Nr. 28/2017 vom 13.07.2017

Horror im Heidiland

Heidi als Outlaw gegen die Blocher-Schweiz: Ein junger Berner wirbt im Netz für sein Filmprojekt «Heidiland». Mit an Bord ist der finnische Produzent, der in «Iron Sky» schon Hitler auf den Mond geschossen hat.

Von Florian Keller

Schlagkräftig: Heidi soll als blutverschmierte Heldin einer Horrorkomödie auf die Leinwand kommen. Illustration: Leo Matkovic, EFENTWELL!

Die Welt stürzt ins Chaos, Bürgerkrieg überall. Überall? Nein, mitten in Europa hält sich ein kleines Land hinter riesigen Grenzmauern verschanzt als Insel von Frieden und Wohlstand, zumindest für all jene, die sich das leisten können und keine lästigen Fragen stellen. Willkommen in der Schweiz! Sie wird jetzt regiert von einem einzigen Bundesrat, einem steinreichen Populisten namens Meili, und als Grenzschutz operiert die Morgenstern-Miliz, die unter der Führung von Kommandant Knorr subversive Elemente aussortiert.

So ungefähr kommt es heraus, wenn man die einschlägige SVP-Propaganda mal beim Wort nimmt und konsequent zu Ende denkt. Der Mann, der sich dieses dystopische Szenario ausgemalt hat, ist der Berner Filmemacher Johannes Hartmann: «Heidiland» soll sein erster Spielfilm heissen, ein apokalyptischer Alpenwestern mit Heidi als schlagkräftiger Rebellin gegen den Landesvater und dessen Sturmtruppen. «Es soll ein Film sein, der sich selber nicht zu ernst nimmt, aber durchaus mit einem ernsthaften, politischen Kern», sagt der 31-Jährige. Gedreht ist noch gar nichts, «Heidiland» nimmt jetzt erst mal Fahrt auf als Netzphänomen.

Hartmann ist nicht der Einzige, der gerade mit der Idee spielt, das Heidi, diese Ikone der alpinen Unschuld, als blutverschmierte Heldin einer Horrorkomödie zu besetzen. Der Genfer Regisseur Xavier Ruiz («Verso») und sein Regiepartner Jean-Paul Cardinaux wollen die unsterbliche Alpentochter in einem Animationsfilm gegen Untote kämpfen lassen: «Heidi vs Zombies» heisst ihr Folklorehorror, ein Clash of Civilizations für Nerds. Drehreif ist auch dieses Projekt noch nicht, aber Ruiz und Cardinaux bringen die Geschichte Ende Jahr erst mal als Comic heraus, beruhend auf dem Storyboard für den Film; für die Verfilmung sind sie dann auf ihre Produzenten in Japan und den USA angewiesen, die ihre Zusage vom Comic abhängig machen wollen. Aber wenn anderswo schon die Romane von Jane Austen mit Untoten gekreuzt werden («Pride and Prejudice vs Zombies»), wieso sollte dieser Spass nicht auch mit Johanna Spyris «Heidi» funktionieren?

Nazis auf dem Mond

Hartmann wiederum hat für sein «Heidiland» bereits einen Patron gefunden, der ihm und seinem Schweizer Produzenten Valentin Greutert bei der Finanzierung helfen will: Tero Kaukomaa, umtriebiger Filmproduzent aus Finnland und seit sechzehn Jahren Familienvater in Zürich. Kaukomaa ist der Mann hinter «Iron Sky» (2012), jenem Kultfilm, in dem die Nazis vom Mond zurückkehren, wo sie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs überwintert hatten. Die Prämisse war aberwitzig, der Film selber war es dann nur so halb, trotz Steampunk-Flair und Udo Kier als Führer namens Kortzfleisch. Das hielt die Chefkritikerin der NZZ damals allerdings nicht davon ab, die «genialische» Trashkomödie als «anarchistisches Meisterwerk» zu adeln – maximale Punktzahl im NZZ-Rating!

International war der Film ohnehin so erfolgreich, dass Kaukomaa mit «Iron Sky» inzwischen fast ausgelastet ist: Ein Sequel ist bereits abgedreht, derzeit bereitet der Produzent ein 20 Millionen Euro teures Spin-off für den chinesischen Markt vor, wie er bei einem Eistee in Zürich erzählt, während es draussen so heiss ist wie in einer finnischen Sauna.

Der Finne lebt schon insgesamt zwanzig Jahre hier – lang genug zwar, dass er Mundart mehr oder weniger versteht, aber selber redet er doch lieber in der Weltsprache des Filmgeschäfts, also Englisch. Ein stolzes Exemplar jener «schlecht integrierten Ausländer» also, gegen die sich die SVP eingeschossen hat? Kaukomaa lacht: Stolz nicht, aber ja, so könne man das sagen. Er hat auch schon seine Erfahrungen mit der Fremdenpolizei gemacht, die bei ihm an der Tür klingelte, kaum hatten seine Schweizer Frau und er die Scheidung eingereicht. «Die Schweiz ist eine sehr merkwürdige Mischung aus extrem liberal und extrem konservativ», sagt der 57-Jährige. Dass es hier praktisch keine Tagesschulen gab, hat ihn damals bei seiner Ankunft nachhaltig irritiert: «Das ganze System beruht offenbar darauf, dass jemand von den Eltern zu Hause bleibt.»

Und wer spielt das Heidi?

Nachdem er Hitler auf den Mond geschossen hat, will Kaukomaa jetzt also helfen, Heidi als Outlaw gegen eine abgeriegelte Blocher-Schweiz in Stellung zu bringen. In Cannes hat er schon mal für «Heidiland» geworben, obwohl es für den Film noch nicht einmal ein Drehbuch gibt. Auch zur Besetzung ist noch nichts zu erfahren, ausser dass Max Rüdlinger den Knorr spielen werde. Hartmann wird im August einen kurzen Teaser drehen, um damit dann potenzielle Investoren auf den Plan zu rufen. So ähnlich ist Kaukomaa auch bei «Iron Sky» vorgegangen: Mit einem spektakulären Teaser weckte er im Netz die Neugier auf einen Film, der noch gar nicht finanziert war, via Crowdfunding kamen schliesslich über zehn Prozent des Budgets zusammen.

«Crowdfunding ist in erster Linie Marketing», sagt Kaukomaa. Natürlich ging es im Fall von «Iron Sky» darum, Geld zu sammeln, aber das war vor allem ein Mittel zum Zweck, und der Zweck hiess: Aufmerksamkeit schaffen, das künftige Publikum als Fan-Community an den Film binden, also frühzeitig den Markt mobilisieren. Gut möglich, dass dieser Plan auch bei «Heidiland» aufgeht. Auf Facebook hat der Film schon gegen 15 000 Likes, zwei Drittel davon aus dem Ausland – dabei gibts noch gar keine eigenen Videos zu sehen, dafür lustige Memes über Schweizer Volkskultur, etwa zur Wirkung der Nationaldroge Fondue. Und vor allem dieses schaurig-schöne Teaserplakat mit der global einprägsamen Tagline: «They just fucked with the wrong Heidi.»

Wie man Angst verkauft

Gedreht werden soll «Heidiland» auf Englisch, als Low-Budget-Produktion für weniger als eine Million Franken, ausgerichtet auf ein internationales Publikum. Der Schweizer Film ist ja ein bisschen traumatisiert vom Horror, seit Michael Steiners «Sennentuntschi» (2010) beinahe als millionenschweres Fiasko geendet hätte. Aber angesichts des reichen Schatzes an schauerlichen Alpensagen ist es eigentlich erstaunlich, dass das Grauen im hiesigen Kino so gar keine Tradition hat.

Der Markt für Horrorfilme, so heisst es oft, sei in der Schweiz einfach zu klein. Wobei, wenn man sich die Bilder anschaut, mit denen die SVP gerne das Land tapeziert, fragt man sich: Warum eigentlich, wo doch der Markt für Angst offenbar so gross ist in diesem Land?

Debatte

Rette sich, wer Cannes

Bis ins Kino ist noch ein weiter Weg für «Heidiland», aber eines kann man jetzt schon sicher sagen: Im Wettbewerb von Cannes oder bei den Oscars wird dieser Film nie landen. An diesen beiden Kriterien misst das Filmmagazin «Frame» unter der trumpistischen Headline «Macht den Schweizer Film wieder gross!» die internationale Strahlkraft des hiesigen Kinos: eine Oscar-Nominierung als bester fremdsprachiger Film und eine Einladung in den Wettbewerb von Cannes, Berlin oder Venedig. Das sind natürlich praktische Parameter, weil man so die diesjährigen Oscar-Nominierungen in den «falschen» Kategorien für «Ma vie de Courgette» (Animationsfilm) und «La femme et le TGV» (Kurzfilm) genauso bequem beiseitelassen kann wie den Exportschlager «Heidi» (verkauft in über hundert Länder, bislang 3,5 Millionen Eintritte).

Der Befund des Rundumschlags auf dreizehn Seiten? Der Schweizer Film sei am Boden, und schuld daran seien die Förderpolitik und auch ein bisschen die Filmschulen (also eigentlich die in Zürich). «Frame» weiss auch schon, was zu tun wäre. Die meisten Rezepte sind vielleicht nicht neu, aber viele wären nach wie vor dringend eine Debatte wert: etwa mehr Geld für Drehbücher, Intendanz statt rotierender Kommissionen in der Filmförderung, mehr Offenheit gegenüber neuen Formaten, höhere Anforderungen für Erfolgsprämien. Dass solche Ideen offene Ohren finden, darf jedoch bezweifelt werden. Filmpolitik in der Schweiz, das hiess in den letzten Jahren vor allem: Appeasement der Branche.

Wobei die Diagnose von «Frame» auch nur bei selektiver Wahrnehmung haltbar ist. Dass der Schweizer Film zuletzt mit «Chrieg», «Dora» und «Aloys», aber auch «Europe, She Loves» und «Above and Below» künstlerisch so aufregend war wie seit zehn Jahren nicht mehr: kein Wort davon im Heft. Aber seis drum, Polemik verlangt nach Zuspitzung. Und kultureller Chauvinismus braucht halt eine Goldene Palme.

Florian Keller

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