| [home] | WoZ-Online |
24.06.99
|
||
|
1/4 |
||||
|
|
||||
[zurück zum Dossier]
|
Was, um Himmels willen, hat der liebe Herrgott bei diesen beiden Männern bloss angerichtet? Da sitzen sie ordentlich gekleidet und sauber gekämmt in einer Ecke des mit Segeltuch und Plastikfolie abgedichteten Verschlags und würden am liebsten im Boden versinken. Das Protestieren, so viel wird sofort klar, ist ihre Sache nicht. Verlegen gucken sie an die Bretterwand, und ihre Antworten sind sofern sie überhaupt reagieren kaum hörbar. Welch dumpfe Schuld hat diese Seelen wohl in solche Demut getrieben? Oder trauen sie einfach dem Neuankömmling nicht? Vielleicht ist es ihnen aber auch gleich, was andere von dem Kampf halten, mit dem sie Nordirland gerade in die nächste grosse Krise stürzen. Und überhaupt: Wozu reden, da doch der Aufenthaltsort alles erklärt? Das Behelfszelt, über dem der Union Jack und die Ulster-Fahne mit der blutroten Hand flattern, steht an der Friedhofsmauer der Himmelfahrtskirche von Drumcree. Hier werden sie am nächsten Sonntag sofern nicht noch ein Wunder geschieht den nordirischen Friedensprozess zum Teufel schicken.Harold Gracey, dessen Wohnwagen hinter der Kirche steht, ist ebenso wortkarg. Man habe den Fremden genau beobachtet, um zu sehen, ob er sich von «denen da unten» hat «Lügen» erzählen lassen mehr will er erst einmal nicht sagen; «die da unten» sind die BewohnerInnen des katholischen Viertels an der Garvaghy Road. Auf der Hut müsse man derzeit sein, meint Gracey, der Grand Master des protestantischen Oranier-Ordens von Portadown, und kommt plötzlich in Fahrt: die Terroristen hätten sich ja schon fast an die Regierung gebombt! Wo auf der Welt gebe es denn so was! Und er sagt, dass alle durch die Garvaghy Road gehen dürften, nur er und seine Mitstreiter nicht, das sei doch ein sicheres Zeichen dafür, dass «finstere Mächte am Werke sind»! An diesem Nachmittag sind Gracey und die beiden Kirchgänger im Zelt die einzigen Posten vor Drumcree. Gegen Abend aber kommen die ersten Autos aus Portadown angefahren, später trifft eine Abordnung aus der Grafschaft Tyrone ein, und kurz nach acht haben sich rund zweihundert Männer und Jugendliche bei der Kirche versammelt. Manche tragen purpurfarbene Schärpen, andere haben ihren Bowlerhut aufgesetzt, dann spielen die Trommler und FlötistInnen der Oranier-Loge aus Tyrone das protestantische Triumphlied «Sash», Kirchenlieder und Marschgesänge folgen. Doch marschieren, das dürfen sie nicht. Zweihundert Meter weiter unten, am Fuss des Hügels, haben Polizisten die Strasse abgeriegelt. Hier gibt es kein Durchkommen, also bleiben die DemonstrantInnen oben, reden und warten. Irgendwann gehen die ersten wieder nach Hause, auch die Delegation aus Tyrone fährt heim, kurz nach Mitternacht ist der 62 Jahre alte Harold Gracey wieder allein aber nur bis zum nächsten Morgen. In den letzten elf Monaten hat es über zweihundert Kundgebungen und Demonstrationen dieser Art gegeben, manchmal mit fünfzig, manchmal mit fünfhundert oder fünftausend TeilnehmerInnen. Und nicht immer enden sie so friedlich wie an diesem Tag häufig kommt es zu kleineren Scharmützeln mit der Polizei (die doch eigentlich immer ihre Polizei gewesen war), ab und zu auch zu veritablen Strassenschlachten mit Steinen und Brandflaschen, Hartplastik-Geschossen und Knüppeleinsatz. Denn seit dem 5. Juli 1998 will der Oranier-Orden von Portadown endlich die Parade zu Ende marschieren, die vor einem Jahr von einem Grossaufgebot an Polizei und Armee abgebrochen worden war. Freiheit oder Sklaverei Seit vier Jahren stehen Drumcree und die Garvaghy Road im Zentrum der Aufmerksamkeit die Verhältnisse in der nordirischen Kleinstadt Portadown sind zu einem wichtigen Gradmesser für das politische Klima in Nordirland geworden. Nirgendwo sind die Erschütterungen des protestantischen Gemüts genauer zu registrieren als in dieser Zitadelle des Protestantismus. Denn immer am Sonntag vor dem 12. Juli zogen Mitglieder des Oranier-Ordens von Portadown von Drumcree durch die Garvaghy Road, an der eine irisch-nationalistische Gemeinde lebt, ins Stadtzentrum von Portadown. Am 12. Juli selbst feiern die UnionistInnen* den Sieg Wilhelms von Oranien über die Truppen seines katholischen Konkurrenten Jakob II., die berühmte Schlacht am Boyne 1690. Nur im letzten Jahr kamen sie nicht durch und diese Schmach steckt tief. Vor dem Waffenstillstand der republikanischen und loyalistischen Paramilitärs 1994 hatten Konflikte um Märsche und andere Rituale nur eine untergeordnete Rolle gespielt; jetzt aber geht es um nicht weniger als «Freiheit oder Sklaverei», «Leben oder Tod». So jedenfalls drückt es der protestantische Kirchengründer und Politiker Ian Paisley aus, der jetzt bei der EU-Wahl wieder einmal die meisten Stimmen in Nordirland erhalten hat (und mehr als alle anderen unionistischen Kandidaten zusammen). Die Garvaghy Road, durch die die ProtestantInnen unbedingt marschieren wollen, ist eine breite Strasse, viel zu breit für das bisschen Verkehr einer Kleinstadt. Die irische Trikolore, die an allen Laternenpfählen hängt, signalisiert, wer in den billigen Sozialbauten beidseits der Einfallstrasse wohnt. Rund 6000 KatholikInnen haben sich hier niedergelassen, die Hälfte der Erwerbsfähigen ist ohne Arbeit; eine Tankstelle gibt es, fünf Geschäfte, eine Pommes-frites-Bude, einen Friseur. Nur siebeneinhalb Minuten würde ihr Marsch durch diese 500 Meter lange Strasse dauern, sagt Harold Gracey. Siebeneinhalb Minuten pro Jahr dagegen könne doch nur sein, wer ganz andere Absichten im Schilde führe. Sean Dunbar, 41 Jahre alt, Vater von drei Kindern und seit zwanzig Jahren arbeitslos, sieht das ganz anders. Er sitzt im winzigen Büro der Garvaghy Road Residents Coalition im Gemeindezentrum der katholischen Quartierbevölkerung. Das Community Center ist von einem hohen Zaun umgeben und dient (je nachdem) als Kneipe, als Bingo-Halle, als Zentrum des Mietervereins und einer Behindertengruppe, als Treffpunkt der Jugendlichen. «Von wegen siebeneinhalb Minuten», sagt Sean Dunbar. «Auf jeden Protestanten, der hier durchmarschieren will, kommt ein Polizist. Und auf jeden Polizisten kommen zwei Soldaten. Das sind 4500 Sicherheitsleute, die schon am Abend zuvor alle Strassen und Hauseingänge abriegeln.» Mindestens einen Tag lang stünde das ganze Viertel unter Hausarrest. Anfang der neunziger Jahre hatten die BewohnerInnen der Garvaghy Road genug von dieser alljährlich wiederkehrenden Besetzung ihres Quartiers, sie hatten auch die Nase voll von den Triumphmärschen der Oranier, die mit Pauken, Trommeln, Schmähgeschrei und obszönen Gesten die protestantische Überlegenheit hochleben liessen. Also protestierten sie, erst mit Gejohle, Pfeifen und Spruchbändern am Strassenrand, dann mit Sitzblockaden. *Die vorwiegend protestantischen UnionistInnen befürworten die Union mit Britannien, die vorwiegend katholischen NationalistInnen eine Vereinigung der irischen Nation. Militanter sind die Loyalisten (sie kämpfen gegen Dublin und die katholische Bedrohung) und die Republikaner (sie sind gegen die britische Präsenz auf der irischen Insel). |
|||
| [home] | ||||