Nr. 23/2017 vom 08.06.2017

«Ihr könnt kein Baby haben ohne Mikrowelle!»

Einmal verstörend, einmal witzig: Verena Friederike Hasel und Hollie McNish räumen auf mit Klischees zur beglückenden Schwangerschaft und zum perfekten Mutterdasein.

Von Silvia Süess

Kaum ist das Baby da, schon werden die Bekannten übergriffig: Slammerin Hollie McNish kontert mit Unverfrorenheit. Foto: Helmi Okpara

Plötzlich wissen alle, wie man sich fühlen muss und was man zu tun hat: «Es ist ein ganz einzigartiges und beglückendes Erlebnis, ein Kind zu bekommen.» – «Ihr Baby liebt ‹Finger-Food›. Es möchte am liebsten ständig aus der Hand essen. Kennen Sie schon die derzeit viel diskutierte Beikostmethode des Bay Led Weaning?» – Oder: «Bewegung tut Ihnen beiden gut; machen Sie Yoga oder Gymnastik!»

Kaum schwanger, wird man zu einer Art öffentlichem Gut, an dem nicht nur vieles verhandelt wird, sondern mit dem auch gutes Geld gemacht werden kann. Nicht nur in Blogs und Ratgebern wimmelt es von Tipps, Kurse von der Aromatherapie für die ganze Familie über das richtige Babyhalten, Babymassage, Babyzeichensprache bis zur klassischen musikalischen Früherziehung werden angeboten.

Doch je mehr Ratschläge man als angehende oder frischgebackene Mutter hört, je mehr Kurse man besucht und Bücher man liest, umso hilfloser kann einen das machen. So geht es Nina im Roman «Lasse» der deutschen Autorin Verena Friederike Hasel. Zwei Tage vor dem errechneten Geburtstermin geht sie sich die Fussnägel tiefrot lackieren – mit Biolack aus hundert Prozent naturreinen Rohstoffen. Nichts soll ihrem Kind schaden, und sie selber will beim Gebären ein gutes Bild abgeben.

Wimmern und Schreien

Die Geburt soll perfekt verlaufen, schliesslich hat Nina während der Schwangerschaft in einem ihrer zahlreichen Ratgeber gelesen, dass die Geburt über das Lebensgefühl des Kindes bestimmt. Mit Musik, so stand es im Klinikprospekt, «könne man jedem Geburtserlebnis eine besondere Note geben, und das Wort Geburtserlebnis, das klang so schön, nach Aufregung und Glück (…) und ich dachte, ich würde dabei sicher ganz euphorisch sein und alles so gut machen, dass man danach noch lange von mir reden würde.»

Tatsächlich kommt es ganz anders. So eine Geburt, das merkt Nina spätestens im Gebärsaal, ist nämlich alles andere als schön und aufregend. Kotzend hängt Nina über dem Klo, während es ihr gleichzeitig aus dem Poloch tropft. Die Schmerzen sind so stark, dass sie nur noch wimmert und schreit, zwischendurch greift mal die Hebamme, mal ein Arzt in ihre Vagina. Da nützen die ganzen Ratschläge, die sie im Geburtsvorbereitungskurs erhalten hatte – zukunftsgewandte Bilder vor Augen rufen! An einen sicheren Ort denken! – überhaupt nichts. Ihr Körper droht zu zerreissen. Als sie zu scheissen meint, sieht sie, dass «ich nicht Kot, sondern mein Kind ausgeschieden habe». Mit einer «klaffenden Spalte zwischen den Beinen» findet sie sich ein paar Tage nach der Geburt wieder zu Hause wieder, hilflos und einsam mit einem Baby, das dauernd schreit, hässlich ist und für das sie keinerlei Gefühle entwickelt.

«Lasse» ist etwas vom Verstörendsten, was in den letzten Jahren über die Mutterschaft geschrieben wurde. Gnadenlos demontiert Verena Friederike Hasel den Mythos, der um Schwangerschaft und um das Muttersein in Ratgebern und Blogs zelebriert wird. Hasel versetzt uns in den Kopf einer einsamen jungen Frau, die ob all der idealisierenden Bücher und selbstgefälligen Mütter, die sich gleichzeitig esoterisch und leistungsorientiert geben, kaputtgeht.

Tägliche Verunsicherung

«Das sagt einem ja keiner» – so lautet der Titel des Buchs der jungen englischen Slammerin Hollie McNish, das den Untertitel «Postnatale Poesie» trägt. Und so viel vorweg: Hätte die Protagonistin von «Lasse» statt all ihrer Ratgeber McNish gelesen, es wäre wohl alles ganz anders gekommen. McNish, die 2009 UK Poetry Champion wurde und zurzeit mit der Rapperin Kate Tempest auftritt, hat während ihrer Schwangerschaft sowie der ersten drei Jahre als Mutter Gedichte geschrieben über «all die Dinge, über die ich nicht sprechen konnte», wie sie im Vorwort des Buchs schreibt. Diese kombiniert sie mit tagebuchartigen Lauftexten. Während die Gedichte in deutscher Übersetzung etwas kitschig und sprachlich holprig wirken, ist es der zusätzliche autobiografische Text, der durch seine Unverfrorenheit und seinen Witz überzeugt.

McNish beobachtet kritisch und scharfzüngig sich selber und ihr Umfeld, in dem plötzlich alle wissen, was das Beste ist für sie, ihren Freund und ihr Kind: «Ihr könnt kein Baby haben ohne Mikrowelle. Und ein Auto mit vier Türen. Und eine grössere Wohnung, ihr braucht eine grössere Wohnung mit eigenem Garten», raten ihr die FreundInnen und legen ihr immer wieder ans Herz, wieder Fleisch zu essen, auch ihrem Kind im Bauch zuliebe. Sie ärgert sich zwar über ihre übergriffigen Bekannten, anders als Nina in «Lasse» kann sie jedoch mit den täglichen Verunsicherungen besser umgehen. Dabei hilft ihr auch ihr Partner Dee.

Mal offenherzig, mal zynisch sind die Zeilen, in denen McNish sich selber betrachtet. Zum Beispiel zwei Wochen vor dem Geburtstermin: «Laufen ist inzwischen eine echte Herausforderung. Genau wie sich den Arsch abzuwischen, zu schlafen, zu stehen, sich von einer Seite auf die andere zu drehen – vor allem nachts –, die Zehen oder die Möse zu sehen und zu atmen. Eigentlich ist alles schwierig, ausser – auf allen vieren, in einer Art nichtsexuellen Hündchenstellung – Filme zu schauen oder zu lesen und darauf zu warten, dass das Baby aus meinem Körper rauskommt.»

Ihr erster Gedanke schliesslich nach der Geburt: «‹Push it› von Salt ’n’ Pepa auf der Geburts-CD war nicht so lustig, wie ich dachte.» Und dann fühlt sie sich, als ob sie einem Geheimbund beigetreten wäre. Denn niemand hat ihr gesagt, dass «meine Beine voller Blut sein würden und dass die Plazenta sich anfühlt wie kalter Wackelpudding zwischen den Beinen», dass ihr der eigene Körper völlig fremd sein wird und dass sie noch Tage später zwischen den Beinen bluten wird.

Aus der Isolation retten

Auch das Mutterdasein stellt sich als ziemliche Herausforderung heraus. Einerseits bekommt McNish all die Erwartungen, die von der Gesellschaft an Mütter gestellt werden, zu spüren. Andererseits macht ihr die plötzliche Einsamkeit, in der sie sich mit ihrem Baby befindet – intellektuell unterfordert, emotional überfordert – extrem zu schaffen. Irritiert stellt sie fest, wie schwierig das Mutterdasein ist, wenn man nicht Teil des überengagierten Mütterghettos sein will, sondern sein Leben als junge Frau weiterleben möchte wie zuvor – einfach mit Kind.

Während das Mutterdasein gerne öffentlich verhandelt wird, sind die politischen Strukturen und die öffentliche Akzeptanz noch weit davon entfernt, Mütter und Kinder im Alltag zu integrieren. Die Stärke von McNishs Text liegt darin, dass sie ihre Situation nicht nur als privates und persönliches Problem sieht, sondern es in einen gesellschaftlichen und politischen Kontext stellt. Es sind alltägliche Banalitäten, über die sie schreibt, die für eine Mutter jedoch existenziell sein können: wie sie zehn Minuten neben einer Bahnhofstreppe steht mit Kinderwagen und Koffern und ihr niemand hilft. Wie sie beim Babystillen in der Öffentlichkeit angeekelt angeschaut wird und deshalb über Monate auf öffentlichen Toiletten stillt, wenn sie unterwegs ist. Oder wie aufwendig ihre ersten Slamauftritte ein paar Monate nach der Geburt sind, mit einem Baby, zu dem geschaut und das gestillt werden muss.

Das Schlimmste sind die Schuldgefühle. Denn bei allem, was sie tut, spürt sie den Vorwurf: Hättest halt kein Baby machen sollen, und wenn doch, dann bleib gefälligst zu Hause! Doch das Zuhause – tagelang allein mit einem kleinen Kind – kann zur Hölle werden. Helfen könne eine ausreichend lange gemeinsame Elternzeit, findet die Autorin. Sie rettet nicht nur die Mütter vor Depressionen und gesellschaftlicher Isolation, sondern gibt den Paaren, die sich kurz nach der Geburt des Kindes häufig in zwei völlig unterschiedlichen Welten bewegen, eine gemeinsame Basis. Oder wie McNish spöttisch anmerkt: «Schwedische Eltern haben bessere Orgasmen, einfach durch weniger angestauten Hass und mehr gemeinsame Elternzeit.»

Vielleicht lassen sich von diesem Argument ja auch die Schweizer BürgerInnen überzeugen, wenn dereinst über die Initiative für einen vierwöchigen Vaterschaftsurlaub abgestimmt wird. Mit nur einem einzigen freien Tag «Urlaub» ist die Schweiz weiterhin eines der rückständigsten Länder Europas.

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