Nr. 32/2017 vom 10.08.2017

Angie! Tu es für mich!

Satiriker Leo Fischer erklärt ein Paradox der deutschen Linken.

Von Leo Fischer, Frankfurt am Main

Kann es Merkel noch mal schaffen? Ich gebe zu, dass mich derzeit nichts so sehr quält wie diese Frage. Besorgt studiere ich ihre Gesichtsfarbe im Fernsehen, achte auf ihre Mimik bei Debatten. Geht es ihr gut? Ist sie auf Zack? Hat sie Spass an der Sache? Oder geht ihr, mal salopp gesagt, der ganze Wahlkampfzauber schon schwer auf den Senkel? Denkt sie eventuell gar an Rücktritt? Nicht auszudenken, was dann geschehen würde. Sie, die letzte grosse Staatsmännin Europas. Sie, der letzte Pfeiler, auf dem die westliche Welt ruht. Geht es ohne sie? Ich glaube es nicht. Und ich stehe mit dieser Ansicht nicht allein.

Eine von uns

Unterhält man sich derzeit mit deutschen Linken, geben die meisten es nach ein bis drei Bieren irgendwann von selbst zu: Eigentlich finden sie Merkel ganz in Ordnung, dochdoch. Natürlich, das unangenehme Taktieren in Sachen Homoehe. Natürlich, der Umgang mit den Flüchtlingen. Natürlich, letztlich eine eiskalte Neoliberale ohne Reue. Aber irgendwie meint sie es doch auch gut, oder? Der Laden brummt. In ihrer Amtszeit hat Deutschland keine neuen Kriege gegen unsere europäischen Nachbarn vom Zaun gebrochen. Einen Börsencrash gab es auch nicht; tödliche Seuchen, wie das lange Zeit gefürchtete Super-Aids, sind ebenfalls nicht aufgetreten. Auch wurden ihre politischen GegnerInnen noch nicht zusammengetrieben und niedergeschossen, was ja auch für ihre Dialogbereitschaft spricht. Lasst sie doch erst mal machen!

In der deutschen Linken gibt es dieses Paradox: Man müsste eigentlich gegen Merkel sein, und man kann es doch nicht. Doch nicht gegen sie persönlich. Natürlich, gegen die CDU! Gegen die CSU natürlich gleich doppelt! Da sind ja teilweise waschechte Faschos drin! Aber Merkel hat damit doch nichts zu tun, oder? Ja, gut, sie hat diesen Leuten wichtige Posten gegeben, sie zum Teil sogar zu Ministern gemacht. Aber Merkel selbst? Sie steht doch über diesen Dingen. Sie denkt zuerst an das Land, dann an Europa, dann erst an die eigene Partei. Sie sieht die Dinge doch pragmatisch!

Und ist sie letztlich nicht eine von uns? War sie nicht gar mal in der SED? Hat sie nicht noch Marxismus/Leninismus gepaukt? Hat sie nicht noch den Kommunismus vor Augen gehabt? Das kann doch jetzt unmöglich weg sein! Die hat noch unsere Träume geträumt, unser Leben gelebt! Die konservative Partei ist ihr doch nur Vehikel! Merkel ist ein U-Boot, eine Doppelagentin; sie verwirklicht den Sozialismus, indem sie den Konservatismus von innen her auflöst wie eine mit Salzsäure gefüllte Weihnachtsgans.

Die Linke in der Tasche

Woher kommt diese seltsame Liebe? Wohl vor allem daher, dass die deutschen Linken die SPD viel mehr hassen, als sie die CDU jemals hassen könnten. Die CDU sagt wenigstens klipp und klar, dass sie die Armen ausplündern und die sozialen Strukturen zerstören möchte. Die SPD gibt erst ein gewaltiges moralisches Geschwafel von sich und verwirklicht dann alles, was sich die CDU nicht einmal in ihren feuchten Träumen ausmalen könnte. Und das Schlimmste: mit einem guten Gewissen! Mit dem zufriedenen Lächeln des habituellen Verantwortungsträgers. Gerade unter dem je nach Blutzuckerspiegel mal in die eine, mal in die andere Richtung irrlichternden Sigmar Gabriel war die SPD hauptsächlich für bombastisches Getöse zuständig. Ein politischer Kurs: nicht erkennbar. Im Wochenturnus wollte Gabriel mal im Lager der AfD-Anhänger fischen, dann bei den Wählerinnen der Linkspartei. Verloren hat er in beide Richtungen. Gegen die Verlogenheit und Taktiererei der SPD erscheint dem deutschen Linken die ungeschönte Brutalität der CDU als geradezu erfrischend in ihrer Ehrlichkeit.

Merkel kann man einfach nicht böse sein. Man bringt sie einfach nicht mit ihrer Agenda zusammen. Sie hat die deutsche Linke komplett in der Tasche. Viele sich nach aussen radikal gebende GenossInnen werden sie wohl wählen. In der Hoffnung, dass sie in der vierten Amtszeit doch noch den Kommunismus ausrufen wird. Ich weiss, dass das nicht stimmt. Und doch traue ich es ihr mehr zu als sonst einem deutschen Politiker. Bitte, Angie! Tu es für mich!

An dieser Stelle berichten PublizistInnen aus Deutschland vor der Bundestagswahl über den Zustand ihres Landes. Leo Fischer ist ehemaliger Chefredaktor der Satirezeitschrift «Titanic», Kolumnist diverser Medien und Politiker (Die PARTEI).

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