Nr. 32/2017 vom 10.08.2017

Der Bund fördert Glas und Stein

Der Bund sorgt mit einer neuen Förderpolitik für Verärgerung bei den Museen: Sie meide die inhaltliche Auseinandersetzung, folge einem traditionalistischen Museumsverständnis und bevorzuge Sammlungen in der Romandie.

Von Silvia Süess

Rückwärtsgewandter Kulturspeicher? Neu fliesst mehr Bundesgeld in die Romandie, etwa ins Archäologiemuseum Laténium in Neuenburg. Foto: Y. André, Laténium Neuchâtel

«Es freut uns, Ihnen mitteilen zu können, dass das Bundesamt für Kultur (BAK) nach eingehender Prüfung des Gesuchs entschieden hat, dem Alpinen Museum der Schweiz in der Periode von 2018–2022 eine Finanzhilfe an die Betriebskosten auszurichten.» So freudig wie der Brief beginnt, ist die Nachricht dann allerdings nicht, die Beat Hächler, Direktor des Alpinen Museums in Bern, Mitte Juli erhalten hat. Denn im Schreiben wird er darüber informiert, dass die finanzielle Unterstützung des Bundes massiv gekürzt wird. Von einer Million, die das Museum 2017 noch bekommen hat, schrumpft der Beitrag ab 2019 auf 250 000 Franken.

Für Hächler, unter dem das Alpine Museum zu einem der innovativsten Museen der Schweiz wurde, ist die Nachricht ein Schock. Weil die Bundesgelder ein Drittel des Budgets des Hauses ausmachen, sieht er die Existenz des Alpinen Museums gefährdet. «Das BAK nimmt die besondere Verantwortung, die es unserem Haus gegenüber seit Jahrzehnten hat, nicht wahr», kritisiert er. «Der Bund selber hat dieses Museum gegründet. Es ergibt doch keinen Sinn, uns nach dem Aufbau wieder abzuschaffen.»

Die Kürzung ist die Folge einer neuen Museumsfinanzierungspolitik, die der Bund mit der Kulturbotschaft 2016–2020 verfolgt (vgl. «Gewinner und Verlierer» im Anschluss an diesen Text). Erstmals gibt es eine Gesamtkoordination der Finanzhilfe für Museen, Sammlungen und Netzwerke von Dritten, sie unterliegt dem BAK. Der Bund ist dabei subsidiär tätig. Das heisst, er unterstützt nur Museen, die bereits vom Kanton, von den Gemeinden oder anderen Geldgebern massgeblich finanziert werden.

Auf eine öffentliche Ausschreibung bewarben sich 35 Museen. Ein sechsköpfiges ExpertInnenteam prüfte die eingereichten Dossiers auf drei vom BAK vorgegebene Kriterien: Die Museen müssen «eine gesamtschweizerische bedeutsame Ausstrahlung und Qualität aufweisen, über eine für das kulturelle Erbe der Schweiz bedeutsame und einzigartige Sammlung von hohem kulturellen Wert verfügen sowie eine innovative und breite Vermittlungsarbeit leisten». Aufgrund dieser Auswertung suchte das BAK die aus seiner Sicht förderungswürdigen Museen aus.

Daneben betrieb und betreibt der Bund eigene Museen. Für diese gelten ganz andere Bedingungen, die sich mit der neuen Strategie nicht veränderten.

Transparenz statt Lobbying

Sehr zufrieden mit der neuen Strategie ist David Vuillaume, der Geschäftsleiter des Verbands der Museen der Schweiz: «Es ist endlich eine saubere, systematische, transparente und verständliche Art, Bundesgelder zu verteilen», auch wenn es ihm natürlich leidtue für all die Museen, die gar nicht oder mit weniger Geld berücksichtigt worden seien.

Die bisherige Finanzierung der nicht bundeseigenen Museen lief direkt über einzelne Bundesämter und das Parlament. Nur wenige Museen erhielten Gelder – hauptsächlich solche, die eine gute Lobbyarbeit machten und politisch vernetzt waren. Noch im Jahr 2010 wurde das Alpine Museum so über das Bundesamt für Umwelt finanziert, das Technorama über das Staatssekretariat für Bildung und Forschung.

Dass historisch Gewachsenes periodisch überprüft wird und es nun eine Strategie mit der Gesamtkoordination beim BAK gibt, begrüsst auch Beat Hächler vom Alpinen Museum. Allerdings setzt er hinter diese neue Strategie einige Fragezeichen. So kritisiert er das traditionalistische Museumsverständnis des BAK: «Für das BAK ist das Museum ein rückwärtsgewandter Kulturspeicher mit einem Sammlungsauftrag. Dabei sieht man international, dass Museen immer mehr zu offenen Foren werden und sich gerade in urbanen Räumen als partizipative Sozialagenturen betätigen.» Wenn sich unter den neu finanzierten Museen zwei archäologische Museen und zwei Glasmuseen befänden, werde durchaus ein kulturpolitisches Zeichen gesetzt: «Ein Museum muss sich aus Sicht des Bundes anscheinend mit der Vergangenheit beschäftigen und nicht mit der Gegenwart oder der Zukunft.»

Diesem Vorwurf widerspricht Daniel Menna, Mediensprecher des BAK: «Das Kriterium der Sammlung sowie jenes der Innovation bei der Vermittlung wurden gleich stark gewertet.» Dass zwei Museen zum Glas- beziehungsweise Keramikhandwerk sowie zwei zur Archäologie neu gefördert werden, sei ein Zufall: «Die thematische Ausrichtung der Museen war kein Kriterium. Es ging darum, wie die einzelnen Museen ihre Themen behandeln.»

Genau hier setzt die nächste Kritik von Hächler an: Ihm fehle eine inhaltliche Auseinandersetzung bei der Auswahl: «Die Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz der in den Museen verhandelten Themen wurde bei der Mittelvergabe offensichtlich nicht gestellt.» Natürlich nicht, kontert Menna: «Thematische Lenkung zu machen, ist nicht die Funktion des Bundes.»

Allerdings sah dies in der letzten Kulturbotschaft für die Jahre von 2010 bis 2015 noch anders aus: In dieser Zeit basierte die Ausrichtung der Betriebsbeiträge an Museen auf der Festlegung von Bereichen und Themen, denen der Bund eine besonders hohe Bedeutung zusprach. Im Bereich Gesellschaft und Geschichte waren dies nebst anderem die Berg- und Alpenwelt, im Bereich des Kulturschaffens die elektronischen Künste sowie die Architektur, weswegen das Haus für elektronische Künste in Basel sowie das Schweizer Architekturmuseum damals Unterstützung erhielten. Das Architekturmuseum wird nach den neuen Vergabekriterien nicht mehr berücksichtigt.

Mit dem Rechenschieber

Die Auswahl sei nach objektiven Kriterien erfolgt, sagt Daniel Menna vom BAK. Allerdings lassen sich durchaus Fragen nach der behaupteten Objektivität stellen, so etwa bei der Zusammensetzung der ExpertInnen: Von sechs kommen vier aus der Romandie und einer aus dem Tessin. Von den acht neu berücksichtigten Museen sind vier aus der Romandie, eines aus dem Tessin. Zufall? Objektivität? Hinzu kommt, dass jedes Museum eine andere Geschichte und eine andere Sammlungspolitik hat. Diese mit einem einheitlichen Kriterienkatalog auf einen gemeinsamen Nenner bringen zu wollen, ist praktisch unmöglich, zeugt allerdings von einem Zeitgeist, in dem alles bemessen und mit Zahlen abgesichert werden muss.

«Das Modell einer Kulturförderung per Rechenschieber ist besorgniserregend», schreibt der Verein der Museen im Kanton Bern, der gemeinsam mit anderen regionalen Verbänden eine Stellungnahme verfasst hat. «Inhalte, Ansätze, Vernetzung, Bedeutung und Ausstrahlung passen in kein Rechenmodell. Sie zu gewichten, gehört zu den Aufgaben einer verantwortungsvollen Kulturpolitik.»

Neben der Kritik an der neuen Strategie bleibt eine letzte Frage offen: Warum wurden eigentlich für die bundeseigenen Museen keine neuen Spielregeln aufgesetzt? Warum betreibt der Bund mit dem Museum St. Georgen in Stein am Rhein ein eigenes Kloster? Oder was legitimiert das Museum für Musikautomaten im solothurnischen Seewen dazu, anderen Bedingungen unterstellt zu sein als all jene Museen, die sich um Finanzierung bewerben müssen? Das BAK verweist auf historische Gründe und sich unterscheidende juristische Grundlagen.

Für Beat Hächler vom Alpinen Museum ist auf jeden Fall klar, dass er den Beschluss des BAK nicht akzeptieren wird. «Ich glaube nicht, dass in diesem Land der politische Wille besteht, das einzige alpine Museum abzuschaffen.» Der Stiftungsrat werde entscheiden, ob er gegen den BAK-Entscheid Beschwerde einreiche oder ob auf anderem Weg eine Sonderfinanzierung des Bundes angestrebt werde. Die Hoffnung bestehe, dass der Bund seinen Entscheid nochmals überdenke: «Vielleicht müssen wir den Entscheid als Betriebsunfall verstehen, der bei der Umstellung aufs neue System eingetreten ist. Wenn dem so ist, ist er auch zu flicken.»

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