Nr. 27/2017 vom 06.07.2017

Betreff: Ihre Party

An: botschaft.bern@mfa.gov.tr; Von: chanimann@woz.ch

Von Carlos Hanimann

Sehr geehrter Herr Botschafter

Wie ich über Umwege erfahren habe, planen Sie am 15. Juli eine Gedenkfeier und eine Fotoausstellung in der türkischen Botschaft in Bern.

Anlass ist der erste Jahrestag des «abscheulichen Putschversuchs», wie Sie in der Einladung schreiben. Die Gäste sollen am «Tag der Demokratie und der nationalen Einheit», wie der 15. Juli neuerdings heisst, «der unschuldigen Bürger» gedenken, die letzten Sommer ihr Leben liessen. Damit auch ja keine Missverständnisse aufkommen, führen Sie in der Einladung explizit aus, wen Sie damit meinen: «die von der Terrorgruppe FETÖ ermordeten Märtyrer» – als FETÖ bezeichnen Sie die Gülen-AnhängerInnen.

Man könnte jetzt lange darüber debattieren, wer, oder besser: was nach dem 15. Juli 2016 in der Türkei alles zu Grabe getragen wurde. Aber den gelegentlichen Leserbriefen Ihres Pressebeauftragten nach zu urteilen, haben Sie im vergangenen Jahr ja auch schon den einen oder anderen Artikel in unserer Zeitung dazu gelesen.

Es muss sich bestimmt um ein Versehen handeln: Die WOZ haben Sie nicht zu den Feierlichkeiten eingeladen. Wir kommen trotzdem gerne an diese Botschaftsparty – zwar ohne offizielle Einladung, dafür mit attraktiver Begleitung.

Sie ist ziemlich bekannt, hat zahlreiche Zeitungsartikel und ein Buch zur Situation in der Türkei geschrieben, kürzlich wurde ihr für ihre Arbeit in Deutschland sogar der Theodor-Wolff-Preis verliehen. Ich bin sicher, Sie könnten lange und interessante Debatten mit meiner Begleitung führen – wenn sie denn tatsächlich kommen könnte. Es gibt da nämlich ein kleines Problem, das zu lösen ich Sie freundlich bitte: Meine Wunschbegleitung für diesen Anlass heisst Deniz Yücel, ist Journalist und sitzt seit über 140 Tagen in der Türkei in Haft – und zwar nur, weil er in diesem denkwürdigen vergangenen Jahr seine Arbeit getan hat.

Ihre Verbindungen in die Türkei dürften kraft Ihres Amtes wesentlich besser sein als meine. Vielleicht gedenken Sie also nicht bloss der unschuldigen Bürger, sondern lassen sie am besten auch frei. Dann würden wir uns freuen, wenn Sie uns auf die Gästeliste setzten: Deniz Yücel plus 1.

Hochachtungsvoll

Carlos Hanimann

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