[home] WoZ-Online 25.06.98
Ein Glück, trotz Schweiz zu leben 1/4


Interview: Stefan Keller
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Herr Spring, als Hitler an die Macht kam, waren Sie sechs Jahre alt und lebten in Berlin. Wann sind Sie nach Frankreich geflüchtet?
Joseph Spring: 1939 hat mich eine Tante nach Belgien geholt, sie ist mit mir über die Grenze gefahren und hat mich als ihren Sohn ausgegeben. Mein Bruder war schon sechs Monate früher mit dem Mann dieser Tante über die Grenze gegangen, und ein bisschen später wurde auch meine Mutter nach Belgien geschmuggelt. Meine Mutter hatte in Berlin eine Eisdiele betrieben; mein Vater war 1932 gestorben, er hat das nicht mehr erlebt. - Wir wohnten dann in Antwerpen, bei einer zweiten Tante. Im Mai 1940 kam der deutsche Angriff, und wir sind nach Frankreich geflüchtet. Das heisst: Ich bin geflüchtet mit den Verwandten - mein Bruder war leider krank und lag im Krankenhaus in Antwerpen, die Mutter blieb bei ihm und konnte auch nicht mit - wir übrigen sind nach Frankreich geflüchtet. In Nordfrankreich, in der Stadt Arras, haben wir einen Zug geschnappt, meine Tante, ihr Mann, zwei Söhne und ich.

Die Söhne, das waren Sylver und Henri Henenberg?
Ja - die beiden, die ich später in die Schweiz bringen wollte; der dritte Sohn hiess Dolf, aber der war damals nicht dabei. Wir sind also von Arras ins Innere Frankreichs gereist, und am nächsten Tag ist unser Zug in einen anderen reingefahren. Und zwar so schlimm, dass unser Zug vollkommen zertrümmert wurde. Meine Tante hat beide Beine verloren - und hat gleich Wundbrand gekriegt. Drei Tage später ist sie im Krankenhaus gestorben.

Waren Sie auch verletzt?
Oja. Meine Beine waren gebrochen. Ich wurde dann in ein Kinderkrankenhaus nach Lorient gebracht, im Nordwesten Frankreichs, südlich von Brest. Dort hab ich gut Französisch gelernt.

Im Krankenhaus?
Im Krankenhaus. Ich sprach ja vorher kein Französisch, nur Flämisch und Deutsch. In Lorient habe ich ausserdem ein gutes französisches Kartenspiel gelernt, Belote - [lacht] - und ein paar Francs damit gewonnen! Nach sechs Monaten waren die Beine geheilt. Ich bin zurück nach Belgien und habe dort meine Mutter wieder gefunden. Ein Jahr später, 1941, mussten alle Juden in Belgien die Grossstädte verlassen. Wir lebten inzwischen in Brüssel und sind dann aufs Land geschickt worden, in ein kleines Dorf nicht weit von der holländischen Grenze. Dort haben alle Juden in einer Schule gewohnt, es waren vielleicht sechzig bis achtzig Leute, ganze Familien, und am Ende des Jahres 1941, nach ein paar Monaten, durften wir wieder zurück in die Grossstädte. Ich bin wieder zur Schule gegangen, bis im nächsten Jahr, im August 1942, diese Sache mit der Kommandantur war und mit den falschen Papieren. Wir haben inzwischen ja auch den gelben Stern getragen und so weiter

Essen Sie doch von dem Kuchen - vor lauter Reden kommen Sie nicht zum Essen!
Ja, ich habe nämlich Angst, dass Ihr Band zu kurz sein wird.

Oh, ich habe mehrere Bänder dabei..
Ja. Gut. Also, wenn Sie nichts dagegen haben… [isst] - Also 42, im August, mussten alle Juden auf die Kommandantur gehen und sich zur Arbeit melden, wie es hiess. Meine Mutter hatte aber mit belgischen Zwangsarbeitern gesprochen, und sie hatte gehört von Baracken, in die Juden reingingen, nachher wurde alles verklebt, und keiner kam mehr raus. Da hat sich meine Mutter gedacht: Da stimmt etwas nicht! Lieber gehe ich in den Untergrund. So sind wir nicht zur Kommandantur gegangen. Andere haben einfach das Gepäck genommen, sind hingegangen - und natürlich war es aus mit denen!

Was hiess das, in den Untergrund zu gehen?
Sie hat uns falsche Papiere beschafft. Meinen Bruder hat sie in einem Kloster untergebracht, und mich hat sie nach Frankreich geschickt. Ich hiess Joseph Dubois, und meine Mutter - das weiss ich gar nicht mehr, wie sie sich nannte. Ich weiss nur, dass sie im Untergrund war, und alle paar Tage gab es Razzien, bei denen die Papiere geprüft wurden. Wenn sie einmal geschnappt worden wäre, hätten ihr die Papiere allerdings nicht viel geholfen.

Warum?
Die Papiere waren nicht so wunderbar. - Aber, um jetzt weiterzuerzählen: Als wir nach Frankreich gingen 1942, mein Cousin Dolf und ich, haben wir uns in Montpellier festgesetzt, und dort bin ich wieder zur Schule gegangen, mit meinen falschen Papieren, ins Lycée. Auch ein paar schwarze Geschäfte habe ich gemacht, jeder musste Geschäfte machen, denn sonst gings ja nicht; als Jugendlicher konnte ich auch nicht einfach arbeiten, neben der Schule. Also, man hat sich so ein paar Franken verdient, und 1943, im Juli, kam ich einmal in mein Zimmer zurück. Da sagte meine Vermieterin: Die Polizei war da, vor fünf Minuten. - Ich bin gleich zu meinem Cousin und habe ihm gesagt: Die Polizei war da. Los! So sind wir nach Bordeaux weitergereist, dort haben wir uns wieder niedergelassen, und ich habe einen Job gefunden als Dolmetscher bei einer Schweizer Firma, die im Hafen von Bordeaux Bunker baute für Unterseeboote.

Eine Schweizer Firma? Wie hiess die?
Leider kann ich mich nicht mehr an den Namen erinnern. Es war eine Schweizer Firma, die im Auftrag der Organisation Todt arbeitete. Ich habe mich auch gewundert, was die Schweizer da machten. Aber für mich war es ja ganz egal, ob sie Schweizer waren oder Chinesen.
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