Nr. 28/2017 vom 13.07.2017

«Ein Betonraumschiff»

Für Schorsch Kamerun, den Sänger der Goldenen Zitronen, war die Austragung des G20-Gipfels in Hamburg ein arroganter Entscheid. Er fordert aber auch eine stärkere Beschäftigung mit der Mystik der Gewalt.

Interview: Kaspar Surber, Hamburg

WOZ: Der G20-Gipfel ist vorbei. Wie hat er sich auf Hamburg ausgewirkt?
Schorsch Kamerun: Es ist schwierig, eine solche Frage als einzelne Stimme zu beantworten. Das Gefühl in einer Stadt ist immer kollektiv. Ich kann aber sicher für die meisten sagen, dass die Idee falsch war, diesen Gipfel den Leuten hier einfach reinzuwerfen. Er ist gelandet wie ein Betonraumschiff mit Nato-Stacheldraht. Die Stadt wurde in Zonen unterteilt, Bürger durften nicht mehr aus dem Fenster schauen, weil Scharfschützen postiert wurden. Partizipation sieht anders aus. Der Bürgermeister hatte die Anfrage, den Gipfel auszurichten. Er sagte zu, ohne die Bevölkerung zu fragen – mal wieder. Ich bin sicher, die Mehrheit hätte dagegen gestimmt, wie schon gegen die Olympischen Spiele.

Wie kam es zu diesem einsamen Entscheid?
Hinter dem Entscheid steht eine ungeheure Arroganz. In den Hamburger Quartieren, auf St. Pauli im Karolinen- oder im Schanzenviertel, wird von den Bewohnern in teils aufwendiger, aber nachhaltiger Bemühung eine interkulturelle Diversität gelebt. In dieser Vielfalt mal eben so ein Weltführertreffen aufzuführen, war nur stumpf! Es ist die gleiche elitäre Autorität, die auch von den G20 selbst ausgeht, die zum Beispiel «über Afrika reden» wollen und nur ein afrikanisches Land dazu einladen.

Wie habt ihr in der Hamburger Polit- und Kulturszene auf den Entscheid reagiert? Ihr seid ja bekannt dafür, stets neue Formen des Widerstands zu suchen.
Im Vorfeld gab es die buntesten Überlegungen für den Protest gegen den Gipfel. Dabei war uns klar, dass der Anlass nach den Gesetzen der Eventgeilheit funktionieren würde. Schon die Situationisten sprachen von der Gesellschaft des Spektakels. Es gab von Anfang an die Befürchtung, dass man diese Logik nur schwer würde durchbrechen können.

Nun bestimmen die Bilder der Ausschreitungen die Berichterstattung über die Proteste. Wie liesse sich dies das nächste Mal verhindern?
Die Gewaltfrage schwebt derzeit über allem: Bist du für oder gegen die Gewalt? Dabei ist das längst beantwortet. Niemand kann öffentlich zur Gewalt aufrufen, weil es ein Monopol gibt. Man muss aber klar sagen, dass weiter mit einer Mystik der Gewalt gedealt wird. Durch die stete Andeutung einer möglichen physischen Ausübung wird etwas riskant offengelassen, in einer Latenz, die nie zu Ende erzählt wird. Es muss darüber nachgedacht werden, ob das hilfreich ist. Wen zieht das eigentlich an? Und hält man so nicht auch den Law-and-Order-Köpfen das Stöckchen hin: Aktuell schwatzen besonders Saubere bereits offen darüber, aus dem Kulturzentrum Rote Flora im Schanzenviertel einen Kindergarten zu machen.

Was wäre ein Beispiel für diese Latenz?
Wenn eine Demo «Welcome to Hell» heisst, dann verstehe ich den Titel erst mal als polemische Zuspitzung. Auch ich finde, dass der Kapitalismus in seiner Autoaggressivität die Hölle ist, allerdings eine sehr komplexe Hölle: Für manche, die den falschen Pass haben, ist sie sehr konkret, für andere wirkt sie sich eher abstrakt aus. Nun sollte aber auch den G20 die sogenannte Hölle bereitet werden, für die sie mitverantwortlich sind – was immer das bedeutet. Inhaltlich bin ich mit dem Titel einverstanden, darum sind wir mit den Zitronen auch auf der vorausgehenden Kundgebung zur Demo aufgetreten. Doch das öffentliche Kokettieren mit der Gewalt nervt mich auch. Ich bin mir nicht sicher, ob das überhaupt noch progressiv sein kann. Wobei speziell diese Demo zuerst von der Polizei aufgemischt wurde. Die Gewalt ging in diesem Moment jedenfalls nicht von einer schwarzen Stoffhaube aus.

Wie habt ihr als Stadtbewohner die Randale im Schanzenviertel empfunden?
Das Schanzenviertel ist bei aller Durchmischtheit auch ein gentrifiziertes, teures Wohn- und Ausgehquartier. Kaum jemand versteht hier, dass mittendrin Autos angezündet und Läden auseinandergenommen werden. Noch absurder allerdings wurde das Hochsicherheitsszenario der zwanzig selbsternannten Superastronauten aufgenommen, die nun zur nächsten ökonomischen Verhandlung weitergedüst sind.

Ihr bleibt in Hamburg. Wie macht ihr mit eurer Arbeit weiter?
Die Stadt ist weiter heiss. Die ganze Hardlinerdiskussion hat längst begonnen, erste Racheengel bringen sich in Stellung. Aber es gab auch jede Menge Sachen, die cool waren. Widerstand, der gelungen ist: zum Beispiel der «Arrivati-Park» während des Gipfels, der sich mit ursprünglichen Stadtrechten beschäftigt hat. Hier wurde tagelang eine Urban-Citizenship-Card ausgestellt. Oder die riesige, auch musikalisch fette Demo «Lieber tanz ich als G20» mit dem Motto «G20 wegbassen». Bei aller Aufgeladenheit herrschte auch Aufbruchstimmung – nur eben mit darüber kreisenden Hubschraubern. Unterschiedlichste Leute sind zusammengekommen, Szenen haben sich verknüpft. Das Gefühl, politisch aktiv zu sein, habe ich bei vielen als sehr positiv empfunden. Und es war auch ein internationales Moment spürbar.

Werdet ihr euch auch als Goldene Zitronen mit dem Gipfel beschäftigen?
Für uns sind all diese hoch widersprüchlichen Themen – in denen wir auch mittendrin stecken – immer auf dem Zettel. Uns interessiert, wie sich nichthierarchische Formen sichtbar machen lassen – ob in der Kunst oder im urbanen Zusammenleben.

Schorsch Kamerun (54) ist Sänger der Band Die Goldenen Zitronen. Die Hamburger haben sich auf ihrem letzten Album «Who’s bad?» (Buback, 2013) in Songs wie «Ma Place», «Der Investor» oder «Kaufleute 2.0.1» mit der Stadtentwicklung beschäftigt. Von Kamerun erschien der autobiografisch gefärbte Roman «Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens» (Ullstein, 2016).

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