzwingen. Um das Projekt in einem guten Geist umzusetzen, werden wir mit allen Betroffenen das Gespräch suchen.» Die verschiedenen Gruppen werden dazu in einer Begleitgruppe vertreten sein. Erst wenn alle zufrieden sind, wird das Gesuch eingereicht.

Die Faszination, die vom Wisent als Wildtier ausgeht, hat wohl nicht zuletzt mit den Paradoxien zu tun, die seine Integration in ein intensiv genutztes Gebiet wie die Schweiz auslöst. Mit seiner mächtigen Statur wirkt er zunächst bedrohlich – aber er ist harmloser als eine Kuh. Er ist ein Eindringling und ein uralter Landsmann zugleich. Und obwohl seine Wiederansiedlung das Resultat von komplexer Planung und gutschweizerischer Kompromissfindung wäre, würde er die Schweiz auch ein klein wenig verwildern.

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