Nr. 31/2017 vom 03.08.2017

Hol mal Deniz heim!

«Taz»-Redaktorin Doris Akrap hatte eine heisse Sommeraffäre mit Angela Merkel. Jetzt beantwortet die Bundeskanzlerin nicht einmal mehr ihre Briefe.

Von Doris Akrap, Berlin

Was Angela Merkel in ihrer ersten, zweiten und der ersten Hälfte ihrer dritten Amtszeit als Kanzlerin so gemacht hat, hab ich vergessen. Ist ja auch schon lange her. Mag aber auch daran liegen, dass ich erst seit knapp zwei Jahren eine Beziehung mit ihr habe. Und die wurde immer enger, denn wir haben einen gemeinsamen Bekannten, um den wir uns beide kümmern.

Alles begann im Sommer 2015. Merkel liess die Flüchtlinge rein, forderte alle auf, es zu schaffen, und landete damit einen echten Sommerhit. Ob sie so entschied, weil sich die Flüchtlinge nicht auf einem Gummiboot im Mittelmeer befanden, in dem sie praktischerweise absaufen, wobei es kaum Bilder von Leichen gibt, oder weil sie es darauf abgesehen hatte, den Status als Führerin der freien Welt zu bekommen – war mir egal. Es war in erster Linie sympathisch und richtig. Manche erklärten Merkels Haltung mit ihrer Ossi-Erfahrung, was ziemlicher Unsinn ist: Es sind bis heute nicht die Münchnerinnen und nicht die Frankfurter, nicht die Kölner und nicht die Hamburgerinnen, sondern die Ossis, die Merkel am meisten dafür hassen, dass sie die AusländerInnen ins Land gelassen hat, und ihr vorwerfen, den Untergang der deutschen Nation vorzubereiten.

Die Merkel-LoverInnen

Ich jedoch konnte mich erst mal nicht beschweren. Wegen Merkels Haltung und des folgenden deutschen Teddy- und Altkleiderabwurfwettbewerbs kam ich zu meinem ersten Text im «Guardian». Der rief an, weil er auf der Suche nach einem deutschen Gastarbeiterkind war, das – voll authentisch – erklären sollte, wie supergrossartig sich Deutschland vom Rassismus befreit hatte und zur Heldennation Europas geworden war. Ich erklärte allerdings, dass sich nach «Blitzkrieg» und «Waldsterben» jetzt «Willkommenskultur» als deutscher Exportschlager zwar durchgesetzt habe, was zumindest auf den unbedingten Willen zu einem positiven Imagewandel schliessen lasse, dass ich aber ziemlich skeptisch sei, ob «Willkommen» in Deutschland nicht bald wieder nur als Slogan auf der Fussbodenmatte stehen werde.

Es dauerte nicht lange. Im Oktober fuhr Merkel eine Woche vor der Präsidentschaftswahl in die Türkei und liess sich von Präsident Recep Tayyip Erdogan ein paar Flüchtlinge abnehmen. Viele meiner linken deutschen Freundinnen und Kollegen, die im Sommer zu Merkel-LoverInnen geworden waren, wollten nicht schon wieder ihre Meinung ändern und blendeten diese Episode aus. Sie schrieben gar, sie seien ganz froh über den Deal, denn Deutschland könne das Problem ja schliesslich nicht alleine lösen, und wenn die EU nicht mitspiele, müsse man eben auch mit unbequemen Staatslenkern zusammenarbeiten.

Meine linken türkischen Kolleginnen und Freunde sahen das ganz anders und sind bis heute nicht gut auf Merkel zu sprechen. So kurz vor der Wahl eine deutsche Kanzlerin als Bittstellerin in Ankara empfangen zu dürfen, brachte Erdogan möglicherweise die schwer benötigten Stimmen, um die Wahlen überhaupt zu gewinnen. Mein Verhältnis zu Merkel – so dachte ich damals – war eben tatsächlich nur eine kurze, heisse Sommeraffäre gewesen. Aber es kam anders.

Streicht das Taschengeld!

Der Besuch auf den goldenen Sultansstühlen war nur der Auftakt zu einer türkisch-deutschen Beziehung, in der sich die deutsche Seite erpressbar gemacht hat und die dazu führte, dass mein Kollege und langjähriger Freund Deniz Yücel, der Türkeikorrespondent der «Welt», ins Gefängnis geworfen wurde. Zugegeben, dieser Satz ist nicht zitierfähig. Aber man wird ja wohl noch zuspitzen dürfen.

Die beiden Medienschaffenden Mesale Tolu und Deniz Yücel, der Menschenrechtler Peter Steudtner und etliche andere, von denen wir nichts wissen, werden von Erdogan als Geiseln gehalten, sitzen im Knast. Und Merkel sitzt in der Klemme.

Weil sie es auch nach etlichen Monaten nicht geschafft hatte, Deniz aus dem Knast zu holen, schrieb ich – zum ersten Mal in meinem Leben – einen offenen Brief. Ich schrieb der Kanzlerin, «von Aktivistin zu Aktivistin». Ich erzählte ihr von meiner #FreeDeniz Promotion Tour und fragte sie, wie ihre Hundert-Tage-Bilanz ausfällt und warum sie mit der türkischen Regierung nicht mal so spricht, dass die es versteht: Deniz her, oder ich streich euch das Taschengeld. Angela Merkel hat bis heute nicht geantwortet. Ich werde sie also sicher nicht wählen. Dafür müsste sie mindestens mit Deniz an der Hand auf der Gangway erscheinen.

An dieser Stelle berichten PublizistInnen aus Deutschland vor der Bundestagswahl über den Zustand ihres Landes. Den Auftakt macht Doris Akrap, Redaktorin der «taz».

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