Nr. 27/2017 vom 06.07.2017

Eine Revolution mit Bequemen?

Das Unsichtbare Komitee ist zurück mit einem neuen Manifest. Doch die flotte revolutionäre Rhetorik gerät wie schon beim «kommenden Aufstand» in dubioses rechtes Fahrwasser.

Von Daniel Hackbarth

Ein bisschen mehr Geschichtsbewusstsein würde der revolutionären Sache nicht schaden: Autoruine auf dem besetzten ZAD-Areal in Notre-Dame-des-Landes. Foto: Ursula Häne

Eine Revolution ist kein Kaffeekränzchen, sondern erfordert Körpereinsatz: Mal will die Residenz eines Autokraten gestürmt sein (wie in Russland vor hundert Jahren), mal ist ein endloser Marsch durch unwegsames Gelände notwendig (China) oder ein Guerillakrieg bei schweisstreibenden Temperaturen (Kuba). Schon ein kursorischer Blick in die Geschichte belegt, dass verzärtelte Charaktere für den gewaltsamen Umsturz wenig taugen.

Dumm nur, dass es die meisten heute lieber bequem haben. So in etwa das Ausgangsproblem, mit dem sich das Unsichtbare Komitee in seiner jüngsten Streitschrift konfrontiert wähnt. Der schlicht mit «Maintenant» betitelte Text, den das anonyme französische Kollektiv kurz vor den Präsidentschaftswahlen veröffentlicht hat, beginnt mit der lapidaren Feststellung, dass mittlerweile mehr als genug Gründe für eine Umwälzung der Verhältnisse vorliegen würden. Allein: «Es sind nicht die Gründe, die Revolutionen machen, sondern die Körper. Und die Körper sind vor den Bildschirmen.»

Zerfall traditioneller Milieus

Tatsächlich ist das Angebot an Unterhaltungselektronik stetig gewachsen, seitdem das Komitee vor zehn Jahren sein Pamphlet vom «kommenden Aufstand» verfasst hat. Der Text hatte damals viel Aufsehen erregt, vor allem nachdem die Polizei einen der AutorInnen identifiziert haben wollte, ihn des Terrorismus bezichtigte und mit einigen weiteren vermeintlichen «Gefährdern» (wie man heute wohl sagen würde) inhaftierte. Das rechtsstaatlich fragwürdige Vorgehen der französischen Behörden provozierte im In- und Ausland Empörung.

Wie schon «Der kommende Aufstand» und dessen 2014 publiziertes Update «An unsere Freunde» changiert auch «Maintenant» zwischen Zeitdiagnose, philosophischem Traktat und Revolutionsrhetorik. Im neuen Werk stehen indes Ereignisse in Frankreich im Vordergrund: Diskutiert werden etwa die Kämpfe gegen die «loi travail» im Frühjahr 2016, das besetzte ZAD-Gelände in Notre-Dame-des-Landes (siehe WOZ Nr. 14/2017) oder der bald zwei Jahre währende Ausnahmezustand.

Das ist aufschlussreich, weil es Einblicke in die Debatten der französischen Linken verschafft, und es liest sich munter, da die AutorInnen viel Freude an der Polemik haben. So werden Promis wie Jean-Luc Mélenchon rüde abgekanzelt, und auch für die basisdemokratischen Exzesse der PlatzbesetzerInnen von Nuit debout hat das Komitee nur Spott übrig: Sobald heute auf einer Versammlung jemand ziellos zu monologisieren beginne, würden die anderen stöhnen: «O nein, bitte kein Nuit debout!»

Jenseits solcher Anekdoten folgen die AutorInnen der Einschätzung, dass die Welt sich zunehmend zerstückelt. Interessant ist dabei die Deutung, dass dieser Zerfall traditioneller Milieus und die damit einhergehende Individualisierung überhaupt erst den Boden bereitet hätten für den Siegeszug der Technologiekonzerne: Facebook oder Apple lebten demnach davon, UserInnen das Gefühl zu vermitteln, sie hätten Zugang zur Welt, während sie faktisch immer «autistischer» würden, etwa wenn sie mit starrem Blick auf das Smartphone nichts mehr um sich herum wahrzunehmen vermöchten.

Nörgelnde GymnasiallehrerInnen

Etwas erinnert dieses Urteil zwar an nörgelnde GymnasiallehrerInnen, die sich von den Innovationen der Gegenwart überrollt fühlen; zugleich aber denken die AutorInnen historisch genug, um dem Verschwinden der vermeintlichen alten Übersichtlichkeit nicht einfach nachzutrauern. So biete gerade die soziale Fragmentierung die Chance, das kommunistische Projekt zu aktualisieren – vorausgesetzt, dass besagte «Körper» ihre Isolierung überwinden.

Unter «Kommunismus» versteht das Komitee nicht einen Zustand, sondern einen Prozess, in dem die Einzelnen sich immer wieder neu in Beziehung zueinander setzen – und so die Bruchstücke der alten Ordnungen produktiv rearrangieren. Daraus ergibt sich das Postulat, den Zerfall altehrwürdiger Institutionen – etwa der Familie oder staatlicher Einrichtungen – zu befördern, sich also an der «Destituierung» einst stabiler Gefüge zu beteiligen. Politisch bugsiert diese Position die AutorInnen an den äussersten linken Rand, Pragmatismus ist unter ihren Prämissen ein Verrat an der Realität, da diese für das Komitee wesentlich «chaotischer» Natur ist.

Kein Wunder also, dass «Maintenant» zur Apologie politischer Gewalt wird, wenn die AutorInnen etwa meinen, dass demolierte Bankfilialen nicht als Vandalismus, sondern als Infragestellung der Eigentumsverhältnisse zu begreifen seien. Nun ist zwar die fortwährende Abpressung von Mehrwert unter sich stets verschärfenden Bedingungen keine Petitesse; beim Unsichtbaren Komitee verkommt Militanz allerdings zum Selbstzweck: «Es geht nicht darum, für den Kommunismus zu kämpfen. Entscheidend ist vielmehr der Kommunismus, der im Kampf selbst gelebt wird.» Diese Sätze würde wohl auch ein Hooligan unterschreiben.

Die Idealisierung der Gewalt in Verbindung mit einer immer wieder aufblitzenden vitalistischen Begrifflichkeit rückt «Maintenant» gefährlich nahe an die rechtsradikale Modernekritik des frühen 20. Jahrhunderts. Ein bisschen mehr Geschichtsbewusstsein würde der revolutionären Sache sicher nicht schaden.

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