Nr. 24/2017 vom 15.06.2017

Journalismus im Schraubstock

Über die neue Sonntagabend-«Arena» ergoss sich kübelweise Kritik, noch ehe sie auf Sendung ging. An Moderator Jonas Projer perlt sie ab. Der Kontrollfreak und Starjournalist weiss auf alles eine Antwort.

Von Carlos Hanimann (Text) und Ursula Häne (Foto)

«Mit zwanzig wusste ich, was ich will. Mit dreissig aber wusste ich, was ich kann»: «Arena/Reporter»-Moderator Jonas Projer.

Die Plätze sind besetzt, das Scheinwerferlicht brennt, der Gastgeber tritt ins Studio. Bald ist es endlich so weit, bald ist es vorbei. «Bitte keine Tomaten werfen», sagt Jonas Projer zum Publikum und legt eine Kunstpause ein. «Ausser auf die Gäste.» Alle lachen, es ist Sonntagabend kurz nach 21 Uhr, im Foyer gabs Gebäck und Getränke, gleich beginnt die Sendung, über die seit Tagen geschrieben und gestritten wurde, und dann geht endlich eine Woche zu Ende, die selbst für eine medial ständig ausgestellte Person wie Jonas Projer «eine neue Erfahrung» war, wie er am Tag danach sagt.

«Arena/Reporter» heisst die neue Sonntagabendsendung im Schweizer Fernsehen SRF. Dreimal wird sie im laufenden Jahr ausgestrahlt, danach viermal jährlich. Das Konzept – ein Dokumentarfilm und eine anschliessende Livediskussion – ist nicht besonders ausgefallen, trotzdem gerieten die Sendung (und Projer als ihr Redaktionsleiter) in ein mediales Gewitter wie selten: Die Geschäftsfrau Christa Rigozzi beschädige als Komoderatorin wegen ihrer zahlreichen kommerziellen Verpflichtungen Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Senders, mit Christian Kast mache man einen selbsternannten Nazi zum Hauptprotagonisten des Themenabends über die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Kesb – Ausverkauf des Schweizer Fernsehens, alles für die Quote …

Projer weiss, was er tut

Kalkulierter Sensationalismus? Ungeschicktes Quotenbolzen? Es wäre falsch zu glauben, Jonas Projer überlegte nicht bis ins letzte Detail, was er tut. Die Leitung der «Arena» ist ein Hochseilakt über einem Haifischbecken, jeder falsche Satz kann zum Absturz führen. Mit seinen Sendungen ist es wie mit politischen Vorlagen: Projer kennt jedes Argument, wägt alles ab, kennt die Vorwürfe und die Konter darauf. Im Gespräch nimmt er Fragen vorweg, beantwortet sie, stellt selber gleich die Anschlussfrage und beantwortet auch die wieder. Sendeformat, Inhalt und Kontroverse passen zu Jonas Projer, dem beflissenen und ehrgeizigen Fernsehmann, dem keine Herausforderung zu viel scheint: Die erschwerte Koordination einer Doppelmoderation, das Absturzrisiko in einer Direktübertragung, die Unvorhersehbarkeit live zugeschalteter ZuschauerInnen – was alles schiefgehen kann, zeigt der Lokalsender Tele Züri in fast jedem «Talk Täglich». Projer mag das Spiel mit dem Kontrollverlust. Das Schlimmste wäre für ihn ein Totalausfall der Technik, der komplette Sendestopp. «Alles andere», sagt Projer, «ist keine Störung, sondern ein Ereignis.»

Jonas Projer (35) ist die grosse Hoffnung des Schweizer Fernsehens. Der vierfache Familienvater wuchs in Winterthur auf, studierte Germanistik, Anglistik und Filmwissenschaften in Zürich, wechselte nach dem Grundstudium in die Filmklasse an der Zürcher Hochschule der Künste, besuchte eine Filmschule in New York. Nebenher schrieb er als Filmkritiker für den «Landboten». Projer wollte unbedingt Filmemacher werden. «Mit zwanzig», sagt Projer, «wusste ich, was ich will. Mit dreissig aber wusste ich, was ich kann. Manchmal muss man seine Wünsche und Träume seinen Fähigkeiten anpassen.»

Projers Karriere beim Fernsehen begann bei «Schweiz aktuell», dann zog er nach Brüssel, wo er als EU-Korrespondent den ZuschauerInnen die komplexe Finanzkrise einfach und verständlich näherbrachte. Es war sein journalistischer Durchbruch. Die Branche wählte ihn 2011 zum Newcomer des Jahres, 2014 ernannte ihn das SRF zum Moderator der «Arena». Seither ist er der bekannteste Politjournalist des Schweizer Fernsehens.

«Man sagt, in der ‹Arena› kämpfe jeder gegen jeden. Aber in Wahrheit kämpfen alle gegen den Moderator.» Jonas Projer fühlt sich sichtbar wohl in dieser Rolle. «Alle Gäste wollen möglichst viel Fläche. Der Einzige, der dafür sorgt, dass ein Gespräch entsteht, dass die Zuschauer folgen können, dass die Diskussion ausgewogen wird, bin ich als Leiter der Debatte.»

«Diese Rolle gehört nicht mir»

Die vergangenen Tage waren hart. Es regnete kübelweise Kritik. Projer gab Dutzende Interviews, aber dabei ging es fast nie um Jonas Projer, sondern stets um den «Arena»-Moderator. Projer hat sich schon lange einen Teflonanzug zugelegt, an dem alles abperlt. Die «Arena»-Moderation, so sieht Projer das, verlangt nicht nach einer Persönlichkeit, sondern nach einer Rolle. «Diese Rolle gehört nicht mir, sie gehört allen. Sie wird schliesslich auch von allen über die Gebühren bezahlt.»

Kürzlich stellte ein Journalist des «Tages-Anzeigers» Jonas Projer eine vermeintlich unverfängliche Frage: Was sind die drei wichtigsten politischen Themen der Schweiz? Der «Arena»-Moderator verweigerte die Aussage: «Das wäre eine politische Stellungnahme.» Die «Arena» war und ist bis heute Journalismus im Schraubstock der politischen Kräfteverhältnisse. Projer und seine Redaktion setzen mit Stoppuhr und Excel-Tabelle auf extreme Ausgewogenheit: Jede Partei bekommt übers Jahr die nach ihrer Parlamentsstärke bemessene Sendezeit. Niemand soll sich beklagen können, zu wenig Platz im öffentlich-rechtlichen Fernsehen erhalten zu haben.

Unter Projer ist die «Arena» experimentierfreudiger geworden, hat aber nur mässigen Erfolg. Projers erklärtes Ziel ist publikumsnahe Aufklärung: Er versteht die «Arena» als Dienstleistung, die das Komplexe verständlich macht, will zur Meinungsbildung beitragen, die ZuschauerInnen aus Filterblasen befreien und mit unbequemen Positionen konfrontieren.

Gefühle statt Analysen

Auszählen, abwägen, vereinfachen, zugänglich machen – dabei geht manchmal der Blick fürs Grosse verloren, und die «Arena» ersetzt Analyse durch Emotionalität: Wenn Projer eine Sendung über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie plant, nennt er sie «Frauen am Herd?», wenn er über Migration spricht, heisst die Sendung «Der Notfallplan – müssen wir uns gegen die Flüchtlinge wehren?». Themenwahl, Rahmen und Zuspitzung – das ist alles so wunderbar populistisch korrekt.

Ausgerechnet die Sendung, die vor 24 Jahren die angestaubte Bundespolitik in einen publikumswirksamen Schlagabtausch verwandelte, kämpft heute mit den Folgen der politischen Polarisierung.

Ach ja, die neue «Arena/Reporter»-Sendung von Sonntagabend: ein Schluck Tee. Jonas Projer sagt, eine gute «Arena» hole das Publikum beim Bauchgefühl ab und lasse es als differenzierte BürgerInnen zurück. Eine schlechte Sendung hingegen sorge für Verwirrung statt Analyse, verstärke bloss das vorhandene Bauchgefühl. Die Sendung vom Sonntag also? Projer: «Gemessen an einer idealen Aufklärungssendung: Luft nach oben. Verglichen mit der üblichen Berichterstattung über die Kesb und Christian Kast: ziemlich gut und differenziert.»

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