| [home] | WoZ-Online | 25.06.98 | ||
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Wer hätte denn gedacht, dass Joseph Sprung zurückkehrt. Dass er eines Tages hier in der Schweiz sitzt, in einem Zürcher Restaurant, und seine Geschichte erzählt bei Kaffee und bei Kuchen. Mit leiser und freundlicher Stimme, mit hoher Konzentration spricht Joseph Sprung von den Vergasungen, vom ständigen Hunger, vom täglichen Überlebenskampf ohne Hoffnung, vom älteren Freund auf der Schreibstube des Lagers, der ihm mehrmals das Leben rettete, vom Geruch brennender Leichen, der bis in die Werkhallen der IG-Farben drang, als der SS die Krematorien nicht mehr ausreichten, oder von den Wanzen in den Baracken, die mit dem gleichen Gas umgebracht wurden wie sonst die Menschen. Dazwischen fragt er, ob ich noch ein Stück Kuchen möchte, er bestellt einen weiteren Kaffee für uns beide, macht einen lustigen Witz und lacht sehr herzlich - um genau dort weiterzureden, wo er sich vorhin unterbrochen hat.
Ich überprüfe schnell das Tonband, Herr Spring. Damit Sie es nicht ein zweites Mal erzählen müssen. Ja, bitte, sagt Joseph Sprung, der heute Joseph Spring heisst, aber da brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Das kann ich hundertmal erzählen. Im schlimmsten Fall kann ich Ihnen das von Australien aus nochmals schicken, das ist kein Problem. Ein unverschämtes Anliegen Joseph Spring ist im Januar einundsiebzig Jahre alt geworden. Am 26. Januar 1998 hat sein Rechtsanwalt einen Brief an den Schweizerischen Bundesrat geschickt und 100 000 Franken Schadenersatz für ihn gefordert. Joseph Spring ist nicht der erste ausgeschaffte Jude, der von den Schweizer Behörden einen Schadenersatz verlangt. Am 18. Februar 1998 schrieb der Bundesrat dem ehemaligen Flüchtling Charles Sonabend, der sein Gesuch im Juni 1997 einreichte: «Die Schweizer Bundesbehörden haben sich im Gegensatz zum Naziregime weder eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit noch eines Kriegsverbrechens schuldig gemacht.» Eine Entschädigung von 100 000 Franken für die Ausschaffung der Eltern Sonabends in den Tod, im Sommer 1942, lehnte der Bundesrat ab. Im September 1997 andererseits bezahlte der Regierungsrat des Kantons Basel Stadt dem ehemaligen Flüchtling Eli Carmel 50 000 Franken Wiedergutmachung für eine Ausschaffung nach Deutschland im Oktober 1939; Carmel hat das Konzentrationslager Sachsenhausen überlebt. Joseph Sprung war in Auschwitz. Er ist im November 1943 aus der Schweiz abgeschoben worden; man hat ihn zweimal ausgeschafft, das erste Mal trieben ihn die Schweizer Grenzwächter nur ins besetzte Frank- reich zurück, das zweite Mal übergaben sie ihn direkt den Deutschen, zusammen mit seinen zwei Cousins und einem vierten Begleiter, der als einziger nicht in ein Vernichtungslager kam. Joseph Sprung war damals 16 Jahre alt, seine Cousins waren 14 und 21, sie hiessen Sylver und Henri Henenberg; der ältere, Henri, kam direkt aus einem belgischen Sanatorium. Man hatte es also auf Schweizer Seite mit zwei Kindern und einem Schwerkranken zu tun. Ihr französischer Begleiter hiess Pierre Rollin, er war 20 und offenbar kein Jude; warum Rollin in die Schweiz fliehen wollte, hat ihn Sprung nie gefragt. Joseph Sprung besass amtlich ausgestellte französische Papiere, die nicht der Wahrheit entsprachen. Nach diesen Papieren hiess er Joseph Dubois und stammte aus Metz. Auch seine Cousins besassen falsche Papiere, doch die waren etwas weniger perfekt und kamen vom Schwarzmarkt; sie hätten einer genauen Überprüfung, nach Ansicht Joseph Sprungs, nicht lange standgehalten. Eben deshalb wollte Sprung die beiden in Sicherheit bringen; er tat dies auf Bitten eines dritten Cousins, mit dem er sich seit mehr als einem Jahr als deutscher Emigrant in Frankreich durchschlug. Joseph Sprung war in Berlin geboren und 1939 mit Mutter und Bruder nach Belgien geflohen. Als dort die Deportationen begannen, hatte die Mutter den älteren Sohn nach Frankreich geschickt, den jüngeren versteckte sie in einem Kloster und tauchte unter. Vor dem Versuch, seine beiden Cousins zu retten, hatte Joseph Sprung in Bordeaux für eine Schweizer Firma gearbeitet, die im Auftrag der deutschen «Organisation Todt» Bunker für Unterseeboote baute. |
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